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Bruce Bégout: Für die, die die Massen im Kreisverkehr satt sind
Für die, die die Massen im Kreisverkehr satt sind
(S. 155 – 170)

Die unwiderstehliche Lust, nicht wie alle anderen zu sein


Bruce Bégout

Für die, die die Massen im Kreisverkehr satt sind

Aus: Sphex. Krankhafte Phantasien, S. 155 – 170

Verzweiflung und Dämmerung


Es ist die Stunde, da die Betriebsamkeit zu Ende geht, die Stunde zwischen hündischer Plackerei und wölfischer Entspannung am Tagesende, die Stunde, da man die Arbeit sein lässt und, weil es nicht anders geht, satt von Müdigkeit und Verzicht nach Hause geht, die Stunde der Aufwallungen, der Bilanzen, der Launen, der Projekte, die, noch bevor sie gelebt haben, schon gestorben sind, der Reue ohne Schuldgefühl, der physischen Mattigkeit, die das Aufkommen noch der banalsten Unterhaltungen ausbremst, der abgestandensten Ideen, der leeren Formeln, die Stunde, da man naiv glücklich ist, weil man frei ist, und traurig, weil man nicht weiß, was anfangen mit dieser Freiheit, die Stunde, da man sich noch nicht bewusst ist, dass morgen alles wieder losgeht, die Stunde, da man die freie Zeit genießen möchte, Zeit und Freiheit jedoch unfassbar bleiben, die Stunde der happy hour für die sad few, die Stunde, die keine sechzig Minuten dauert, die arbeitslose Stunde, die Dämmerstunde. 


Die unwiderstehliche Lust, nicht wie alle anderen zu sein


Eingezwängt in seinen Dufflecoat, der wie ein hastig geschnürter Sack aussieht, schleppt C, den Kopf und die Glieder schwer, seine lange Figur über den Cours P***. Der von einem herbstlichen Sonnenuntergang gerötete Himmel über ihm erinnert mit seinen grellen Rot- und Purpurfarben, seinen Rußbahnen, seinen karmesinroten Borten und seinen Tierhorden auf der Flucht, für den, der noch die Fähigkeit besitzt, allegorische Möglichkeiten in der Welt wahrzunehmen, an eine ungeheure, von einem wütenden Brand verheerte Steppe. Verdammt schön, sagt er sich, schön wie ein Bild, schön wie eine Landschaft, schön wie die Schönheit selbst, die, die keiner Worte bedarf und sich augenblicklich zu erkennen gibt. Aber was ändert das im Grunde? In der Einsatzleitstelle fünfzig Meter unter der Erde, am Ende eines endlosen weißen Korridors, wo man von einem magnetischen Lesegerät dreimal seine persönliche Identität prüfen lassen muss, muss der städtische Angestellte auf seinen nagelneuen Monitoren das seltsame Verhalten dieses Mannes verfolgen, das den so vorhersehbaren Wegen der gewöhnlichen Ortsveränderungen widerspricht. C schwankt nämlich. Er ist jedoch weder betrunken noch krank. Nur ein bisschen unaufmerksam und wankelmütig. Er lässt sich treiben, geht an der Statue von Bartholdi vorbei, die ihn hoch aufgerichtet, hochmütig und souverän mit den Augen mustert, den Blick verloren im Himmel der Ideen, das Gesicht sanft und untadelig, die Fackel gerade hochgereckt gleichsam als die strenge Affirmation des Vertrauens auf sich selbst. Rund um dieses unwahrscheinliche Paar zeigt die Straße ihr übliches abendliches Brodeln: kompakte Reihen von Autos, die schrittweise vorwärtskommen und ihren wütenden Willen eben noch zügeln, die ganze Welt in ein Chaos aus Blech und Blut zu stürzen, Fußgänger, die mit der für die urbane Reserviertheit typischen missgünstigen Indifferenz vorgeben, sich zu ignorieren und sich wie Flüchtlinge davonmachen, um sich dann auf ihre Kontaktbörse im Internet zu begeben, wo sie vielleicht auf genau die Person stoßen werden, der sie eben auf der Straße begegnet sind. C fühlt, dass das Gewicht der Routine immer mehr auf seinen mit den Jahren schwächer werdenden Schultern lastet, und obwohl er es in dieser bündigen Form nie zugeben würde, weiß er sogar sehr genau, dass er nie den Mut haben wird, es abzuwerfen. Aber er gibt sich auch Rechenschaft darüber, dass er von Zeit zu Zeit Ballast loswerden, Umgestaltungen vornehmen könnte. Einfach um einem simplen Gefühl der Rebellion entgegenzukommen, entschließt er sich, ohne genau zu wissen, warum erst jetzt und warum nicht schon gestern oder erst morgen, den Verlauf seines Heimwegs zu ändern – was er seit fünfundzwanzig Jahren niemals getan hat. Den kindlichen Charakter dieses Entschlusses kennt er freilich nur allzu gut. Er ist nicht der Mann der großen Entscheidungen, solcher, die die ganze Existenz erschüttern und sie mutwillig dem wildbewegten Ozean der künftigen Ereignisse anheimgeben. Sein Sinn für die Revolte begnügt sich damit, sein tägliches Itinerar um ein paar Minuten und einige hundert Meter zu verändern. Dennoch ist Cs Geist verschroben genug, zu glauben, dass diese leichte Abweichung von seinem üblichen Verhalten wirkliche Umwälzungen auslösen kann. Er begibt sich in die dunklen Gässchen des Viertels der C***. 


Verirrt verstört


Jetzt sind es zehn Minuten, dass er ohne Eile in diesem verkannten Viertel herumspaziert, versunken in der interesselosen Betrachtung seiner Füße, die im trägen Rhythmus der diversen Gedanken, die ihn beschäftigen, ohne ihn zu beunruhigen, sich vorwärtsbewegen: die Finanzkrise, das Machtvakuum, die klimatischen Störungen, die Verschlechterung der Spermien, das Verfallsdatum der Speisereste, die wie vor Furcht krepierte Welpen im unbefleckten Fond des Kühlschranks kauern. Ohne zu wissen warum, unterbricht er den indolenten Gang seiner Reflexionen. Er hat plötzlich das Gefühl, sich verlaufen zu haben. Er bleibt stehen, hebt die Augen, beobachtet. Eine graue, enge Straße, gesäumt von Wohnbauten, die von verschiedener Höhe, aber alle vernachlässigt sind. Rechtsseitig sind dichtgedrängt die Wagen abgestellt, manchmal greifen sie auf das Trottoir über, das hier und da in Sandlöchern verschwindet. Alle fünf Meter türmen sich Mülleimer zu grünlichen Haufen. Ein magerer Hund pisst die Wand an. Wie gut, denkt er im Gehen, dass das milde Licht des Tagesendes diesen Verfall versüßt. An Schnürsenkeln aufgehängt schaukelt über seinem Kopf ein Paar Turnschuhe neben einer von Ruß und Fliegendreck bedeckten Kugelleuchte aus Messing, in der eine elektrische Lampe flackert, die zirpend beginnt, ihr nächtliches Werk zu tun. Er hat nicht das Gefühl, die Stelle zu kennen, trotz jener schmutzigen Vertrautheit, die man verkommenen und traurigen Orten spontan zubilligt. Er hat sich also verlaufen. Das stört ihn so wenig, wie es ihn freut. Er erkennt, wenn er sich auf die schwache Beleuchtung verlässt, die durch die halb geöffnete Tür den Rand der Gosse beleckt, einen offenen Laden. Tut ein paar Schritte, nähert sich, riskiert einen Blick. 


Erste Eindrücke


Weder Schild noch Namen, nur eine Art rätselhafter Slogan, der schräg über die Tür aus Milchglas angeschlagen ist: „Für die, die die Massen im Kreisverkehr satt sind“. Er denkt an irgendwelche extremen Grüppchen, die die urbanen Brachen der alten Metropolen gern mit ihrem theoretisch-praktischen Samen befruchten, jenes proteusartige Völkchen von Sozialreformern, das von öffentlichem Almosen, von Bio-Gemüse und schönen Reden lebt. Auf etwas, das wie ein verdreckt-­verräuchertes Schaufenster aussieht, zeigen abgegriffene Fotos Bilder von Naturkatastrophen, davor im Vordergrund joviale Gruppen, die vor einem unsichtbaren Photographen posieren. Auf schlecht ausgeschnittenem Photokarton kommentieren in zerlaufener Tinte geschriebene Legenden die Expeditionen in die südlichen Regionen des Schlimmsten: San Salvador, Erdbeben, 345 Tote. Ladakh, Erdrutsch, 786 Tote. Togian-Inseln, Vulkanausbruch, 543 Tote. Unten in den Auslagen liegen sonnengebleichte alte Verkaufsständer, verzogene Broschüren, die nicht mehr den literarischen Ehrgeiz haben, die Leser für das irreale Reich der Tagträume zu gewinnen, ein mit Stacheldraht umwickelter exotischer Kasten, eine halbzerbrochene afrikanische Maske, eine fette Pflanze, ein Plastikbecher. 


Von der Klingel zum Hüsteln


Mit ungastlicher Heftigkeit, die das genaue Gegenteil eines Willkommens signalisiert, schrillt die elektrische Klingel. So­bald er die Schwelle passiert hat, befindet sich C in einem ­quadratischen, geräumigen, kahlen Zimmer. Hinter einem Computerbildschirm sitzend fingert eine junge Frau, ohne seiner Anwesenheit die geringste Beachtung zu schenken, obwohl diese doch doppelt, durch das kreischende Läuten und das Fehlen jeder anderen Person, bezeugt ist, an ihrem Handy herum. Sie scheint in einem somnambulen Zustand gefangen zu sein. Mit einem kurzen Blick mustert C den Ort (weiße Wände, keine Möbel, das Telephon auf dem nackten Boden, ein paar vor dem Schreibtisch herumliegende leere Kartons, all das macht den Eindruck eines kürzlich erfolgten Einzugs oder, im Gegenteil, eines bevorstehenden Umzugs). Nachdem das junge Mädchen sich noch immer nicht entschließt, den Kopf zu heben und ihn zu fragen, was sie für ihn tun kann, entschließt sich C, sich auf den einzigen vorhandenen Sessel zu setzen, vor dem sich auf einem niedrigen Tisch verstaubte Magazine stapeln. Er wartet und weiß nicht, ob er durch eine Geste, eine Frage, ein Hüsteln, auf seine Existenz aufmerksam machen soll. 


Reife Frau


Durch eine nicht sichtbare Tür tritt eine Frau reifen Alters, klein, leicht gebückt, ins Zimmer ein und steuert direkt auf C zu, als ob sie seine Präsenz bereits hinter ihrer Trennwand bemerkt hätte. Ihre entfärbten Haare sind über den Schädel nach hinten hinabgezogen, wo sie sich zu drei verschieden großen Knäueln vereinen. Ihre zerknitterten Kleider stinken nach kaltem Tabak. Oben an ihrer Bluse springt eine enorme vergoldete Brosche in Form eines nichtidentifizierbaren Insekts ins Auge. Mit einer seltsam angenehmen Stimme, die, wie eine scharfkantige geometrische Figur, zugleich krächzend und sanft ist, sagt sie: Sie sind wegen Ihres Wissens gekommen? C, der bereits die Gründe für sein Eindringen vergessen hat, antwortet ohne Zögern mit ja, denn er hat keine genaue Vorstellung von der Art Ware oder Dienstleistung, die dieser Laden bietet. Er fürchtet nichts Besonderes. Erhofft sich aber auch nichts Spezielles. Es scheint ihm sogar, dass diese Erscheinung perfekt mit den sonstigen ungewöhnlichen Dingen, die den Ausklang seines Tages bestimmt haben, übereinstimmt. Er akzeptiert sie wie ein Ereignis, das der Ordnung der Dinge angehört. 


Das allgemeine Konzept


Die Frau macht der Ungewissheit schnell ein Ende, denn sie beginnt sofort mit einer Rede, die offensichtlich auswendig gelernt ist, der sie jedoch die Frische des Erstmaligen zu geben versucht: Wenn die von Kokospalmen gesäumten ­weißen Sandstrände Sie langweilen, wenn die Villenquartiere mit ihrer gepflegten Atmosphäre und ihrem Dekor Sie abstoßen, wenn die Exkursionen und Trecks Sie bloß noch gähnen lassen vor Langeweile, dann sind Sie reif, das Abenteuer des Extremtourismus zu wagen. All unsere Produkte sind sorgfältig ausgewählt, um das zu bieten, was ich ein wenig pompös den „galvanischen Schauder“ nennen werde: Exkursion in die von einem Zyklon verwüsteten Wellblechviertel von Port-au-Prince, Blitzbesuch im Nordkongo, um die Zusammenstöße zwischen Regierungstruppen und Rebellen zu sehen, die Plünderungen, die Vergewaltigungen, die ethnischen Säuberungen, die endlosen Schlangen der Dorfbewohner auf der Flucht vor den Kämpfen, ein Wochenende in einer Gang in Los Angeles, Kommando-Volontariat bei den tschetschenischen Milizen, Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Darfur, Risiko-­Parcours im kolumbianischen Dschungel, kurz, überall, wo Starkes, Intensives, Gewaltsames passiert, sind unsere Teams vor Ort, um Ihnen unter maximalen Sicherheits- und Komfortbedingungen unvergessliche Reisen anzubieten. Bei uns ist Grenzüberschreitung kein leeres Wort, kein leichter Slogan für Skifahrer abseits der Piste oder für Bungee-Springer. Wir erlauben Ihnen, sich dem Abgrund zu nähern, ja sich sogar in voller Sicherheit über ihn zu beugen. Gegenwärtig haben wir zwei unserer wichtigsten Produkte im Angebot: die Jagd nach einem Kriegsverbrecher in Ex-Jugoslawien und das Treffen mit einer der wütendsten Taliban-Gruppen im Nordosten Pakistans. Wie Sie sich denken können, verlangt die Ausrichtung dieser Expeditionen äußerste Sorgfalt, und darum beschäftigen wir echte Profis, die sich in allen Metiers, in denen Kaltblütigkeit und Know-how gefragt sind, bewährt haben. Unsere Agentur hat das internationale Qualitätssiegel für Tourismus erhalten und ist akkreditiert durchs Außenministerium.

Privatvorführung


Angesichts seines Unglaubens nimmt die Dame C am Arm (kommen Sie, ich zeige Ihnen, Sie werden verstehen, sagt sie mit liebenswürdiger Stimme) und zieht ihn in das Zimmer hinein, aus dessen Hintergrund sie eben gekommen war. C lässt es geschehen, ohne etwas zu sagen. Ein wenig erregt ihn jetzt der Wille zu wissen. Er findet sich in einem kleineren und dunkleren Zimmer wieder, das mit Klappstühlen vor einer weißen Leinwand vollgestellt ist. Die Frau bittet ihn, sich nieder­zulassen und verschwindet hinter einem langen, in Dunkelheit ver­sinkenden Ladentisch, wo sie beginnt, einen DVD-Player zu bedienen, während sie zugleich fortfährt, zu erklären, ­welchen besonderen Sinn das Vorgehen der Agentur hat, von der sie offensichtlich die Direktorin oder doch mindestens ein leitendes Mitglied ist (lassen Sie sich vom bescheidenen Äußeren unserer Agentur nicht täuschen … unser gesamtes Geschäft läuft per Internet, wo unsere Kunden ihre Reise buchen …). C, die Beine übereinandergeschlagen, geduldet sich, den Geist gereinigt von jedem Vorurteil und von einer seltenen Leere ohnegleichen. Der Bildschirm erhellt sich. Der erste Film („Durch die brennenden Städte“) berichtet von einer ­Expedition in eine Gegend im nördlichen Sri Lanka, die im August 2007 von einem Taifun der Stärke 4 verwüstet wurde. In den ­ersten Bildern sieht man eine kleine Gruppe von Touristen auf ihrer Wanderung mit der typischen Ausstattung, leichte Sportkleidung, Wanderschuhe, Rucksack, die ­Mienen einfältig und zufrieden; sie gehen durch die verdreckten Straßen dessen, was ein dichtbevölkertes Viertel gewesen sein musste und in dem infolge der Katastrophe, die sie wie einen tropischen Sonnenuntergang zu betrachten gekommen sind, fast alle Bauten jetzt beschädigt oder zerstört sind. Kinder in Lumpen umdrängen sie und halten ihre schmutzigen und wunden Hände hin. Manchmal verweilt die Kamera bei einer Greisin, die auf der Schwelle ihres eingestürzten Hauses hockt, den Kopf in den Händen, Stücke von getrocknetem Schlamm auf den Kleidern, in den Haaren, auf den Wangen, wie improvisierte Tätowierungen der Katastrophe. Männer weinen, Frauen schreien, und damit die Kunden in Ruhe photographieren können, vertreiben die Verantwortlichen der Expedition die um Hilfe flehende Menge der Störenfriede mit Stockschlägen. An den Straßenecken markieren fliegenbedeckte Kadaver unsichtbare Zonen, deren Grenzen keiner zu überschreiten wagt. Dank unseres Know-how, sagt die Frau, die hinter ihrem Ladentisch geblieben ist, dank unseres Know-how hatten wir diesmal das Glück, noch vor den Mitgliedern der internationalen Hilfsorganisationen vor Ort zu sein, so dass unsere Kunden die unabgeschwächte Erfahrung des Elends im Reinzustand machen konnten. Das ist unsere Philosophie: Dem ­Menschen zu ermöglichen, sich des Unglücks bewusst zu werden und das Spektakel des Bösen ohne Umweg zu genießen. Wir haben den Massentourismus und seine vulgären Zwecke satt: die Zerstreuung, die Entspannung, die frivole Neugier. Selbst für die größten Fanatiker des Authentischen führt der angebliche Wille, den anderen kennenzulernen (das Wort hat bei ihr einen leicht ironischen Klang), zu sehen, wie er lebt und denkt, mit ihm Ideen und E-mails auszutauschen, die meiste Zeit nur zu provisorischen und unfruchtbaren Begegnungen, führt nur dazu, sich ihm wie ein Eindringling aufzudrängen, in seinen Schränken herumzuwühlen und an seinen Socken zu riechen. Und dann, welches Interesse hat es, zu sehen und zu fühlen, was alle Welt sieht und fühlt und was man übrigens heutzutage risikolos zu Hause erleben kann? Die Globalisierung hat den Exotismus getötet. Wer kann noch behaupten, die Unruhe der wahren Alterität zu spüren? Wir, die Sucher nach dem Unbekannten, wir sind es uns schuldig, neue Extremerfahrungen anzubieten, die unseren Kunden auf die unerhörten Prüfungen des Abgrunds vorbereiten. Wir glauben, dass es einzig das Unglück ist, was den Menschen fundamental gefangen nimmt und den normalen Lauf der Dinge stört: Unfälle, Attentate, Katastrophen, Revolutionen. Alles, was die Sinne schärft, gehört dem Desaster an. Das bloße Glück schläfert ein. Indessen folgt auf dem Schirm eine Schreckensszene auf die andere: Besuche improvisierter Hospitäler, Entdeckung von Massengräbern, versuchte Rettung eines Kindes, das unter den Trümmern seines Hauses eingeklemmt ist.

Persönlicher Kostenvoranschlag


Vielleicht wären Sie an einem Aufenthalt in einem birmanischen Gefängnis interessiert? Die Stimme der Frau ist plötzlich sanfter, fast süßlich geworden. Sie macht den Eindruck, unsinniges Zeug zu tuscheln. Einer unserer Mitarbeiter vor Ort hat die letzten erforderlichen Genehmigungen erhalten, und gestern haben schon die ersten Kunden gebucht: ein englischer Lord und ein argentinisches Lehrerpaar. Sie werden also das elende Los der Diebe und der politischen Gefangenen in den verpesteten Kerkern von Rangun von innen teilen, die erstickende Feuchtigkeit, die Kolonien von Ratten, die perversen Aufseher. Ich sehe, wie Sie die Stirn runzeln. Sie sind um Ihre Sicherheit besorgt? Sie riskieren bestimmt nichts. Einer von unseren Betreuern wird immer an Ihrer Seite sein, und Sie werden eine Vorzugsbehandlung genießen, die speziell von uns erarbeitet wurde und den geltenden internationalen Normen entspricht. Wir garantieren 2500 Kalorien pro Tag und ein Minimum an Hygiene. Ihre Unterbringung wird zwar identisch sein mit der der anderen Gefangenen, sonst würde der Eindruck von Realismus gestört, aber ihre Mahlzeiten werden besser sein, und einmal am Tag steht Ihnen eine individuelle Dusche zu. Außerdem sind Sie von allen harten Arbeiten, von den entwürdigenden Diensten, ausgenommen. Um die Atmosphäre zu respektieren und wirklich ins Leben der Gefangenen einzutauchen, nehmen Sie lediglich an den diversen Arbeiten innerhalb des Gefängnisses teil, an den Spaziergängen, den gymnastischen Übungen. Nichts wird Sie äußerlich von den anderen unterscheiden. Wenn Ihnen das, wie soll ich sagen, zu gewöhnlich, zu vorhersehbar erscheint, können wir auf Wunsch auch Schlägereien im Speisesaal, Prügeleien in den Toiletten, die Parodie einer Lynchung, den Ansatz von Aufständen organisieren. Sie müssen uns nur vorher benachrichtigen und den Preis mit uns vereinbaren.

Moralische Fragen


Sie schweigen, bleiben gefasst. Vermutlich fragen Sie sich, ob das moralisch ist. Allmählich verliert die Stimme meiner Frau ihre Süße und nimmt Reibeisen-Charakter an. Wir kennen diese Art von Zögern, fährt sie fort, aber alles ist klar in unserer Vorgehensweise. Wir, ich und meine Teilhaber, wir meinen, dass das Schauspiel der Trostlosigkeit, der désolation, um den Lieblingsausdruck der faulen Journalisten zu verwenden, einen wohltätigen Reinigungseffekt produziert. Den üblichen Topos über die Katharsis will ich Ihnen ersparen, aber sie ist es, um die es sich handelt, um die Reinigung der Leidenschaften, das große affektive Saubermachen, Furcht, Mitleid, Angst, Zorn, Hass. Menschen, die sich für Unbekanntes begeistern, ermöglichen wir es, sich gefahrlos mit dem Bösen, dem Krieg und dem Leiden auseinanderzusetzen und so ihren moralischen Sinn auf die Probe zu stellen. Alles ist Kontrast, Harmonie der Gegensätze. Ohne Schmerz keine Lust. Wir bieten die Möglichkeit, diese essentielle Spannung hautnah zu fühlen und arbeiten so im Sinne eines gewissen Glücksstrebens. Sehen Sie, verehrter Herr, sagt sich beinahe heiser schreiend die Frau, es ist nicht der Voyeurismus, der unsere Kunden motiviert, wie es etwas vorschnell unsere Feinde behaupten, nein, weit gefehlt, es ist der gesunde Wille, die Extremerfahrung des Desasters zu machen und sich dagegen zu wappnen. Das ist eine alte Geschichte. Lassen wir die Scheinheiligkeit beiseite! Die Böswilligen behaupten, dass wir das menschliche Elend ausbeuten. Wir wollen uns auf diese Polemik nicht einlassen. Wir sind übrigens auch gar nicht sicher, ob diese Kontroversen nicht erheblich zur Anziehungskraft unserer Produkte beitragen. Sie schaffen uns einen schlechten Ruf, der in unserem besonderen Geschäft oft weit profitabler ist als der gute. Niemand behauptet, dass unsere Teams das Unglück organisieren, das sie in Szene setzen. Das ist absolut falsch. Das kann ich Ihnen versichern. Die Welt geizt leider nicht mit tragischen Ereignissen, und unsere Vorstellungskraft könnte nicht einmal im Traum leisten, was das Schicksal in jedem Augenblick schafft. Man muss nur noch nach der geringsten Katastrophe auf der Lauer liegen und kleine, mobile und reaktionsschnelle Einheiten, die in ein paar Tagen spektakuläre Ergebnisse erzielen können, vor Ort entsenden. Sind wir daran schuld, dass die menschliche Natur sich angezogen fühlt von allem, was scheitert, zusammenstürzt und entartet? Der Extremtourismus ist nichts anderes als die praktische Kombination der modernen Barbarei mit der Unterhaltungsindustrie. Er hat eine soziale und sogar politische Berufung: die Erfahrung des Chaos durchzumachen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Sehen Sie, wir sind keine Feinde der Gesellschaft, sondern ihre eifrigen Diener.

Flucht und Ende


Als ob sie spürte, dass sie jetzt in eine neue Phase ihres Vortrags eintreten müsste, verlässt die Frau den dunklen Hintergrund des Saals und stellt sich direkt vor dem Schirm auf. Ihre nervöse Erregung lässt sie die Blendung nicht spüren. Die Bilder des Videofilms tanzen auf ihr. Auf ihrem Gesicht, das durch die demonstrative Leidenschaft abstoßend geworden ist, wechseln sich überschwemmte Landschaften mit Tsunamis, Lavaströme mit brennenden Gebäuden ab. In ihren Augen leuchten die scharlachroten Flammen der verwüsteten Städte. Über ihre Wangen rennen Plünderer und Flüchtlinge. Mitten in ihrem Mund bildet sich eine Ölpest. Unerschütterlich fährt sie fort, von der menschlichen Neigung zur Grausamkeit, von Eros und Thanatos, von der Anziehungskraft der Hässlichkeit zu plaudern. Ihr Kopf ist erhoben, ihr Blick verliert sich über dem Projektor. Sie scheint nicht mehr präsent zu sein. C hat genug gesehen und gehört. Diese sterile Verherrlichung des Bösen ermüdet ihn. Er spürt Lust, wieder zu Hause zu sein, in seinem Sessel zu sitzen und die Zeitung zu lesen. Er erhebt sich geräuschlos und verlässt den Saal. Hinter ihm die Frau bemerkt sein Verschwinden gar nicht. In identischer Tonart fährt sie in ihrem delirierenden Selbstgespräch fort (barbarisches Raffinement … äußerste Missachtung der Natur … krankhafte Leidenschaften …). C durchquert die Eingangshalle. Das junge Mädchen, das noch immer in das zwanghafte Hantieren mit dem Handy vertieft ist, schenkt ihm auch diesmal keinen Blick, als ob er unsichtbar oder irreal wäre. Oder als ob ganz einfach sie es wäre, die nicht existiert. Im Gehen bemerkt C direkt über der Tür ein Gruppenphoto so breit wie ein Poster, in dem die Hälfte der Gesichter mit einem Kreuz durchgestrichen ist. Als er endlich sich auf der Straße wiederfindet, hat er das seltsame Gefühl, dass die tiefe Nacht, die ihn plötzlich umhüllt und durch ihre Schwärze überrascht, gleichsam die physische Emanation des Ladens ist, den er eben verlassen hat.

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Bruce Bégout

Bruce Bégout

ist Schriftsteller und Philosoph phänomenologischer Ausrichtung und hat sich als Autor literarischer Essays und Erzählungen einen Namen gemacht. Er forscht zur Urbanität, zum Allgemeinplatz und zum Alltäglichen, hat das amerikanische Motel in all seinen Facetten beschrieben und unterrichtet derzeit an der Universität Bordeaux.

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Bruce Bégout: Sphex

Bruce Bégout

Sphex
Krankhafte Phantasien

Übersetzt von Heinz Jatho

Broschur, 256 Seiten

In siebenunddreißig giftigen Mikro-Fiktionen erweist sich Bruce Bégout als Spezialist für den Horror des Alltäglichen, als kalter Sezierer unguter Seltsamkeiten. Was man nicht mehr sieht und spürt, was uns aber maximal bestimmt und überwölbt, wird binnen weniger Sätze zum Protagonisten der Handlung und bringt auf drei, vier Seiten wie beiläufig die Welt zum Kippen. Vor dem Hintergrund postindustrieller Nicht-Orte, den Gewerbegebieten, Altenheimen, Autobahnen, Möbelhäusern, Baustellen und Seelenlandschaften unserer Zeit laboriert ein menschlich-allzumenschliches Personal an seinen ganz und gar zeitgenössischen, will sagen: so beliebigen wie zwanghaften Obsessionen. Bégouts »krankhafte Fantasien«, eines David Cronenberg und J.G. Ballard ebenbürtig, sind geformt an jenem »Spleen de Paris« Charles Baudelaires, der dem Ennui des 19. Jahrhunderts seine Figuren und Szenen gab. Im grellen Licht dieser Prosa zeichnet sich ab, was Literatur – jenseits des so sorgsam unterhaltenen Identifikationsangebots – gegenwärtig einzufordern im Stande ist.