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Corina Caduff: Kränkung und Anerkennung
Kränkung und Anerkennung
(S. 191 – 200)

Kränkung und Anerkennung im digitalen Medienzeitalter am Beispiel der Literatur

Corina Caduff

Kränkung und Anerkennung
im digitalen Medienzeitalter am Beispiel der Literatur

PDF, 10 Seiten

Das Schlagwort der »Ökonomie der Aufmerksamkeit« (Georg Franck) begreift die Aufmerksamkeit als knappe Ressource, um die in der neuen Mediengesellschaft hart gerungen wird. Im künstlerischen Bereich ist der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Anerkennung seit jeher zentral: Künstlerinnen und Künstler schreiben sich in der Regel mit Leib und Seele in ihre Werke ein und identifizieren sich stark mit diesen, was einen hohen Bedarf nach anerkennenden Worten mit sich bringt. Das digitale Medienzeitalter hat nun aber numerische Bewertungssysteme sowie Rankings ohne Ende hervorgebracht, die das inhaltliche Argument substituieren; außerdem ist die Jagd nach Aufmerksamkeit durch das Web 2.0 allgemein geworden. Dieser mediale Umbruch stellt den Umgang mit Kränkung und Anerkennung vor neue Herausforderungen.



Es ist bekannt: Das klassische Feuilleton schrumpft, der Raum für traditionelle Rezensionen von Büchern, Premieren und Ausstellungen ist eng geworden, disziplinäre Fachkompetenz wird durch so­genanntes Generalistentum verdrängt, und der Trend zur Kurzform (Tipps) und zum Mainstream hält unvermindert an. Gleichzeitig bilden sich im Internet mittels der technologischen Möglichkeiten zur Communitybildung interessenbezogene Klein- und Kleinstöffentlichkeiten heraus sowie numerisch geprägte Bewertungssysteme, die das inhaltliche Argument substituieren. Dieser doppelte Umbruch bedeutet eine neue Herausforderung für den Umgang mit Kränkung und Anerkennung. Ausschlaggebend für den Vollzug von Kränkung und Anerkennung ist der Faktor Aufmerksamkeit: Wird diese gewährt und positiv zum Ausdruck gebracht, erfährt man Anerkennung; wird sie einem hingegen verweigert, kann das kränkend sein. Die aktuelle Medienlage ist geprägt von Gier nach Zuwendung. 


Das Schlagwort der »Ökonomie der Aufmerksamkeit« (Georg Franck) fasst Aufmerksamkeit als eine zentrale Ressource, um die in der neuen Mediengesellschaft hart gerungen wird: Die Medien verkaufen nicht mehr, wie sie es einst taten, die Information an und für sich, die ja schon längst umsonst zu kriegen ist – man denke an all die Online-Redaktionen, an das kommerzielle Fernsehen, an die Dienstleistungen von Google, an die Social Media. Gemessen und an die Werbeindustrie (weiter)verkauft wird vielmehr die Aufmerksamkeit des Publikums.1 Dieser Paradigmawechsel betrifft im Medienzeitalter 2.0 auch traditionelle Kulturgüter wie z.B. Bücher oder Konzerte: Der Literatur- und Kulturbetrieb, so Franck, folgt der aktuellen Medialisierung insofern, als »die Aufmerksamkeit die Rolle der Währung übernommen [hat]. Die Einheiten der Währung heißen Auflage, Quote, Besucherzahl.«2

Im Zuge dieser Veränderungen – die auch und gerade bei konservativen Medien eine Öffnung des Kulturbegriffs in Richtung Alltagsbereiche und Popkultur stark forcierten3 – verschwinden traditionelle Diskursmuster der Kritik aus den Feuilletons, zugleich konzentriert sich die mediale Aufmerksamkeit auf immer weniger Personen. So gibt es beispielsweise im nach wie vor überbordenden belletristischen Angebot mehr und mehr Romane, die lediglich ein- bis zweimal besprochen werden; im schlimmsten Fall erscheint überhaupt keine Rezension. Der literarischen Produktion tut diese Entwicklung allerdings keinen Abbruch, im Gegenteil: Die Teilnehmerzahlen bei literarischen Wettbewerben sind ungebrochen hoch und bei ­Anfängerwettbewerben gar tendenziell steigend, was in der selbstdarstellerisch erprobten, auf Aufmerksamkeit zielenden Facebook-Generation begründet sein dürfte. 


Zustimmung oder Ablehnung vollzieht sich grundsätzlich da, wo Kunst und Kulturbetrieb bzw. Kunst und Medienbetrieb aufeinanderprallen: Rezeption, Kritik, Kommentar – das ist der Umschlagplatz für Kränkung und Anerkennung. Im Rahmen des genannten doppelten Umbruchs in der Medienlandschaft – Verschwinden des Arguments, Karriere der Zahl – bringt dieser Umschlagplatz heute verschärfte Voraussetzungen mit sich. 


Kreativität und Kränkung 
im Kontext der...

  • Emotionen
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  • Internet
  • Digitale Medien

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Corina Caduff

ist Kultur- und Literaturwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik in Zürich, promovierte 1991 zu Elfriede Jelinek und erlangte ihre Habilitation an der Technischen Universität Berlin 2002. Seit 2004 ist sie Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste. Von 2005 bis 2009 war sie Mitglied des Literaturclub des Schweizer Fernsehens, 2012 Mitglied der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Schwerpunktmäßig arbeitet sie zu Gegenwartsliteratur, Verhältnis der Künste, Künstlerische Forschung und Tod.

Ruedi Widmer (Hg.): Laienherrschaft

Ruedi Widmer (Hg.)

Laienherrschaft
18 Exkurse zum Verhältnis von Künsten und Medien

Broschur, 320 Seiten

Inkl. Mit Zeichnungen von Yves Netzhammer

PDF, 320 Seiten

Die vielfach geforderte Freiheit des Einzelnen, Kunst nach eigenem Gutdünken zu rezipieren, zu genießen, aber auch zu produzieren und damit zu definieren, ist heute weithin Realität geworden. Wir leben im Zeitalter der Laienherrschaft in den Künsten und den mit ihnen verbundenen Medien: einem Regime, das auf der Dynamik der Massen-Individualisierung und dem Kontrollverlust etablierter Autoritäten beruht, in dem jede Geltung relativ ist und die Demokratisierung in ihrer ganzen Ambivalenz zum Tragen kommt.

Die Essays und Interviews des Bandes kreisen um die Figur des Kulturpublizisten. Wie wirken Ökonomisierung und Digitalisierung auf sein Selbstverständnis ein? Wie sieht es mit der gegenwärtigen Rollenverteilung zwischen Publizist und Künstler aus? Wie verhält sich der Publizist gegenüber dem immer eigenmächtiger auftretenden Rezipienten? Der zeitgenössische Kulturpublizist tritt als Diskursproduzent und als Weitererzähler flüchtiger Wahrnehmung auf; doch auch als Interpret, der als Leser und in diesem Sinne als »Laie« seine Stimme entwickelt – jenseits aller Reinheits- und Absicherungsgebote, die etwa die Wissenschaft aufstellt. Eine Kultur des Interpretierens als eine von der Laienperspektive her gedachte Kultur der Subjektivität, der Aufmerksamkeit, der Sprache und der Auseinandersetzung mit den Künsten ist in Zeiten der Digitalisierung eine unschätzbar wertvolle, omnipräsente und zugleich bedrohte Ressource.

Mit Zeichnungen von Yves Netzhammer.

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