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Plädoyer für eine Slow Science

Isabelle Stengers

Plädoyer für eine Slow Science

Übersetzt von Marion Schotsch und Susanne Stemmler

PDF, 17 Seiten

Die neuen Management-Instrumente, mittels derer die so genannte Exzellenz unserer Hochschulen heute evaluiert werden, führt zu einer Redefinition dessen, was als Wissen gilt. Isabelle Stengers Eintreten für eine »langsame« Wissenschaft richtet sich in erster Linie an die Spezialisten der »schnellen«, das heißt experimentellen Wissenschaften und deren symbiotische Verflechtung mit Wirtschaft und Industrie. Die Begründung, mit der eine Wissenschaftlerin nach ihrer Teilnahme an öffentlichen Protestaktionen gegen Feldversuche mit genmanipulierten Pflanzen entlassen wurde, ist für Isabelle Stengers Beispiel eines ohnmächtigen, kontextlosen und von ethischen Fragen losgelösten Wissens. Ihr philosophiehistorisch hergeleitetes Plädoyer für ein demokratisches Verhältnis zum Wissen als dringlichste Aufgabe der Universitäten führt uns die Notwendigkeit einer neuen Bedächtigkeit im Umgang mit der Bewertung wissenschaftlichen Wissens vor.

Auf dem stolzen Wappen der Université Libre de Bruxelles, an der ich unterrichte, ist ein Engel zu sehen, der einen Drachen besiegt, dazu das Motto Scientia Vincere Tenebras.2 Das ist ein edler, aber auch äußerst anspruchsvoller Wahlspruch. Verlangt er doch, oder sollte es zumindest, dass sich seine Verfechter fragen, was »Wissenschaft« und »Dunkelheit«, aber auch was »besiegen« hier und heute bedeuten.


Der Engel trägt Harnisch und Lanze. Es gibt hier keine Mehrdeutigkeit, keine sinnliche Übereinkunft, keine Gemeinsamkeit zwischen der bloßen, abstrakten Waffe und dem gekrümmten Körper des Ungeheuers, der von ihr durchbohrt wird. Das ist übrigens auch der Grund, warum man die Kreationisten an meiner Universität so ›schätzt‹: Sie sind die perfekte Verkörperung des Feindes, mit dem ein Kompromiss undenkbar ist. Und bei der Vorstellung, in unseren Schulen oder gar unter unseren Studenten könnte jemand offen – welche Freude, einen Lehrer ins Stottern zu bringen – oder heimlich – mit perfekten Antworten auf die obligatorischen Fragen beweisen, dass man ›verstanden‹ hat – für diesen Feind Partei ergreifen, werden diejenigen, die dabei ihren jugendlichen Elan wiederfinden, von blankem Entsetzen gepackt. Der Kampf ist nicht vorbei, wir sind immer noch die Herolde des Lichts! Null Toleranz! Keine Chance dem Relativismus!


Doch die polemische Doppelbedeutung von »Licht« und »Dunkelheit« reicht weit zurück (ebenso weit wie die Anklage gegen die Sophisten im Namen der damals gerade frisch aus der Taufe gehobenen »Vernunft«). Das aktuelle Hohngelächter könnte die uralte Mobilisierung der Vernunft gegen die Verfechter der Dunkelheit in ein Spektakel für Einfaltspinsel verwandeln, während der glorreiche Engel sich nunmehr damit beschäftigt, seinen h-Index zu verbessern, seine Forschungen auf Themen auszurichten, die eine Publikation in einer renommierten Fachzeitschrift versprechen, oder einen ›Partner‹ aus der freien Wirtschaft zu gewinnen, nunmehr unabdingbar für eine exzellente Forschung, die wohl zu einer ›nachhaltigen‹ Entwicklung, vor allem aber zu einem Wettbewerbsvorteil führt.


»Die Uhren lassen sich nicht anhalten« – diese unvergessliche Formel des Sozialisten Pascal Lamy, damals europäischer Handelskommissar und mittlerweile folgerichtig zum Generaldirektor der Welthandelsorganisation befördert, scheint unsere Situation treffend zu beschreiben. Jeder weiß, dass die neuen Management-Instrumente, mittels derer die Exzellenz des Engels evaluiert wird, unweigerlich zu einer Neudefinition dessen führen, was als Wissen gilt. Die meisten tun aber so, als ob es sich auf die eine oder andere Art nur darum handele, sich neuen Zwängen anzupassen. In diesem Fall scheint die Rolle der Kassandra zwecklos, denn das ›Als ob‹ verweist nicht auf irgendeine Art von Blindheit. Wir wissen alles, was es zu wissen gibt, aber es ist ein ohnmächtiges Wissen im Angesicht dessen, was ebenso unentrinnbar erscheint wie die verstreichende Zeit.


Zuweilen jedoch ergibt sich eine Möglichkeit, das graue Einerlei der Wahrscheinlichkeiten durcheinanderzubringen. Eine Unbekannte kommt ins Spiel und verändert die Wahrnehmung der Situation. Eine winzige Verschiebung nur, aber wenn Denken Widerstand bedeutet, dann muss das Denken um eben diese Unbekannte kreisen. Diesen Versuch werde ich unternehmen, ausgehend von der unbekannten Situation, die durch die Ereignisse des 3. Juni 2011 an der Katholischen Universität von Leuven entstand. Damals wurde die Wissenschaftlerin Barbara Van Dyck sang- und klanglos entlassen. Sie hatte eine Aktion zur ›Dekontaminierung‹ eines Feldes gentechnisch veränderter Kartoffeln unterstützt. Eine hauchzarte Unbekannte zwar, aber eine Möglichkeit tut sich nicht mit einem Schlag auf – nach dem Motto ›jetzt oder nie‹. Vielmehr ähnelt sie einem Haarriss in einem Wahrscheinlichkeitsbrocken, der sich vielleicht zu anderen Rissen gesellt, von denen ein jeder seine eigenen Geschichten und Vorstellungen in sich trägt. So kann es geschehen, dass ein Gesteinsbrocken zerspringt, nicht aufgrund eines einzelnen Risses, sondern aufgrund der Vielzahl von Rissen, die ihn durchziehen, wenn diese sich kreuzen und gegenseitig verstärken.


Solcherlei Risse tun sich hier und dort im akademischen Feld auf. In Belgien gibt es bereits zwei davon: Slow Science (»Langsame Wissenschaft«) und Pour une désexcellence des universités (»Für eine Un-Exzellenz der Universitäten«). Die beiden Namen sind natürlich absichtlich paradox gewählt, geht es doch darum, die Konsensrhetorik zu durchbrechen, ein jeder habe selbstverständlich Exzellenz und Schnelligkeit anzustreben. Ebenfalls verweisen beide auf andere Widerstandsbewegungen, die zum einen Entschleunigung, zum anderen freiwillige Beschränkung propagieren. Die Unterschiede zeigen sich weniger in der Benennung als in der unterschiedlichen Geschichte, den unterschiedlichen Geschichten. So nahm die Initiative Slow Science ihren Anfang in der »Affäre Van Dyck«, die nicht nur in den Fokus rückt, was an den Universitäten vor sich geht, sondern auch das Verhältnis der Universitäten zu ihrem Umfeld, zum Staat, zur Wirtschaft und zu Aktivistengruppen beleuchtet – ähnlich wie die Slow Food-Bewegung, die sich als Gegenentwurf zum Fast Food mit zahlreichen anderen Bewegungen vernetzt hat, die sich ebenfalls gegen eine teuer erkaufte Zeitersparnis wandten. Die Frage der Entschleunigung, im Zusammenspiel mit der Frage nach der Richtigkeit von Themen und Methoden der Forschung, könnte deutlich weiter in die Vergangenheit hineinreichen als das Gebot der Exzellenz. Tatsächlich ist die Verknüpfung von Wissenschaft und Schnelligkeit, wie wir sehen werden, kein neues Phänomen, sondern steht schon seit dem 19. Jahrhundert für eine Wissenschaft, die nicht nur mobil, sondern mobilisiert ist – wie eine Armee, die in Kriegszeiten mobilisiert wird und alles als Hindernis betrachtet, was sie aufhalten könnte. Um zu meinem Ausgangspunkt, dem Sieg der Wissenschaft über die Dunkelheit, zurückzukehren: Nur wenn es gelingt, die reflexhafte Diffamierung abweichender Vorschläge als irrational zu entschleunigen, kann ein Prozess in Gang kommen, der zu einer Emanzipation der sogenannten Vernunft in Hinblick auf die sie vergiftenden Sieges- und Ausrottungsphantasien führt. Dieser Beitrag kreist also um die Slow Science.


Eine entlassene Wissenschaftlerin


Die Tatsache, dass die Suspendierung Barbara Van Dycks im Wissenschaftsbetrieb für erheblichen Wirbel gesorgt hat, ist an sich schon ein bemerkenswertes Ereignis. Denn die Wissenschaftler haben gelernt, die wichtigen Bezugspunkte den individuellen Verdiensten vorzuziehen. Zum anderen begegnen sie allem, was einer Politisierung der Wissenschaft auch nur nahekommt, mit größtem Misstrauen. Es versteht sich von selbst, dass sie in erster Linie dem Fortkommen ihres Forschungszweigs verpflichtet sind. Das beinhaltet alles, was dazu nötig ist, auch die Beschaffung von Finanzmitteln, damit die nachfolgenden Generationen von Forschern weiterarbeiten können. Und sie wurden an den Gedanken gewöhnt, dass sie, wenn sie nur ›gut genug‹ seien, die Partnerschaft mit der Privatwirtschaft nicht fürchten müssten. Letztlich brauche die Industrie eine verlässliche Wissenschaft und wisse daher gute Wissenschaftler zu schätzen. Doch es scheint, als hätten die Maßnahmen gegen Barbara Van Dyck wie ein Alarmsignal gewirkt und mehr als eine Person verunsichert.


Es ist wohl auch ein bewusst gesetztes, deutliches Signal der Universitätsleitung von Leuven an die Adresse potentieller Unruhestifter. Offenbar ging es darum, am Beispiel Barbara Van Dycks zu verdeutlichen, dass es eine neue Grenze zwischen dem Zulässigen und dem Unzulässigen gibt – eine Grenze, die zu verteidigen die Hochschule zu ihrer Aufgabe gemacht hat, ohne auf ein Gerichtsurteil zu warten. Die Führungsriege von Leuven ist der Ansicht, das Vergehen der Barbara Van Dyck fiele in ihre Zuständigkeit und nicht nur in jene der Justiz, denn es richte sich gegen ihre Forscherkollegen und damit gegen die wissenschaftliche Forschung selbst. Die Anbaufläche mit gentechnisch veränderten Kartoffeln war nämlich Teil eines Forschungsprojekts, für das Kollegen der Universität Gent (in Zusammenarbeit mit BASF) verantwortlich zeichneten. Die Aktion vom 29. Mai 2011 gegen die genmanipulierten Kartoffeln in Wetteren, die als politische Praxis ganz offensichtlich in der Tradition des zivilen Ungehorsams steht, wurde auf diese Weise zum Synonym für einen Vertrauensbruch. Er rechtfertigte offenbar die Auflösung des Arbeitsvertrages zwischen Forscherin und Universität – umso mehr, als Van Dyck sich weigerte, Abstand von der Aktion zu nehmen, die sie unterstützt hatte.


Es birgt immer ein Risiko, etwas Unwägbares, wenn man Signale aussendet, die eine Neubestimmung des Zulässigen und des Unzulässigen ankündigen. Entweder sie werden hingenommen und die Operation ist gelungen, oder sie lösen Erstaunen und Unruhe aus. Und in diesem Fall tauchen genau die Fragen auf, die eigentlich unerwünscht sind.


Die Autoritäten von Leuven haben natürlich nicht versäumt zu betonen, dass sie das Recht der freien Diskussion und des freien Meinungsaustauschs nicht infrage stellen. Im Grunde genommen verteidigten es sie sogar, schließt dieses Recht doch jegliche Gewalt als Synonym für gescheiterte Kommunikation aus. Sie hofften auf diese Weise zu vertuschen, dass es nur mit Aktionen zivilen Ungehorsams überhaupt möglich war, eine effektive Debatte über gentechnisch veränderte Pflanzen anzustoßen. Ohne diese Aktionen hätte die Staatsgewalt die Sache mit ein paar Maßnahmen zur Beruhigung der »ängstlichen«, »um ihre Gesundheit besorgten« Bevölkerung abgetan. Dass die Bedenken der Bevölkerung in dieser Sache begründet sind, wissen wir heute nach der kritischen Hinterfragung des toxikologischen Gutachtens. Dabei hatten die Kritiker der Gentechnik wiederholt auf die erstaunlich nachlässigen Vorschriften hingewiesen, die ­eigentlich eine Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung ausschließen sollten. Sie haben aber auch andere Fragen aufgebracht, zum Erbgut der Bevölkerung, zur Patentökonomie, zur Landwirtschaft von morgen und zum Preis, der bereits heute für die »grüne Revolution« gezahlt wird. Wo der wissenschaftliche Fortschritt eine industrielle Innovation zu ermöglichen schien, haben sich immer unbequemere Fragen gehäuft und die Experten ins Stottern gebracht. Aus dieser Sicht könnte man sagen, dass die Aktionen zivilen Ungehorsams einen produktiven Raum kollektiver Intelligenz geöffnet und offen gehalten haben, dem ich mich im Übrigen verpflichtet fühle.


Der zivile Ungehorsam gegenüber den genmanipulierten Anpflanzungen hatte sicherlich nicht die Kraft, die Uhren Pascal Lamys aufzuhalten, aber er hat dem Bild der Uhr eine ganz neue Bedeutung verliehen. Wenn Gewalt im Spiel ist, dann diejenige, die diesem Bild inhärent ist, nämlich die Reduzierung der ›freien demokratischen Debatte‹, die den Autoritäten von Leuven so sehr am Herzen liegt, zu folgenlosem Geschwätz. Die Figur des Engels, der den Drachen der Finsternis durchbohrt, erhält ebenfalls eine neue Bedeutung, wie auch das Ungeheuer, das sich abscheulich und besiegt zu seinen Füßen windet. Die Entlassung der Barbara Van Dyck ist in der Tat ein deutliches Signal – was besiegt werden muss, ist nichts anderes als die »ungeheuerliche« Vorstellung, das grundlegende demokratische Recht, die Zukunft zu denken, könne tatsächlich Konsequenzen haben und den Lauf der Geschäfte stören. 


Es sei an dieser Stelle betont, dass die Biotechnologie nicht Barbara Van Dycks Forschungsgebiet ist und dass sie lediglich über die allgemein zugänglichen Informationen zu den besagten Kartoffeln verfügte. Sie hat also keineswegs in der Art eines whistle blower das Vertrauen ihrer Kollegen missbraucht, sondern als Bürgerin gehandelt. Das Signal der Leitungsebene von Leuven bedeutet folglich, dass sie es als rechtens betrachten, die gesamten Aktivitäten der Universitätsangestellten zu kontrollieren, und nicht nur das, was diese im Rahmen ihres Arbeitsvertrages tun. Das führt uns zurück in die Zeit der mittelalterlichen Zünfte. Ein Zunftmitglied war übrigens kein Bürger, er besaß kein unabhängiges Leben jenseits der Körperschaft, deren Mitglied er war. Wie die alten Zünfte nimmt sich auch die Universität das Recht einer schnellen und harten Rechtsprechung – ohne Verteidiger, dafür aber mit der Forderung zu bereuen und zu widerrufen. Wie es heißt, könnte dieses Recht zukünftig in den Arbeitsverträgen der Forscher festgeschrieben werden, und es ist absehbar, wie die Universität diesen Sonderfall begründen wird: die Wissenschaft dient dem menschlichen Fortschritt und muss daher beschützt werden.


Die Begründung, mit der die Autoritäten von Leuven das Sonderrecht bereits für sich beanspruchen, wenn sie die Forscherin entlassen, verleiht überdies dem Begriff der Kollegialität eine völlig neue Bedeutung. Das wissenschaftlich generierte Wissen verdankt bzw. verdankte seine spezifische Glaubwürdigkeit einer kollektiven Dynamik von Einwänden und Erprobungen, durch die der Begriff ›Kollegen‹ einen konkreten und streng festgelegten Sinn erhält bzw. erhielt. Die Kollegen sind diejenigen, von denen jeder abhängt, denn die Arbeit des Einzelnen gewinnt erst an Bedeutung, wenn sie als glaubwürdig anerkannt wird, wenn sie als Argument verwendet und in anderen Forschungen weitergeführt werden kann. Dieser Begriff von Kollegialität bedeutet, Fragen zu stellen, Fragen nach den Publikationen zu Freiland-Experimenten mit gentechnisch veränderten Organismen, nach der Geheimhaltung im Dienste von Wirtschaftsinteressen und auch nach dem Ziel solcher Experimente. Und vielleicht gerade, weil solche Fragen keinesfalls aufkommen sollen, wird nunmehr eine umfassende und geradezu blinde Loyalität unter Kollegen gefordert, die jegliches Tun von ›Wissenschaftlern‹ mit dem Schleier der ›Wissenschaft‹ zudeckt.


Folglich arbeiten nunmehr alle, die an der Universität beschäftigt sind – per Definition – am Fortschritt des Wissens, der – per Definition – der alleinige Motor des menschlichen Fortschritts ist. Und der Wissensfortschritt ist gleichbedeutend mit dem Arbeitsergebnis jener, die sich untereinander ›Kollegen‹ nennen. Die ›Wissenschaft‹ ist nichts anderes als das, was Wissenschaftler tun, wofür sie bezahlt werden.


Die Kartoffeln von Gand-BASF waren in diesem Fall selbstverständlich nicht Teil einer Untersuchung ohne jedes Erkenntnisinteresse. Aber sie waren auch nicht an der Produktion irgendeines Wissens beteiligt. Sie erbrachten nicht einmal das für die Eintragung in den Sortenkatalog nötige Wissen – ein potentiell wichtiger Schritt auf dem Weg zur Vermarktung. Ihre Aufgabe scheint es vielmehr gewesen zu sein, die Akzeptanz genmanipulierter Kartoffeln im Land der Kartoffel schlechthin zu testen – und zu fördern. Es handelte sich um eine regelrechte Werbekampagne für die »Kartoffel der Zukunft«, um den Slogan zu zitieren, der die flämischen Landwirte auf einem Plakat begrüßte.


Werbung ist üblicherweise Sache der Unternehmen, und in diesem Sinne gehört die Aktion vom 29. Mai zu den Risiken, die jede Werbekampagne eingeht. Dass die Autoritäten von Leuven eine Werbeaktion mit dem Titel ›Wissenschaft‹ adeln, wirft Licht auf einen neuen Aspekt der Wissenschaftsökonomie, der angeordneten Partnerschaft zwischen öffentlicher Forschung und Wirtschaft. Nicht nur Forscher, Ausstattung und öffentliche Gelder sind für die Partner aus der Industrie interessant, sondern auch das Siegel der ›wissenschaftlichen Legitimität‹. Die Universität bietet ihren Partnern einen neuen Service, nämlich geschützte Orte, die sie im Namen der Wissenschaft verteidigt. Auch hier, so könnte man sagen, hat der zivile Ungehorsam hinsichtlich der »Finsternis«, die uns bedroht, eine »scientia« hervorgebracht.


Die Aufgabe der Universität


Es wäre verlockend, an dieser Stelle einfach die freie, keinem Interesse verpflichtete und in der Tat schutzwürdige Forschung der von Wirtschafts- und Industrieinteressen geleiteten Forschung gegenüberzustellen. Doch dieses Argument möchte ich vermeiden, wie groß die Versuchung auch sein mag, und auch wenn die Wissensökonomie gerade dabei ist, die Option einer von Privatinteressen unabhängigen Wissenschaft zu zerstören. Hier steht der Sinn der Slow Science-Bewegung selbst auf dem Spiel. Es gilt, der Versuchung zu widerstehen, einfach einer vergangenen Zeit nachzuweinen, »als die Wissenschaft noch respektiert wurde«. Der zivile Ungehorsam im Umgang mit der Gentechnik verlangt es, einen Schritt weiter zu gehen, denn in einer solchen nostalgisch verklärten Vergangenheit hätten die Wissenschaftler in diesen Falle, ganz interessensfrei, nur die »rein wissenschaftlichen« Verfahren entwickelt, die dann durch andere Wissenschaftler im Dienste der Industrie zur Produktion gentechnisch veränderter Kulturen »angewandt« worden wären.


Auch möchte ich vermeiden, ein Sonderrecht einzufordern, wenn ich der Frage nach der Aufgabe der Universitäten nachgehe, die heute in krassem Widerspruch zu ihrer ursprünglichen Definition als Orte der Lehre und der sich frei entfaltenden Forschung umgedeutet werden. Überall, und nicht nur an den Universitäten, wird im Namen der Flexibilität, des Wettbewerbs und der Anpassung an die Erfordernisse des Marktes fortschreitend und hartnäckig das zerstört, was die Marxisten früher »lebendige Arbeit« nannten: eine Arbeit, deren Sinn sich für die Arbeitenden nicht in der finanziellen Entlohnung erschöpft. Diesen Sinn kann und konnte man natürlich schon immer als eine korporatistische Illusion denunzieren. Schon die Vorstellung einer ›guten Arbeit‹ provoziert Spötter, die hier faule Altlasten wittern. Doch es bleibt dabei: Der Spott der einstigen Anhänger dieser Ideen oder ihrer Nachkommen in und außerhalb der Universität entspringt in erster Linie der Verzweiflung und dem Zynismus und nicht entmystifizierender Emanzipation. Und nichts tun die Verzweifelten und Zyniker lieber, als anderswo das zu zerstören, was bei ihnen bereits zerstört wurde. Die Frage nach der Aufgabe der Universität heutzutage neu zu stellen bedeutet folglich nicht, Privilegien zu verteidigen, sondern den nicht allgemein und für alle gültigen Versuch zu unternehmen, auszuloten, »wo wir stehen«. Die Universität ist ein Ort unter vielen, an denen sich die Frage stellt: Können wir noch Widerstand leisten? Was können wir aus unserem Mangel an Widerstand lernen? Widerstand verlangt, gegen den Zynismus und die Verzweiflung anzudenken, gegen ein ohnmächtiges »was nutzt es schon?«, gegen den hellsichtigen Fehlschluss »wir haben es verdient!« Er verlangt, das Mögliche gegen das Wahrscheinliche zu denken.


Die Forscher aus den Bereichen, in denen es um Verfahren und Patente geht, sind sicherlich in einer anderen Position als ich als Philosophin – und die Situation der Geistes- und Sozialwissenschaftler ist nochmals eine andere. Manche denken wohl, sie seien auf die eine oder andere Weise unverzichtbar. Es zeichnet die Philosophie aus, dass sie sich nicht auf diese Hoffnung stützen kann. Für viele meiner Kollegen sind wir Philosophen Schwätzer, Relikte aus einer Zeit, als es die ernsthaften Wissenschaften, die ihre Zeit nicht mit müßigen Fragen vergeuden, noch nicht gab. Doch die Philosophie hatte an der Universität unter anderem die Aufgabe, jene aufzunehmen, die von anderswo kamen und Zeit brauchten, um die Fragen zu formulieren, die anderswo Zeitverschwendung waren. Es braucht Zeit, vorgefertigte Fragen nicht einfach zu akzeptieren – in Zukunft soll man im akademischen Betrieb offenbar nur noch vorgefertigte Fragen stellen. In dieser Zukunft wird es vielleicht noch Philosophen an der Universität geben, aber es werden ›schnelle‹ Philosophen sein, die in fachlich anerkannten Zeitschriften publizieren, die von anderen schnellen Philosophen gelesen werden. Doch was mich zu einer Philosophin hat werden lassen, wird – zumindest an der Universität – nicht mehr existieren.


Jenseits der Unterschiede und Gruppeneinteilungen der Universitätsangehörigen möchte ich mit Blick auf diejenigen denken, denen die Universität Rechenschaft schuldet: Wenn es um die Aufgabe der Universität geht, ist der Fokus auf die Studierenden vielleicht der richtige Ansatz. Wer sich heute an einer Universität einschreibt, gehört zu einer Generation, die eine für uns nur schwer vorstellbare Zukunft vor sich hat. Das trifft natürlich auf alle Generationen zu, doch noch nie war die Diskrepanz zwischen dem, womit wir uns beschäftigen, und dem, was wir bereits über diese Zukunft wissen, so gewaltig wie heute. Und natürlich ist die Mehrzahl der Studierenden wie wir – sie wissen, doch sie wissen mit diesem Wissen nichts anzufangen. Es ist an uns, Verantwortung für diese Diskrepanz zu übernehmen. Vielleicht müssen wir auch gegenüber jenen, die gar nicht an der Universität sind, eine gewisse Scham empfinden angesichts des (noch) in uns gesetzten Vertrauens. Denn sie stellen sich die Hochschule als einen Ort vor, an dem man – welch Luxus! – daran arbeitet, die Fragen zu stellen, die sie selbst zu stellen nicht die Möglichkeit haben. Um den Titel des Buches von Al Gore aufzunehmen: Die Bewohner dieses Planeten müssen sich unbequemen Wahrheiten stellen. Wenn wir, die wir ausgewählt und ausgebildet wurden und nun bezahlt werden, um solchen Wahrheiten ins Auge zu schauen, dessen nicht fähig sind, wie sollen es dann die anderen sein?


Um es deutlich zu sagen: Wer heute versucht, mit diesen unbequemen Wahrheiten zu denken und zu handeln, und wer insbesondere die Ausrichtung unserer Landwirtschaft für völlig verfehlt hält, für den ist die Angelegenheit klar – wie könnte man ihm widersprechen? Es spricht alles dafür, dass die Universitäten und die Experten, die dort ausgebildet werden, Teil des Problems und nicht Teil der Lösung sind. Doch es bleibt die zarte Unbekannte, eine winzige Möglichkeit, die mich dazu bewegt, meine Stimme zu erheben und mich mit der Aufgabe der Universität zu befassen, wie sie der Mathematiker und spätere Philosoph Alfred North Whitehead im Jahr 1935 definierte:


»Die Aufgabe einer Universität ist die Erschaffung von Zukunft, sofern rationales Denken und zivilisierte Weisen der Einsicht etwas zu diesem Thema beitragen können. Die Zukunft ist groß und beherbergt jede Möglichkeit für große Leistungen und Tragödien.«3

Dieser Vorschlag mag unglaublich dröge erscheinen, doch er ist insofern originell, als weder von Fortschritt noch von Wissenszuwachs die Rede ist, sondern von einer durch radikale Ungewissheit geprägten Zukunft. Wir wissen nicht, wie sie aussehen wird, und wir wissen auch nicht, in welchem Maße »rationales Denken und zivilisierte Weisen der Einsicht« dabei eine Rolle spielen können. Was bleibt, und das ist hier von Bedeutung, ist die Aufgabe, sie zu pflegen.


Oder genauer gesagt, sie pflegen zu lernen, ihre Erfordernisse zu begreifen, denn der Vorschlag von Whitehead klingt bereits 1935 wie ein Plädoyer, wenn nicht wie eine Bittschrift. Was aus ihm einen Philosophen machte, ist untrennbar mit der Angst verbunden, die ihm – wie er in Wissenschaft und Moderne Welt schreibt – das wichtigste Ereignis des 19. Jahrhunderts und seine Auswirkungen macht: »die Entdeckung der Methode, Profis auszubilden, die sich auf besondere Denkgebiete spezialisieren und dadurch ständig das Wissen innerhalb der Grenzen ihres jeweiligen Themengebietes erweitern.«4

An dieser Stelle sollte man jegliches Missverständnis vermeiden. Whitehead stellt nicht die Spezialisierung als solche in Frage. Er kritisiert nicht die spezialisierte Ab­straktion im Namen eines »guten Wissens«, das nah bei den konkreten Dingen bleibt. Whitehead war Mathematiker, und seines Erachtens »kann man ohne Abstraktionen nicht denken«. Die Wahrnehmung selbst, so schreibt er, ist der Triumph der Abstraktion. Aber gerade die besondere Bedeutung der Abstraktion heißt auch, dass sie keinen herausgehobenen Bezug zum »rationalen Denken« hat. Vielmehr ist sie für Whitehead das, worauf jedes Denken, das rational sein möchte, achten sollte: Wir müssen sorgfältig mit unseren Abstraktionen umgehen! Das weiß im Übrigen jeder erfahrene Handwerker, für den die Benutzung eines Werkzeugs immer eine Entscheidung ist, die eine Auswahl trifft und etwas Bestimmtes betont. Es reicht folglich nicht aus, mit dem Werkzeug umgehen zu können. Nicht nur sollte man die Situation hinsichtlich des einzusetzenden Werkzeugs einzuschätzen wissen, sondern auch die Sachdienlichkeit des Werkzeugs für die Situation berücksichtigen. Das Gleiche gilt nach Whitehead auch für den Denkvorgang: Wir müssen auf unsere Modi der Abstraktion achten.


Und genau diese Achtsamkeit fehlt nach Whitehead den »Profis«. Eine solche Situation bringt, so schreibt er,


»Intellektuelle wie in einer Schiene hervor. Jeder Berufszweig macht seine eigenen Fortschritte, aber es sind Fortschritte, die in der jeweiligen Schiene bleiben. […] Die Schiene verhindert, daß man durch die Lande schwärmt, und die Abstraktion abstrahiert von etwas, dem man keine weitere Beachtung schenkt. […] Natürlich ist niemand nur Mathematiker oder nur Rechtsanwalt. Die Menschen haben auch ihr Leben außerhalb des Berufs oder des Geschäfts. Entscheidend ist aber die Einschränkung des ernsthaften Nachdenkens auf die Bahn der Schiene. Das restliche Leben wird oberflächlich behandelt und auf die unvollkommenen Denkkategorien reduziert, die aus einem Beruf abgeleitet sind.«5

Die Profis, ein fester Personenkreis mit festen Aufgaben, sind als solche, wie Whitehead betont, keine neue Erscheinung. Doch der Profi früherer Zeiten war Schreiber, Beamter oder Astronom – der Inbegriff kurzsichtiger Gewissenhaftigkeit. Neu ist indes die Verknüpfung von Beruf und Fortschritt. 


Im Folgenden werde ich auf eine etwas nebulöse Formulierung zurückkommen, mit der Whitehead die Ausbildung der Fachleute beschrieb, die keine »Gewohnheiten der konkreten Wertschätzung individueller Tatsachen in ihrer umfassenden Wechselwirkung von auftauchenden Werten«6 erlernen. Man beachte, dass von »Gewohnheiten« die Rede ist, nicht von einem »anderen Wissen«. Ferner steht die »konkrete Wertschätzung« nicht im Gegensatz zur spezialisierten Abstraktion, sondern verbindet das rationale Denken mit der Fähigkeit, sorgsam mit der Abstraktion umzugehen, d.h. sie eben nicht für ein Urteil zu instrumentalisieren, das die »individuelle Tatsache« erdrückt und nur das, was sie an ihr als wichtig erachtet, gelten lässt. Zuvor möchte ich auf die »Entdeckung« der Ausbildungsmethode für Fachleute zurückkommen, die aus meiner Sicht der Geburtsakt der Art von Universität ist, die heute im Verschwinden begriffen ist (und häufig fälschlicherweise als »humboldtianisch« bezeichnet wird). Denn sowohl Whiteheads Bittschrift bezüglich der Aufgabe der Universität als auch der Komplex der Slow Science treffen hier auf die brennende Frage unserer Zeit: »Was ist uns widerfahren?«


Die Erfindung einer »schnellen Wissenschaft«


Zunächst möchte ich eine Geschichte erzählen, und zwar, wie Justus von Liebig aus der Chemie den Prototyp einer »schnellen Wissenschaft« machte.


In dem Artikel »chymie« der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert beschreibt der Chemiker Gabriel François Venel seine Wissenschaft als eine »verrückte Leidenschaft«. Man brauche, so schrieb er, lebenslange Erfahrung, um die verschiedenen chemischen Vorgänge wirklich zu beherrschen. Jeder besitze seine feinen Eigenheiten, die manchmal auch gefährlich seien und in so unterschiedlichen Bereichen wie der Parfümherstellung, der Metallverarbeitung oder der Pharmazie Anwendung fänden. Dagegen erhielt ein Student in Liebigs Labor in Gießen seinen Doktortitel nach drei oder vier Jahren intensiver Arbeit. Doch handwerkliche Kenntnisse und Fertigkeiten erwarb er dabei nicht. Er hatte es nur mit standardisierten Produkten und Abläufen zu tun und war lediglich mit den neuesten Methoden und Apparaturen vertraut. Liebig wurde nachgesagt, er »züchte« Chemiker heran, denn in Gießen bildete er zwischen 1824 und 1851 hunderte Studenten aus aller Herren Länder aus, von denen viele ihr eigenes Forschungs- und Ausbildungslabor nach demselben Muster gründeten, während andere eine Schlüsselrolle beim Aufbau der neuen und mächtigen deutschen Chemieindustrie spielten.


Liebigs Erfindung dessen, was man eine »schnelle« Chemie nennen kann, bedeutet einen Einschnitt, der nichts Epistemologisches an sich hat und auch nicht die »reine« von der »angewandten« Chemie trennt. Der Chemiker war fortan zwar abgeschnitten vom vielgestaltigen chemischen Handwerk, doch verbanden sich akademische Forschung und das neue Netz industrieller Chemiefabriken in einer fast schon symbiotischen Beziehung: einer braucht den anderen, ernährt den anderen und wird von dem anderen ernährt. Die Chemie »schafft selbst ihren Untersuchungsgegenstand«, sagte man im 19. Jahrhundert. Diese Formel würdigt die erste Wissenschaft, die sich in der Tat nicht darauf beschränkt, zu extrahieren oder – im herkömmlichen Sinne – zu ›abstrahieren‹, sondern bei ihren Prozessen nur Zutaten duldet, die anderen Abstraktionsvorgängen entspringen. Daher sagt die Chemie des 19. Jahrhunderts nicht »nein« zum Chemiegewerbe, wie Bachelard meinte. Der ›moderne‹ akademische Chemiker hat den Handwerkern nichts mehr zu sagen, weil er gar nicht in der Lage ist, sie zu verstehen. Sein Wissen bezieht sich auf Prozesse, die genormte, industriell hergestellte Chemikalien voraussetzen (auf einer einsamen Insel könnte ein Chemiker mit seinem Wissen nun nicht mehr viel anfangen). Er ist also symbiotisch mit der Industrie verstrickt, die die Massenfertigung jener Substanzen entwickelt, die er selbst zu isolieren und zu identifizieren oder zu synthetisieren gelernt hat. Es gab hier keinen ›epistemologischen Bruch‹, sondern eine Entkopplung. Die einzigen wahren Ansprechpartner des neuen akademischen Chemikers, die einzigen, die seine Sprache verstehen, gehören dem neuen Industrienetz an und haben die gleiche Ausbildung wie er.


Eine Symbiose impliziert divergierende Interessen, verbunden mit dem ständigen Risiko, dass die einen oder die anderen Überhand nehmen, so dass eine simple Abhängigkeitsbeziehung entsteht. Daher verwundert es nicht, dass Liebig, der selbst eine äußerst wichtige Rolle bei der Entwicklung der industriellen Chemie gespielt hat, ab 1863 als vehementer Verfechter einer interessensfreien, reinen, autonomen akademischen Forschung auftritt. Sein Pamphlet »Lord Bacon« ist eine heftige Attacke gegen die »Bacon’sche Wissenschaft«, der er vorwirft, sie beschäftige sich mit auf das Gemeinwohl ausgerichteten und folglich »unwissenschaftlichen« Fragen. Liebig ist demnach der Erfinder des sogenannten »linearen Modells«, das aus der interessensfreien Forschung den Ursprung der industriellen Entwicklung macht, die selbst wiederum Quelle des menschlichen Fortschritts ist. Diesem Modell entspricht das Bild des akademischen Forschers als »Henne, die goldene Eier legt«. Es führt der Industrie unentwegt vor Augen, dass sie in ihrem eigenen Interesse Distanz wahren und dem Forscher die Freiheit lassen muss, seine Fragen selbst zu formulieren. Nur er ist in der Lage zu entscheiden, welche Fragen fruchtbar sein und zu einer Weiterentwicklung des Wissens beitragen können und welche eine nur empirische und unsichere Antwort zeitigen würden, eine Anhäufung ergebnisloser Fakten. Die Industrie mag versucht sein, ihre eigenen Fragen zu diktieren, doch das wäre ebenso dumm wie die Henne mit den goldenen Eiern zu schlachten.


Hier sind wir an einem entscheidenden Punkt angelangt. Für viele Wissenschaftler konstituiert die symbiotische Struktur, die ich mit der Chemie Liebigs und dessen Schülern beschrieben habe, die normale Situation, der gegenüber die aktuelle Wissensökonomie das schon lange absehbare Desaster darstellt: Man ist dabei, die Henne mit den goldenen Eiern zu schlachten! Mit der Rede von der Slow Science wollen sie einfach daran erinnern, dass ›gute Wissenschaft‹ Zeit benötigt, um ihre eigenen Fragestellungen zu entwickeln. Dem möchte ich auch nicht widersprechen, sondern das Argument etwas differenzieren und zunächst zwei Aspekte der im 19. Jahrhundert erfundenen wissenschaftlichen Arbeitsweise beleuchten, die häufig unerwähnt bleiben.


Das ist zum einen die regelrechte ›Klassentrennung‹ zwischen den Wissenschaftlern, je nachdem, ob sie im geschützten, sogenannten akademischen Bereich tätig sind oder ob sie ihre Arbeitskraft an die Wirtschaft verkaufen. Wenn man »in die Wirtschaft geht«, bedeutet das im Allgemeinen, dass man nicht mehr »Kollege« ist, dass man keine Möglichkeit mehr hat, etwas zum öffentlichen Wissen beizutragen, und dass man im Gegenteil dem Betriebsgeheimnis unterliegt. Die sogenannte »reine« Wissenschaft verdankt ihre Reinheit der Tatsache, dass sie den Großteil der ihren diesem gefürchteten Schicksal überlassen hat – das sie nun wieder einholt. Wenn die heutigen Wissenschafts-­Communities dem Schicksal der whistleblower aus der Industrie immer noch weitgehend gleichgültig gegenüberstehen, so ist das in dieser Hinsicht charakteristisch. Ebenso unbeliebt sind whistleblower aus dem akademischen Betrieb, wenn sie versuchen, die Öffentlichkeit auf die wenig vertrauenswürdigen Eigenschaften dessen aufmerksam zu machen, was gerade dabei ist, zum goldenen Ei zu werden. Es herrscht fast schon ein Schweigegebot bezüglich der Verbindungen zwischen Wissenschaftlern und Wirtschaft, an das sich die Kollegen zu halten haben. Sie werden schließlich alle aus öffentlichen Geldern finanziert, um die wirtschaftliche Innovation zu befördern, nicht um ihr Steine in den Weg zu legen!


Wobei wir beim zweiten häufig vernachlässigten Aspekt wären: Die Metapher von der Henne und den goldenen Eiern verstellt zum Teil den Blick auf die wichtige Rolle, die ein in »schneller Wissenschaft« geschulter Wissenschaftler bei der sogenannten »Valorisierung« der Wissenschaft spielt.


Die offizielle Version lautet, die akademische Henne lege ihre Eier und freue sich, wenn sich manche im Hinblick auf die industrielle Entwicklung als golden entpuppten. Sie hoffe auf einen Vorteil für die gesamte Menschheit, fühle sich aber nicht verantwortlich, wenn dem nicht so sein sollte. Das sei nicht nur nicht ihre Sache, sie dürfe es auch gar nicht sein, sonst hätte man es mit einer unzulässigen Vermengung der »Tatsachen« und der »Werte« zu tun. Die Henne kann also nur hoffen, dass diejenigen, denen sie ihre Eier anvertraut, im Sinne des Gemeinwohls handeln. Ihre eigene Aufgabe besteht dagegen darin, immer wieder daran zu erinnern, dass der menschliche Fortschritt auf der Erweiterung des Wissens beruht – der sie sich ganz und gar zu widmen hat. Mit anderen Worten: Die Henne darf sich nicht mit Dingen aufhalten, die ihre Wissenschaft nicht direkt weiterbringen, und muss folglich alle Fragen ignorieren, die zu Verzögerungen oder gar zur Besorgnis um das Schicksal ihrer Eier führen könnten.


In ihrer Ausbildung zu »schnellen« Wissenschaftlern wird den Nachwuchswissenschaftlern diese Vorstellung nachdrücklich eingehämmert. Häufig und ein wenig formelhaft erklingt die Klage über die »Parzellierung des wissenschaftlichen Wissens«, die nahelegt, diese sei etwas ›Natürliches‹ und Ergebnis der Spezialisierung. Dabei handelt es sich um einen Schlüssel der »Methode, Profis auszubilden«, die für Whitehead eine der großen Erfindungen des 19. Jahrhunderts war. Auf die eine oder andere Weise, explizit oder implizit, lernen die Wissenschaftler, Fragen als »unwissenschaftlich« abzutun, die nicht in ihre Schiene gehören. Aus der Sicht ihres Fachs ist eine Beschäftigung damit nichts als Zeitverschwendung – auch wenn diese Fragen für andere akademische Disziplinen von Bedeutung sind. Wollen sie ›wahre Wissenschaftler‹ sein, müssen sie dieser Versuchung widerstehen. So ist es möglich, dass gentechnisch veränderte Organismen als der vernünftige Weg zur Bekämpfung des Welthungers angepriesen wurden, ohne dass der Wissenschaftsbetrieb sich darüber aufgeregt hätte. Was tut es schon zur Sache, dass in anderen akademischen Bereichen die sozialen, politischen und ökonomischen Mechanismen, die bei Hungersnöten zusammenwirken, analysiert und diskutiert werden? Diese Analyse soll keinesfalls auf einem anderen Gebiet die Umwandlung eines gelegten Eis in pures Gold verzögern.


Doch dieses Beispiel zeigt auch, was die offizielle Version der Geschichte verschweigt. Die Henne interessiert sich aktiv für die Vermarktung ihrer Eier. Die Biologen, die die Techniken der Genmanipulation entwickelt haben, waren von Beginn an in der »Biotechnologie« genannten Sparte aktiv. Sie selbst haben die These unterstützt, wonach die gentechnisch veränderten Organismen ein Stück Zukunft seien – sie würden das Problem des Welthungers bei der Wurzel packen, endlich seine ›rationale‹ Lösung ermöglichen, ohne sich im Einzelnen mit ihm und seinen nur kontingenten Aspekten auseinandersetzen zu müssen. Die Bewertung ihrer Arbeit, der Kontakt mit jenen, die ihren Forschungsergebnissen einen ›nichtwissenschaftlichen‹ Wert geben können, war den Wissenschaftlern immer wichtig – auch wenn ihre Namen, wie bei Pasteur oder Marie Curie, mit dem Ideal einer interessensfreien Forschung assoziiert werden. Das soll kein Vorwurf sein. Es gäbe keine Forschung, wenn die Wissenschaft nicht über ein Umfeld verfügte, für das Forschungswissen bedeutsam ist. Wie Dominique Pestre7 zu Recht in Erinnerung rief, ist das Problem der Valorisierung, also des Wertes, der ihren Erkenntnissen beigemessen wird, fester Bestandteil der Existenz von Wissenschaft. Die Frage, die sich angesichts der »schnellen Wissenschaft« stellt, betrifft nicht so sehr die unehrliche Henne, die sich interessensfrei gibt. Es ist vielmehr die enge Beziehung zwischen den Forschungserfolgen – ›Fakten‹, auf die sich alle an ihrer Erzeugung Beteiligten verständigen können – und der Auswahl jener, für die diese Fakten wichtig sind. Die »schnelle Wissenschaft« zeichnet sich nicht durch Isolation aus, Stichwort Elfenbeinturm, sondern durch die aktive und freiwillige Beschneidung ihres Umfelds.


Als Liebig die Chemie als »schnelle Wissenschaft« erfand, indem er sie vom chemischen Handwerk trennte, hat er sie auch von den Anforderungen abgetrennt, die an dieses Handwerk herangetragen wurden, von dem Boden, in dem es wurzelte. Doch die Wissenschaft, die ich »schnell« nenne, bildet Profis im Sinne Whiteheads aus, keine nur durch ihre Abstraktionsmodi von solchen Anforderungen abgetrennten Spezialisten: Ihrem wissenschaftlichen Nachwuchs wird jedes intellektuelle und imaginative Rüstzeug vorenthalten, das ihnen erlauben würde, sich in einem Modus jenseits des (oberflächlichen) Urteils zu ›situieren‹. Er wird angehalten, die Anforderungen, die er noch gar nicht kennt, zu isolieren und die ›objektiven‹, ›rationalen‹ Dimensionen eines Problems von einem Rest, d.h. zweitrangigen, subjektiven oder willkürlichen Komplikationen, abzuscheiden. Diese isolierte Betrachtungsweise ist symbiotisch mit den Interessen der Wirtschaft verknüpft, die alles ignoriert, was ihr Vorgehen verkomplizieren könnte. Hier ist gar keine direkte Mobilisierung vonnöten, nur die symbiotische Beziehung zwischen Abstraktionsmodi.


Dennoch ist die direkte Mobilisierung nunmehr an der Tagesordnung. Die Wissensökonomie läutet das Ende der Henne und des geschützten Raumes ein, wo sie ihre Eier legen konnte. Man könnte einwenden, dadurch ändere sich nichts, war doch die durch Liebig und seine Kollegen erreichte Objektivität immer schon eine Illusion. Ich würde aber dagegenhalten, dass hier gerade die ›gesellschaftliche Verfasstheit‹ der Vertrauenswürdigkeit zerstört wird, die die »schnellen Wissenschaften« voll und ganz für sich beanspruchen konnten. Zukünftig gibt es vielleicht viele hart arbeitende Wissenschaftler, die Fakten in einer Geschwindigkeit produzieren, welche eine immer ausgeklügeltere Instrumentierung erlaubt. Wie aber diese Fakten geschaffen und interpretiert werden, wird die etablierten Interessen nur noch bestätigen.


Man kann es nicht oft genug betonen: Die Vertrauenswürdigkeit der Aussagen der kumulativ arbeitenden Wissenschaften, die ich »schnelle Wissenschaften« nenne, beruht nicht auf einer ›objektiven Methode‹, die unterschiedslos in einem Elfenbeinturm und einem Industrielabor angewandt werden könnte. Sie basiert darauf, dass der Erfolg eines Wissenschaftlers von seinen ›kompetenten Kollegen‹ abhängt, ob sie ein Interesse haben, Einwände zu erheben und Schwachstellen zu suchen oder auch eine Aussage auf ihre Folgen hin zu befragen, die – je nachdem, ob sie überprüft werden oder nicht – den Erfolg vergrößern oder schmälern. Das Kollegeninteresse zeichnet sich dadurch aus, dass die Einwände nicht böswillig sind. Die Kollegen müssen, gerade weil und in dem Maße wie sie selbst betroffen sind, jede ›interessante‹ Aussage auf die Probe stellen. Übernehmen sie ein Forschungsergebnis, sind sie durch dessen Konsequenzen gebunden und müssten es sogar in ihre eigenen Forschungen einbringen. Doch diese anspruchsvolle Verbindung ist in Gefahr, wenn diese Kollegen fast alle Wirtschafts­interessen verpflichtet sind. Ein Patent anzumelden ist weitaus weniger anspruchsvoll, ebenso wie anstelle eines goldenen Eis eine wahre Goldgrube zu versprechen. Mit anderen Worten: Es gibt fortan durchaus andere Wege zum Erfolg für einen ›Wissenschaftler‹, als das Zugutehalten eines als zuverlässig anerkannten Ergebnisses. Es könnte sich nun die kollektive Weisheit durchsetzen, wonach man den Ast, auf dem alle sitzen, nicht absägt. Niemand wird allzu viel einzuwenden haben, sollten die fraglichen Einwände die mit einem Forschungsfeld verbundenen Versprechen bedrohen. Abweichende Stimmen werden als »Minderheitsmeinung« disqualifiziert, die zu beachten zu weit führte. Was dann geschieht, hat bereits einen Namen: Es ist nicht mehr nur die Wissensökonomie, sondern vielmehr die ›Ökonomie des Versprechens‹, die Einzug hält. Die Protagonisten verbinden nicht mehr die »vertrauenswürdigen wissenschaftlichen Eier«, die sich für die Wirtschaft in pures Gold verwandeln könnten, sondern ertragreiche Möglichkeiten, die infrage zu stellen in niemandes Interesse liegt. Zusammen mit der Wissensökonomie greift die spekulative Ökonomie, mit ihren Blasen und Crashs, auf das über, was einmal die wissenschaftliche Forschung war.


Es ist unnötig zu betonen, dass die beängstigende Zukunft, der wir angesichts einer Vielzahl äußerst unbequemer Wahrheiten wie Klimawandel, Luftverschmutzung, Ressourcenverknappung oder Schadstoffbelastung von Umwelt und Körper entgegensehen, etwas ganz anderes verlangt. Nicht eine Rückkehr ins goldene Zeitalter der Symbiose zwischen »Forschung und Entwicklung«, sondern die Erfindung dessen, was hier Slow Science genannt wird.


Verlangsamen


Dieser Text ist ein Plädoyer. Es richtet sich nicht an die Apologeten der Wissensökonomie, sondern an die Wissenschaftler selbst – in erster Linie an die Spezialisten der »schnellen«, das heißt experimentellen Wissenschaften. Wenn es hier nicht um die bunte Schar all der anderen geht, dann darum, weil sich mein Plädoyer an diejenigen richtet, die vielleicht den Unterschied ausmachen könnten. Unsere Universitäten haben sich strukturell an den »schnellen Wissenschaften« orientiert: In Frankreich hat es etwas gedauert, doch schließlich ist die Thèse d’État verschwunden – eine Erinnerung an das Meisterwerk, dessen Anfertigung die beste Zeit des Lebens (eine verrückte Leidenschaft?) in Anspruch nahm. Die anderen Wissenschaften passen sich mit unterschiedlichem Erfolg an. Natürlich sind heutzutage alle gefährdet, doch es handelt sich dabei eher um Nebenwirkungen der allgemeinen Parole, wonach Flexibilität und Marktorientierung zur Überlebensbedingung werden sollen. Die wirklichen Verlierer indes, diejenigen, die für das gekämpft haben, was heute zerstört wird, sind die Vertreter der »schnellen Wissenschaften«.


Mein Plädoyer an sie zu richten, heißt nicht, die Position an der Spitze der akademischen Hierarchie zu billigen, die sie ganz selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen. Diese Stellung ist im Übrigen nicht weiter verwunderlich, stellen sie doch die Norm dar. Sie unterliegen vielmehr weit mehr als die anderen der Versuchung, dem goldenen Zeitalter nachzutrauern, als die Autonomie ihrer Wissenschaft noch respektiert wurde. Sie kontrastieren die im Dienst der Menschheit produzierten ›zuverlässigen Fakten‹ mit den Behauptungen, die für die spekulative Wissensökonomie zusammengeschustert wurden. Die Wissenschaften, die die Schnelligkeit erfunden haben, bergen in dieser Situation die einzige wirkliche Unbekannte: Die winzige Möglichkeit, die Bezugnahme auf das Fortschrittsmodell aufzugeben, mit dem sie den an ihnen begangenen Verrat anprangern. Diese Möglichkeit möchte ich gerne mit der Option verknüpfen, dass es dem Hilferuf der geschundenen und bedrohlich gewordenen Welt gelingt, die oberflächlichen Urteile, die sie wie Mauern umschließen, ins Wanken zu bringen. Können sich die Vertreter dieser Wissenschaften die Rolle zu Herzen nehmen, die sie bei der Herausbildung einer Entwicklung einnahmen, von der wir heute wissen, dass sie ganz und gar unhaltbar ist?


Wie bereits unterstrichen, hat die traditionelle Ablehnung jeder Verantwortung seitens der Vertreter der »schnellen Wissenschaften« sie noch nie davon abgehalten, wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt zu verbinden. Sie wettern gegen die, die uns ins »Höhlenzeitalter« zurückversetzen wollen. Sie preisen die Trennung zwischen Fakten und Wertvorstellungen und sie stempeln alles, was ihre Disziplin an einer konkreten Situation nicht berücksichtigt, als simple Wertvorstellung ab. Zwar gibt es Ausnahmen – es sind aber eben nur Ausnahmen. Um es höflich auszudrücken: Wir können uns an keinen gemeinsamen öffentlichen Protest gegen einen Kollegen erinnern, der seine fachlichen Urteile über den geschützten Raum, in dem sie Gültigkeit haben, hinausgetragen hat.


Hier gilt es genau zu differenzieren, denn es geht bei der Slow Science nicht um das Wunschbild eines endlich ›verantwortungsbewusst‹ gewordenen Wissenschaftlers, der für die absehbaren Folgen seiner Wissenschaft einsteht. Vielmehr geht es um das, was Whitehead als »rationales Denken und zivilisierte Weisen der Einsicht« definiert hat. Und diese Begriffe haben hier nichts mit dem selbstzufriedenen Schnurren derjenigen zu tun, die sich in meinem Ausgangsbild mit dem Engel der Vernunft identifizieren, der den barbarischen Drachen durchbohrt. Es ist der Engel selbst, der zivilisiert werden und zur Vernunft (zurück)gebracht werden muss. Wenn er einen Drachen bekämpft, dann weil er die geschützten Räume verlassen hat, in denen er und seine Kollegen die Zuverlässigkeit ihrer Fakten überprüfen. Doch die Lanze, mit der er ihn bekämpft, ist nicht die des rationalen Denkens, sondern die der Autorität. Das Bestreben, die ihm so wichtigen rationalen Werte ›hinauszutragen‹, sollte ihn eine völlig andere Prüfung akzeptieren und sogar wünschen lassen: Das Erlernen eines zivilisierten Umgangs mit einer ganz anderen Art von ›Fakten‹, die von denen eingebracht werden, die darüber entscheiden, welche Zuverlässigkeit seinen Aussagen zugesprochen wird.


Man kann die gesellschaftliche Verfasstheit der wissenschaftlichen Zuverlässigkeit als Form der Höflichkeit zwischen Protagonisten auffassen. Sie sind übereingekommen, auf autoritäre Argumente zu verzichten, und lassen nur das gelten, worauf sie sich einigen können. Doch man kann gar nicht genug betonen, dass die Zuverlässigkeit einer wissenschaftlichen Aussage selten und prekär ist. Sie ist geknüpft an ein von kompetenten Kollegen bevölkertes, geklärtes und engmaschig überprüftes Umfeld – von Kollegen, deren Kompetenz nur in Bezug auf dieses Umfeld existiert. Wird eine Aussage in ein neues Umfeld verpflanzt, gibt sie ihre spezifische Verlässlichkeit auf und gewinnt sie auf dem neuen Boden nur unter dem Druck sozialer und politischer Zwänge (z.B. die ernsten und/oder irreversiblen Gefahren für Gesundheit oder Umwelt, die zugunsten der Vorbeugung ins Feld geführt werden) auf neue Weise zurück. Es bleibt allerdings ein Zwang, etwas von außen Aufgedrängtes: Die symbiotische Verquickung von »schnellen Wissenschaften« und ihren Verbündeten aus der Wirtschaft wird von sich aus niemals die Glaubwürdigkeit dessen definieren, was als wahres Problem ihre Labors verlässt. Der Dreh- und Angelpunkt dieser Symbiose ist das gemeinsame, wenn auch unterschiedlich begründete Desinteresse allem gegenüber, was nicht berücksichtigt werden soll, nicht berücksichtigt werden darf, was zu berücksichtigen geradezu irrational wäre – auch hier wieder aus unterschiedlichen Gründen. Der Fortschritt, so heißt es, wird die (zugleich unvermeidlichen und kontingenten) Schäden beheben, die der Fortschritt verursacht – was sich heute in der immensen Verschwendung zeigt, die wir Entwicklung nennen. Wenn man davon ausgeht, dass die kompetenten Kollegen durch eine Form der »Zivilisiertheit« verbunden sind, so schlägt diese in ihr Gegenteil um, sobald eine wissenschaftliche Aussage sich als Ergebnis einer wissenschaftlichen, d.h. rationalen Sicht auf die Welt präsentiert.


Die Idee eines »verantwortungsbewussten« Wissenschaftlers, der für die absehbaren Folgen seiner Wissenschaft einsteht, ist eine schlechte Idee, denn es ist zunächst die Unzuverlässigkeit seiner Abstraktionsmodi außerhalb des Labors, die sich bewähren muss. Die Verlangsamung der »schnellen Wissenschaften« bedeutet nicht automatisch die Verurteilung dieser Abstraktionsmodi, sie baut vielmehr aus, was deren Stärke ausmacht: die Verbindung zwischen Vertrauenswürdigkeit und Erprobung. Sie genau macht die Fähigkeit der Wissenschaftler aus, gemeinsam eine Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, die all jene gleichberechtigt einbezieht, die von den Folgen einer Innovation betroffen sein könnten, die Bedenken haben oder denen der Abstraktionsmodus der Wissenschaft blind erscheint. Nichts in ihrer aktuellen Ausbildung bereitet die Forscher auf diese Art der Beteiligung vor, die jedes oberflächliche Urteil und jede Komplizenschaft der Wissenden ausschließen sollte. Hier wird von den Profis nichts weniger verlangt, als ihre Gewohnheiten komplett abzulegen, um an einer solchen Erprobung mitzuarbeiten, an dieser neuen Art der »Zivilisiertheit«. Denn sie ist um einiges fordernder und schwergängiger als die zwischen kompetenten Kollegen übliche, und zwar in dem Maße, wie hier Menschen zusammenkommen, die sich – im Gegensatz zu den Vorgenannten – im Kern nicht einig sind. Schon die verhaltene sehnsuchtsvolle Erinnerung an den »konstruktiven« Charakter der kollegialen Einwände, die geringste Ungeduld angesichts des schleppenden Tempos jeder noch so kleinen Einigung führt zu dem Schluss, dass »die Leute« nicht zu einer Beteiligung fähig sind, dass die »Wissenden« eine rationale Lösung vorgeben müssen.


Einige Wissenschaftler können nun einwenden, es sei nicht ihre Aufgabe, an solchen Verhandlungen teilzunehmen – es reiche aus, so ehrlich wie möglich zu sagen, was sie zu sagen hätten, und den Rest den »anderen« zu überlassen. Das wäre ein schneller, zeitsparender Ausweg, der es erlaubte, den Unterschied zwischen ihren Fakten und den widersprüchlichen Wertvorstellungen, mit denen sie fortan nur noch in Einklang zu bringen wären, aufrechtzuerhalten. Dieser Weg würde die Trennlinie zwischen Wissenschaft und Meinung aktualisieren und in die Tat umsetzen, denn »die anderen« wissen, was es bedeutet, wenn die richtigen Wissenschaftler sich zurückziehen oder schweigen: Es geht nun nicht mehr um Wissen, gibt es doch für die Wissenschaftler dabei nichts mehr dazuzulernen.


Die Zuverlässigkeit einer Aussage ernsthaft auszubauen und ihre Richtigkeit in jeder einzelnen Situation auszuloten, ist eine Herausforderung, der man nicht mit gutem Willen, Toleranz oder Nichteinmischung beikommt. Dieser Situation muss die gleiche Wichtigkeit beigemessen werden wie einer wissenschaftlichen Kontroverse. Auch hier handelt es sich um die Suche nach einem Wissen, das nur sinnhaft und glaubwürdig wird, wenn – und ich wiederhole hier die Worte von Whitehead – eine »Wechselwirkung von auftauchenden Werten« stattfindet. Diese Werte treten nur zutage, wenn alle Beteiligten, Wissenschaftler eingeschlossen, die Kraft aufbringen, gemeinsam zu denken.


Man kann eine Zusammenkunft zu einer kontroversen Frage »Beratung« nennen, wenn die Vertreter verschiedener Ansichten sich darauf einigen, dass niemand eine Antwort hat. Bestimmte Ansichten und ihre Gewichtung werden erst im Verlaufe des Diskussionsprozesses gewonnen und führen vielleicht zu einer Einigung. Wie alle Begriffe in diesem Wortumfeld – Versammlung, Konferenz, Konvent, Besprechung, Forum – ist auch dieser abgenutzt, sinnentleert und entehrt. Doch in manchen Verwendungen haftet dem Begriff der Beratung noch etwas Feierliches an. Er lässt ein Zögern im Heute mit Blick auf eine gemeinsame Zukunft und die Entwicklung der Fähigkeit, gemeinsam zu zögern, anklingen. Denn eine Beratung erfordert nicht nur eine Neuverteilung der Expertise, eine Neuverteilung der Stimmen, die angesichts der Situation, die der Grund für die Zusammenkunft ist, gehört werden müssen. Jede Beratung ist besonders nicht nur in dem Sinne, dass jede Situation eine besondere ist, sondern ›individuell‹, insofern sie ein Miteinander-Lernen verlangt. Sie verändert das Wissen jedes Einzelnen und erleichtert ihn aktiv um seine angesammelten Gedanken, die ihm Argumente gegenüber den anderen liefern. Alle Beteiligten sind dabei befähigt, gemeinsam nachzudenken und sich etwas auszumalen. Daher sollte man eher von der »Kunst der Beratung« sprechen als von einer »freien Debatte«. Es geht nicht darum, die einzelnen Positionen zu bewerten, sondern der Situation, um derentwegen man zusammenkommt, die Macht zuzusprechen, alle Beteiligten in ihrer Positionierung zögern zu lassen. Eine solche Kunst ist in vielen Kulturen verbreitet, wo man sich zu beraten ›weiß‹ und wo dieses Wissen im Übrigen ein Synonym für Kultur ist. Sorgsam werden hier die ›Modi‹ der Abstraktion kultiviert, die jede »schnelle Wissenschaft« oder ihre Nachahmer als Zeitvergeudung betrachten.


Kommen wir nun zum bemerkenswert asymmetrischen Charakter des Wissens, das durch die »schnelle Wissenschaft« produziert wird. Die sogenannten »materiellen« Techniken nehmen explosionsartig zu, während die sogenannten »immateriellen« oder »menschlichen« Techniken eher verkümmern. Wir haben nichts gelernt, wir haben sogar eher die Kunst verlernt, eine Einigung ohne Schiedsrichter und ohne das Recht des Stärkeren oder des zahlenmäßig Überlegenen zu erzielen. Die amerikanischen Aktivisten mussten sich diese Kunst neu aneignen, denn ihre Praxis der direkten gewaltfreien Aktion machte es nötig. An unseren Universitäten jedoch besteht offenbar kein Bedarf an solcherlei Künsten. Eher noch triumphiert ihre Negation: mit Powerpoint, mittlerweile zur verbindlichen Kommunikationsform avanciert, gilt es, auf schematische, autoritäre und frappierende Art »auf den Punkt« zu kommen – aber bitte ohne »bullet points«!


Was wir »zivilisiert« nennen, ist vielmehr heuchlerisch, höflich und tolerierend – man denke an die interdisziplinären Treffen, diese traurigen Veranstaltungen disziplinierter Akademiker, die sich leicht gelangweilt anhören, was sie selbstverständlich nicht zum Denken anregen soll und dem sie offensichtlich nicht die Kraft beimessen, sie wirklich zu betreffen. Eine solche Kraft kann man im Übrigen den Exposés der »lieben Kollegen« auch nur schwerlich zuteil werden lassen, wenn sie nach nichts dergleichen trachten. Aber es gibt Schlimmeres, denn die Kollegen, die unsere Institute für Psychologie, Psycho-Soziologie, Soziologie oder Pädagogik bevölkern, stehen bereit, um hohnlachend all das Verlernte als Unmöglichkeit darzustellen. Sie bilden »Moderatoren« aus, die die Vielzahl der Meinungen in einem »Konsens« des guten Willens zusammenführen sollen. Bestenfalls sind die Augenblicke, in denen Wertvorstellungen zutage treten, diesen Kollegen nicht unbekannt – zum Beispiel, wenn man die Perspektive eines anderen einnimmt und merkt, wie die eigene dadurch verändert wird. Oder wenn der Grund der Zusammenkunft den Sog entwickelt, einem wirklich nahezugehen (die Begegnung »packt« einen); oder auch wenn man versteht, dass etwas zuvor unbedeutend Erscheinendes doch wichtig sein kann. Doch solche Momente sind nicht der Stoff, aus dem »wissenschaftliches Wissen« ist, eben weil sie individuell und keinen pseudo-explikativen Verallgemeinerungen unterworfen sind. Schlimmstenfalls werden sie dem Irrationalen zugerechnet oder (schnell) in Schubladen gesteckt, die die angebliche, traurige und reproduzierbare Illusion solcher Augenblicke bloßlegen. Die Universität, so wie sie heute funktioniert, ist nicht der Ort, an dem Wissenschaftler mit der konkreten Beurteilung »individueller Tatsachen« vertraut werden.


Angesichts der aktuellen Zerstörung der Universität mag es vielleicht unpassend erscheinen, das Thema der Slow Science mit der Frage nach einer endlich zivilisierten Universität zu verknüpfen, die andere Arten der Wissensbewertung hervorbringt, welche zur Verkomplizierung der Welt und Erprobung eines demokratischen Verhältnisses zum Wissen führen – was die Universität immer zu vermeiden wusste. Ganz offensichtlich muss diese Fragestellung in Zeiten der Wissensökonomie, in Zeiten, wo man nicht einmal mehr von Symbiose sprechen kann, da eine einzige Art der Bewertung alle anderen zerstört, fast aberwitzig wirken. Aber sie ist eigentlich auch nicht aberwitziger als die Frage, ob das, was uns wert und wichtig ist, in der nahenden Zukunft überleben kann. Die Frage nach der Aufgabe der Universität zu stellen, nach der Aufgabe jener, die dort arbeiten, ist dann nichts anderes als der Versuch, das zu tun, was überall getan werden muss, um einer lebenswerten Zukunft eine Chance zu geben – ohne jede Garantie, ohne dass wir wüssten, ob und in welchem Maße das uns Mögliche überhaupt irgendeine Auswirkung auf diese Frage haben kann.



Anmerkungen

* Dieser Text ist eine übersetzte und überarbeitete Fassung der Antrittsvorlesung für den Calewaert-Lehrstuhl am 13. Dezember 2011 an der Vrije Universiteit Brussel. 


2 Die Vrije Universiteit Brussel ist aus der gleichen Spaltung wie die Université Libre de Bruxelles hervorgegangen. Beide führen den gleichen Leitspruch im Wappen. Im Falle der Université Libre de Bruxelles wurde ebenfalls das Bild vom Kampf des Engels mit dem Drachen übernommen, das aus der französischen Tradition kommt. Der Drache steht dabei für die Meinung, die ja, wie Bachelard immer sagte, niemals Recht hat.


3 Alfred North Whitehead: Denkweisen, Frankfurt/M. 2001, S. 199.


4 Alfred North Whitehead: Wissenschaft und Moderne Welt, Frankfurt/M. 1988, S. 228.


5 Ebd., S. 228 –229. 


6 Ebd., S. 230.


7 Dominique Pestre: Science, argent et politique. Un essai d’interprétation, Paris 2003.

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Isabelle Stengers

ist Wissenschaftsphilosophin und lehrt an der Université libre de Bruxelles. Ihre Forschung befasst sich u.a. mit Physik, Chemie, Ethnopsychiatrie, Whitehead und Deleuze.

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Susanne Stemmler (Hg.): Wahrnehmung, Erfahrung, Experiment, Wissen

Wissenschaftsnahe Arbeitsweisen von Künstlerinnen und Künstlern – oft als »künstlerische Forschung« bezeichnet – werfen Fragen der Produktion, des Teilens, des Dekonstruierens und der Wiederaneignung von Wissen auf. Verhältnisse von Objektivität und Subjektivität sind dabei stets untergründiges oder auch explizit angesprochenes Thema: Während von »den Wissenschaften« oft noch eine »objektive« Herangehensweise erwartet wird, reklamieren die Künste die Freiheit und das Recht auf »Subjektivität«. Es ist aber genau der schmale Grat zwischen diesen beiden Extremen, auf dem Definitionen künstlerischer und wissenschaftlicher Praktiken ausgehandelt werden. Der Band versammelt Positionen von Expertinnen und Experten aus Wissenschaften und Künsten sowie von Künstlerinnen und Künstlern zu diesem Thema.

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