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Joseph Vogl: Lebende Anstalt
Lebende Anstalt
(S. 21 – 33)

Joseph Vogl

Lebende Anstalt

PDF, 13 Seiten

Wenn in der Perspektive dieses Bandes Kafka jeweils mehr zu sehen scheint als Nietzsche, wenn es bisweilen gar den Anschein hat, als sei sein ganzes literarisches Werk nicht zuletzt als eine Reihe von Korrekturen an Nietzsches philosophischer Intervention in das Verhältnis von Schrift und Leben zu lesen, dann ist dieser Eindruck nicht einfach auf eine zeitlich bedingte Unterscheidung zwischen rezipiertem und rezipierendem Autor zurückführen. Vielmehr gilt, wie Josephs Vogls Genealogie des Verhältnisses von Lebensform und Gattungsform verdeutlicht, dass Kafkas Blick auf Nietzsche, wie im Übrigen sein gesamtes literarisches Projekt, ganz wesentlich von seiner unmittelbaren Partizipation an den epochalen Verschiebungen der Bio-Macht im frühen 20. Jahrhundert bestimmt wird.

Vogl zeichnet nach, wie die entscheidenden machttechnologischen Innovationen der neuen Kontrollmacht zugleich den diegetischen Raum der Kafka’schen Romane definieren, wie seine Berufsarbeit im Dienste der staatlichen Lebensverwaltung seine außerdienstlichen Aufzeichnungen jenseits aller bekannten Vertragsverhältnisse grundlegend informiert.

Noch vor jeder expliziten, zitativen, allusiven oder transformativen Bezugnahme auf Nietzsche, so wäre hier zu notieren, unterlaufen Kafkas nächtliche Protokolle durch die in ihnen verzeichnete, »konstitutive Entformung bzw. Deformation« von poetischer Form und Lebensform die maßgeblichen typologischen, topologischen und werttheoretischen Voraussetzungen Nietzsches, lassen sie insbesondere seinen Zarathustra als neuen Don Quichotte erscheinen.

  • Diskursgeschichte
  • Nietzsche
  • Literaturwissenschaft
  • Franz Kafka
  • Moderne

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Joseph Vogl

Joseph Vogl

ist Professor für Neuere deutsche Literatur, Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin und Permanent Visiting Professor an der Princeton University, USA. Mit »Das Gespenst des Kapitals« (2011) hat Joseph Vogl  »einen heimlichen Bestseller geschrieben, der weit über die Feuilletons Aufsehen erregte« (DER SPIEGEL).

Weitere Texte von Joseph Vogl bei DIAPHANES
Friedrich Balke (Hg.), Joseph Vogl (Hg.), ...: Für Alle und Keinen

Es gibt kaum zwei andere Autoren der deutschsprachigen Moderne, bei denen das Verhältnis von Sprache und Leben so intensiv verhandelt wird wie bei Friedrich Nietzsche und Franz Kafka. Für Nietzsche, den »gefährlichen Denker« und das »Dynamit« der christlich-abendländischen Werteordnung, wie für Kafka, den »Dichter der Angst« und Experten für Arbeiter-Unfallversicherung, bilden die biopolitischen Dispositive des heraufkommenden Wohlfahrtsstaates und die Verschiebungen, die der Historismus für die Ökonomie des Wissens und die Massenpresse für die Ökonomie der Rede bedeuten, eng aufeinander bezogene Faktoren des Problemgefüges, das ihre Schreibprojekte hervortreibt. Für beide stellt der Doppelcharakter sprachlicher Überlieferung – als Sicherung des kollektiven Lebens und als Unterwerfung des individuellen – eine zentrale schriftstellerische Herausforderung dar, und beide begreifen die daraus resultierende Riskanz einer radikalen Umschrift der durch Lektüre angeeigneten Tradition als ethisches Problem.

Der Band zielt darauf ab, die beiden Antworten auf jene Herausforderung vor ihrem jeweiligen biographischen und zeitgeschichtlichen Hintergrund gegeneinander zu kontrastieren und sie zugleich als – bis heute gültige – paradigmatische »Haltungen« im diskursiven Feld der Moderne sichtbar werden zu lassen. Indem der Band den »dialogischen« Bezug Kafkas auf Nietzsche auf der Folie diskursiver und medialer Ereignisse und Konstellationen der Zeit motiviert und spezifiziert, lässt er ihn zugleich als vielstimmigen »Polylog« oder sogar unlesbaren »Babellog« quer durch die Kultur und die Wissensfelder des anbrechenden »kurzen 20. Jahrhunderts« (1914–1989) erscheinen.