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Jacques Rancière: Denken zwischen den Disziplinen
Denken zwischen den Disziplinen
(S. 81 – 102)

Eine Ästhetik der (Er)kenntnis

Jacques Rancière

Denken zwischen den Disziplinen
Eine Ästhetik der (Er)kenntnis

Was hat man unter der Anrufung einer »Ästhetik der Erkenntnis« zu verstehen? Die These, die Rancière vorstellen möchte, ist einfach und lautet: Von einer ästhetischen Dimension der Erkenntnis sprechen heißt von einer Dimension der Unwissenheit sprechen, welche die Idee selber und die Praxis der Erkenntnis zerteilt. Ästhetik ist ein historisch festgelegter Begriff, der ein spezifisches System der Sichtbarkeit und Verständlichkeit der Kunst bezeichnet, der sich in eine Rekonfiguration der Kategorien der sinnlichen Erfahrung und ihrer Interpretation einschreibt. Die Erkenntnis kann nicht ästhetisch sein. Ästhetik ist in der Tat die Teilung der Erkenntnis, die Störung jener Ordnung der sinnlichen Erfahrung, die gesellschaftliche Positionen mit Geschmäckern und Einstellungen, Wissensbereichen und Illusionen in Übereinstimmung bringt. In dem Moment aber, wo die Philosophie ihren Status als Disziplin der Disziplinen begründen will, tritt diese Umkehrung ein: die Grundlage der Grundlage ist eine Geschichte. Die Philosophie sagt den Wissen(schaften), die sich ihren Methoden sicher sind: Methoden sind Geschichten, die man erzählt. Das soll sagen, dass sie Waffen in einem Krieg sind; sie sind keine Werkzeuge, die es erlauben, ein Bereich auszuschlachten, sondern Waffen, die dazu dienen, seine stets unsichere Grenze festzulegen.



Was ist unter der Anrufung einer »Ästhetik der Erkenntnis« zu verstehen? Offenbar geht es nicht darum, dass die Formen der Erkenntnis eine ästhetische Dimension hinzuziehen sollten. Der Ausdruck setzt voraus, dass eine solche Dimension nicht beizufügen ist wie ein zusätzliches Ornament, sondern ohnehin da ist, als eine unmittelbare Gegebenheit der Erkenntnis. Es bleibt zu sehen, was dies beinhaltet. Die These, die ich vorstellen möchte, ist einfach: Von einer ästhetischen Dimension der Erkenntnis sprechen, heißt von einer Dimension der Unwissenheit sprechen, welche die Idee selber und die Praxis der Erkenntnis zerteilt.


Diese Aussage beinhaltet natürlich eine vorhergehende These zu dem, was »Ästhetik« heißt: Ästhetik ist nicht die Theorie des Schönen oder der Kunst, und auch nicht die Theorie der Sinnlichkeit. Ästhetik ist ein historisch bestimmter Begriff, der ein spezifisches Regime der Sichtbarkeit und Verständlichkeit der Kunst bezeichnet, der sich in eine Rekonfiguration der Kategorien sinnlicher Erfahrung und ihrer Interpretation einschreibt. Diesen neuen Typ sinnlicher Erfahrung hat Kant in der Kritik der Urteilskraft in ein System gebracht. Ästhetische Erfahrung beinhaltet für ihn eine gewisse Entkoppelung der üblichen Bedingungen sinnlicher Erfahrung. Er fasst dies in einer doppelten Verneinung zusammen. Der Gegenstand ästhetischer Auffassung ist dadurch gekennzeichnet, dass er weder Gegenstand der Erkenntnis noch des Begehrens ist. Die ästhetische Beurteilung einer Form ist ohne Begriff. Sie ist keine Funktion des Wissens, wonach ein Künstler ein gegebenes Material formt. 


Die Ursachen des Schönen scheiden sich also von den Ursachen der Kunst. Sie trennen sich aber auch von den Ursachen, die einen Gegenstand begehrenswert oder abscheulich machen. Nun definiert die doppelte Verneinung nicht nur die neuen Bedingungen der Beurteilung der Dinge der Kunst. Sie bestimmt auch eine gewisse Aufhebung der normalen Bedingungen gesellschaftlicher Erfahrung. Kant veranschaulicht das am Anfang der Kritik der Urteilskraft am Beispiel eines Palastes, bei dem das ästhetische Urteil die Form allein für sich nimmt und sich weder dafür interessiert, ob der Palast die Eitelkeit eines adeligen Müßiggängers bedient noch wieviel Schweiß von den Männern des Volkes für seine Errichtung vergossen werden musste. Um die Form des Palastes ästhetisch zu beurteilen, sagt Kant, muss man dies nicht wissen, man muss es ignorieren. 


Dieser von Kant erklärte Wille zum Nichtwissen sorgt nach wie vor für Aufregung. Pierre Bourdieu widmete 600 Seiten der Darlegung einer einzigen These: Dieses Nichtwissen ist die absichtliche Verkennung dessen, was die Wissenschaft der Soziologie uns durch genauste Maßstäbe lehrt, nämlich dass das interesselose ästhetische Urteil das Privileg derer ist, die sich...

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Jacques Rancière

Jacques Rancière

ist einer der meistdiskutierten politischen Philosophen der Gegenwart. Er lehrte von 1969 bis 2000 an der Universität Paris VIII (Vincennes und Saint Denis) und war lange Herausgeber der Zeitschrift »Révoltes logiques«. In den letzten Jahren beschäftigt er sich vor allem mit Fragen der Ethik und Ästhetik sowie der politischen Philosophie.

Weitere Texte von Jacques Rancière bei DIAPHANES
INAESTHETIK – NR. 0

Inästhetik denkt die Kunst von der Philosophie und die Philosophie von der Kunst her, ohne dabei das eine zum Objekt des anderen zu machen, ohne eines ans andere zu binden oder dem anderen unterzuordnen in der Überzeugung, dass in der Philosophie wie in der Kunst das Unendliche nur jeweils unterschiedliche endliche Formgebungen erfährt. Inästhetik zeichnet »die aus der unabhängigen Existenz bestimmter Kunstwerke hervorgehenden intraphilosophischen Wirkungen« nach, wobei die Philosophie die Immanenzebene bereitstellt. Inästhetik bringt ein Denken in Anschlag, das Kunst und Philosophie gleichermaßen als Wahrheitsproduktion auffasst und, im Sinne Badious, die »Treue« zu diesen Wahrheiten aufrechterhält. Inästhetik versucht die Ebene einer allgemeinen Ontologie zu fixieren, auf der sich das Verhältnis von Philosophie und Kunst aufspannt. Inästhetik erscheint als Zeitschrift im Halbjahresrhythmus und stellt unter wechselnden Thementiteln internationale Positionen neben explizit jüngere Ansätze. Inästhetik will internationale zeitgenössische Konfigurationen sichtbar machen und operiert daher bewusst mehrsprachig.

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