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Hans Ulrich Gumbrecht: Selbstkolonialisierung in der breiten Gegenwart
Selbstkolonialisierung in der breiten Gegenwart
(S. 213 – 223)

Ruedi Widmer im Gespräch mit Hans Ulrich Gumbrecht

Hans Ulrich Gumbrecht

Selbstkolonialisierung in der breiten Gegenwart

PDF, 20 Seiten

Während sich in der Mediengesellschaft die Aufmerksamkeit verflüssigt und jederzeit in jede Richtung abfließen kann, hat gemäß der These von der breiten Gegenwart das Vergangene keinen Abfluss mehr. Gegenwart ist nicht mehr der momenthafte Durchgang zur Zukunft. Verschiedenste Weltsichten stehen mit grundsätzlich gleichem Geltungsanspruch im Raum, und stehen in ihrer Unvereinbarkeit einer offenen Zukunft im Weg. Die damit verbundene Stagnation ist lesbar als Emanzipation in der kulturellen Sphäre: Der Einzelne nimmt sich die Freiheit, zu interpretieren und zu werten, zu rezipieren und zu produzieren und dabei eigene Kriterien zu setzen. Die Breitenkultur relativiert die Spitzenkultur. Kulturgeschichte als Kolonialgeschichte wandert ins Innere des Konsumenten.

Ruedi Widmer »Breite Gegenwart« erscheint in Ihren Schriften als eine in der Gegenwart vorherrschende, alle Einzelwahrnehmungen überwölbende Zeitwahrnehmung, in welcher Vergangenheit nicht mehr etwas ist, was man hinter sich lässt, und in welcher die Türen zu einer »anderen« Zukunft verschlossen sind. Diese Zeitwahrnehmung nennen Sie »Chronotop«, und Sie unterscheiden den Chronotopen der breiten Gegenwart vom »historistischen Chronotopen« des Fortschritts. Handelt es sich bei der breiten Gegenwart nicht eher um einen Effekt des Umstandes, dass die Weltsichten pluraler nicht sein könnten und gleich-gültig nebeneinander stehen?



Hans Ulrich Gumbrecht Daraus, dass wir in der breiten Gegenwart die Vergangenheit nicht hinter uns lassen können, folgt ja, dass auch vorhandene Chronotopen nicht »aussortiert« werden können. Der Chronotop, den ich den historistischen nenne und der beispielsweise die Bedingung der Möglichkeit klassisch kapitalistischer und sozialistischer Fortschrittsvorstellungen darstellt, ist immer noch da. Die Schwierigkeit ist dann, dass es eben doch möglich ist, den Chronotopen der breiten Gegenwart als dominierend zu empfinden, d.h. als Weltsicht, die mehr »zündet«. Ein Beispiel sind die Protestaktionen in Brasilien während des Fifa-Confederation-Cups: Mir hat ein brasilianischer Student gesagt, dass dies nichts mit großen ­Zukunftsprojekten zu tun gehabt habe, sondern eher mit der Suche nach einer Intensität, die er mit breiter Gegenwart assoziiert.



Ruedi Widmer Die Protestierenden waren also, wenn ich das richtig interpretiere, nicht nur unzufrieden mit den Lebensbedingungen und den Leistungen der Politik – das wurde ja artikuliert –, sondern hatten gewissermaßen eine Liberalisierung des Denkens und Erlebens im Auge.



Hans Ulrich Gumbrecht Das würde die breite Gegenwart mehr in die Richtung lesbar machen, die Sie vorgeschlagen hatten, nämlich quasi als Null-Level eines Chronotopen. Gegenwärtige Politik kann nicht anders, als zuerst die Gestaltbarkeit der Zukunft zu behaupten – siehe Obama mit seinem »yes we can« – und sich hinterher im Krisen­management und in der Alternativenlosigkeit zu arrangieren. Das Resultat ist das Gegenteil einer besseren Zukunft, es ist ein großes Gulasch. Das Web ist die Allegorie davon, und zugleich eine der wesentlichen Ursachen. Alles ist immer schon zuhanden, und da alles grundsätzlich gleichviel gilt, wird das Anliegen der größeren Lebens-Intensität just von dem Freiheitsbestreben neutralisiert, auf dem es beruht. Es ist wie diese sinnbildliche Situation, die ich einmal – ebenfalls in Brasilien – erlebte: Zwei junge Paare im Ausgang, und alle vier sind gleichzeitig am Telefonieren mit jemandem, der nicht da ist.



Ruedi Widmer Gegenwart als ein miteinander Sprechen und aufein­ander Konzentriertsein verliert also an Selbstverständlichkeit. Die Verfügbarkeit für das Gespräch muss recht eigentlich hergestellt, wenn nicht erkämpft werden.



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Hans Ulrich Gumbrecht

studierte Romanistik, Germanistik, Philosophie und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und in Regensburg. Er ist seit 1989 Inhaber des Lehrstuhls für Komparatistik an der Stanford University und ständiger Gastprofessor an der Université de Montréal, am Collège de France sowie an der Zeppelin Universität.

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