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Jean-Luc Nancy

Nach den Avantgarden

Übersetzt von Thomas Laugstien

Veröffentlicht am 11.07.2019

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Mir scheint, dass das Wort »Avantgarde« für mich immer eine Erinnerung war. Ich habe es wahrscheinlich um 1960 gehört, als der Surrealismus schon aus der Mode kam. Fast zur selben Zeit entdeckte ich Bataille und Artaud, denen nicht das Etikett der Avantgarde anhing. Doch hat sich das gesamte geistige Klima in der Nachkriegszeit tiefgreifend verändert.

Die Avantgarden – oder zumindest dieser Begriff: es geht nur um seine Verwendung – hatten für mich von Anfang an einen Geruch des Vergangenen. Der Nachhut, kurz gesagt. Ganz im Ernst: Ich glaube, dass in dem Kontext, in dem ich das Wort entdeckte, das Misstrauen gegenüber dieser militärischen Metapher schon gegenwärtig war. Warum sollte die Kunst auftreten wie eine Armee? Es gab daran Zweifel. Es war nicht so sehr die Idee des Kampfes – wir wussten durchaus, dass sich die Kunst wie auch das Denken immer im Konflikt, im Wettstreit, in der Konfrontation befindet, in einer Auseinandersetzung mit sich selbst. Aber es war uns nicht klar, warum dies eine militärische Form annehmen soll.

Diese Form wurde angenommen, als die revolutionäre Bewegung, die zwangsläufig als eine bewaffnete aufgefasst wurde, die untergründigen Antriebe und Bestrebungen in der europäischen Kultur ergriff. Die Revolution selbst hatte sich, wenn man so sagen darf, militarisiert. Sie war nicht mehr nur aufständisch, sie verband sich (wie schon in der Französischen Revolution) mit Krieg und Bürgerkrieg, aber auch mit dem Krieg als »der einzigen Hygiene der Welt«, wie das futuristische Manifest von 1909 erklärt.

Die Revolution von 1917 hatte nichts dergleichen im Sinn. Sie sollte sich gleichwohl einer kriegerischen Notwendigkeit fügen, der ein militärisch industrialisierter Kommunismus entsprang. Die militärische Industrie, der industrielle Krieg in jedem Sinne und mit allen Beiklängen des Wortes: das war vielleicht die treibende Idee dessen, was wir »Faschismus« nennen. Eine militärische Industrie, die einen neuen Menschen hervorbringen soll.

Und der russische Konstruktivismus schöpfte aus der futuristischen Quelle. Industrie – das Wort umfasst alles: Erfindungs- und Unternehmungsgeist, Produktion, Strategie, Kampfgeist. Man sagte bald »Management«, nachdem man von Planung oder Prognostik gesprochen hatte.


Die Avantgarden waren – in ihren Ideologien und Phantasien, nicht unbedingt in ihren Formen – die am wenigsten bemerkten Aspekte des Faschismus – des Faschismus im weitesten Sinn. Sie erhellen sehr deutlich manche seiner Wesenszüge: den Glauben an einen unaufhaltsamen glorreichen Fortschritt, den Ruf nach einem neuen, ja übermenschlichen Menschentum, die Moral der Kraft und des Willens. Der Faschismus enthält diese Merkmale. Er drückt die Gewissheit aus, von den Errungenschaften der technischen Vernunft bestärkt und von der Rechenhaftigkeit des Bürgertums befreit zu sein. Er will vor allem überwinden, nicht anhäufen.

Die Demokratie ist sein Schreckbild. Sie verlangt nach einem unberechenbaren, absoluten Wert (oder Sinn), den sie im Menschen in der ungreifbaren Form einer »Würde« sucht, während das Prinzip der Überwindung verlangt, dass die Würde (oder Liebe, Gerechtigkeit) selbst durch eine höhere Macht überwunden wird – oder einfach verflüchtigt in die Ordnung oder Mächte, zumindest in die Unterscheidung der Kräfte.


Natürlich hat die Demokratie darauf nicht viel zu entgegnen. Sie hat nicht mehr die Form der Größe (ohne Prunk), des Heroismus (eines eher alltäglichen) oder der Heiligkeit (sei sie säkular oder nicht). Ihr Sieg hat abgeschnittene Hände, wie 1917 Ossip Mandelstam schrieb – kein Vertreter der Avantgarde.


Um nicht missverstanden zu werden: Es ist nicht in erster Linie eine Frage der Politik. Viele Avantgardisten waren keine Faschisten. Und die Faschismen selbst waren nur die auffälligste, oberflächlichste, zur rohen und dumpfen Gewalt verdammte Erscheinungsform einer Bewegung, die heimlicher und tückischer war: dem verzweifelten Verlangen nach dem Neuen, der Erneuerung, der Regenerierung der Welt.

Die Avantgarden haben sich erschöpft ihn ihrem gewaltsamen Vormarsch zu Hervorbringung des Neuen. Das Neue vereinnahmt das, was erst entsteht. Es gibt ihm eine Gestalt, die sogleich veraltet.

Das Neue verkennt den langsamen und schwierigen Weg des Entstehens, durch den ein Neugeborenes auf langsame, schwierige Weise voranschreitet zu etwas anderem als seiner bloßen zerbrechlichen Neuheit.

Die Avantgarde entsteht nicht, sie erscheint in voller Rüstung. Gestern wie heute. Denn es ist immer das »Gestern«, auf das sich das bezieht, was ein »Morgen« hervorbringen will. Es ist immer alt.

Die alte Avantgarde erscheint in voller Rüstung – mit Raketen, Elektronengehirnen, Verkaufsstrategien –, auch wenn sie schon mit abgeschnittenen Händen dasteht.

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Jean-Luc Nancy

Jean-Luc Nancy

zählt zu den bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. Er lehrte bis zu seiner Emeritierung Philosophie an der Université Marc Bloch in Straßburg und hatte Gastprofessuren in Berkeley, Irvine, San Diego und Berlin inne. Sein vielfältiges Werk umfasst Arbeiten zur Ontologie der Gemeinschaft, Studien zur Metamorphose des Sinns und zu den Künsten, Abhandlungen zur Bildtheorie, aber auch zu politischen und religiösen Aspekten im Kontext aktueller Entwicklungen.

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