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Judith Kasper, Cornelia Wild: Sammelband
Sammelband
(S. 281 – 284)

Nach dem Sammelband: das Wagnis des Disparaten

Cornelia Wild, Judith Kasper

Sammelband

PDF, 4 Seiten

Vom Sammelband zu handeln, impliziert von seinem Ende zu sprechen. Denn er ist am Höhepunkt seines Erscheinens bereits an sein Ende gekommen. Die Flut von Sammelbänden, die uns seit Jahren überschüttet, zeugt nicht von endloser Qualität, sondern von endlicher Quantität.

Das Phänomen Sammelband ist selbst jüngeren Datums. Sammelbände, das heißt Bände, in denen Texte, meist aufgrund einer zuvor durchgeführten Tagung, zu einem bestimmten Thema versammelt worden sind, bilden das Ergebnis wissenschaftlicher Transformationen und Erneuerungen ab und haben eine präzise institutionsgebundene Funktion, innerhalb der sie sich als effizient und fruchtbar erwiesen haben. Dabei ist zu präzisieren, dass Sammelbände eine Publikationsform darstellen, die ausschließlich in den Geisteswissenschaften von Relevanz sind. Naturwissenschaftler publizieren in Zeitschriften, hinter denen weniger die Herausgeberinstanz steht, sondern ein Komitee von Gutachtern, die sogenannte ↑ Peer Review.

Nach Wolfgang Kemp entspringt die Idee des Sammelbands dem Zeitgeist der 68er, der von der Verabschiedung des Autorbegriffs und der Krise des Individuums genauso geprägt wurde wie von einem Konzeptalbum wie Sgt. Peppers der Beatles. Im Zuge dieser entindividualisierenden Tendenzen hat den ersten Sammelbänden die Konstanzer Gruppe Poetik & Hermeneutik ihr Gesicht verliehen. Diese Bände waren Avantgarde und die darin versammelten Aufsätze haben heute wie damals schulbildenden Status. An deren Stelle sind danach Sammelbände getreten, die unter Federführung der HerausgeberInnen Tagungsergebnisse publizieren. Das Phänomen der Call for Papers zeigt, dass sich in vielen heutzutage organisierten Tagungen nicht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen finden, weil sie gemeinsam den drängenden Fragen der Zeit folgen und diese als Debatte einem größeren Publikum zur Diskussion stellen wollen. In den zeitgenössischen Tagungen und daraus hervorgehenden Sammelbänden werden individuelle Interessen nicht auf eigene, sondern auf die Forschungsfragen anderer zugeschnitten. Problematiken und Fragestellungen ergeben sich also nicht aus dem, was uns begegnet. Im Gegenteil, die eigenen Forschungsgegenstände werden in vielen Fällen für ihren Anschluss an die gemeinsame Fragestellung zurechtgebogen. »Anschlussfähigkeit« ist nicht zufällig ein Modewort der Geisteswissenschaften. Die Folge davon ist der zunehmende Eindruck, dass Sammelbände immer mehr einer schieren Addition höchst heterogener und vereinzelt dastehender Beiträge gleichen; dass der Bearbeitung eines großen Themenzusammenhanges, die der Titel immer noch zu versprechen scheint, kein gemeinsames Studium und keine gemeinsamen Referenzen mehr zugrunde liegen.

Nicht wissenschaftsinhärente, sondern externe Gründe setzen den Maßstab für die Publikation des Wissens. Dass so viele Sammelbände erscheinen, ist nicht so sehr der durchschlagenden Kreativität gegenwärtiger Geisteswissenschaftler zu verdanken, sondern dem Publikationsdruck, unter dem sie stehen. Sammelbände folgen in erster Linie einem Prinzip der Ökonomisierung des Wissens (↑ Leistungspunkte/ECTS). Die Ursache dafür liegt in einer Politik begründet, in der die Qualifizierung maßgeblich auch an der Quantität der Publikationen gemessen wird (↑ Ranking). Eine Alternative zum Sammelband könnte im naturwissenschaftlichen Modell bestehen, in Zeitschriften, bei denen die Qualitätshoheit Peer Reviews haben. Ist aber dieses aus den Naturwissenschaften übernommene Modell für die Geisteswissenschaften adäquat? Kommt es nicht vielmehr darauf an, den geisteswissenschaftlichen Traditionen und den daraus hervorgehenden Denkweisen durch die Publikationsform Rechnung zu tragen? Im Unterschied zu den Naturwissenschaften, die objektive Maßstäbe für die Qualität der Beiträge festlegen können – in Bezug auf die Ergebnisse, wie auch auf die Darstellungsform – lassen sich geisteswissenschaftliche Arbeiten nicht ohne weiteres objektivieren. Das Qualitätsversprechen des Peer Review stößt immer da an seine Grenzen, wo die geisteswissenschaftliche Denkweise beginnt (↑ Lektürekurs). Die unmittelbare Übersetzung von naturwissenschaftlichen Verfahren löscht das, was die Beiträge ausmachen sollte: eine Neuheit des Denkens, die an keinem Maßstab zu messen ist, sondern selbst Maßstäbe setzt, indem sie den normativen Kriterien in die Quere kommt.

Wir befinden uns in einem Dilemma, das uns jedoch dazu anregen könnte, neue Fragestellungen zu entwickeln. Wie können wir Wissenschaftler aus der Vereinzelung, in die uns die ökonomisierten Bedingungen des Wissens zwingen, in einen Verbund gemeinsamen Denkens (zurück-)finden? Welches ist der Ort und welche Zeit benötigt dieses gemeinsame Denken? Unter dem Stichwort Sammelband geht es um diese grundsätzlichen Fragen. Und in diesem Kontext, auf den Sammelband zurückkommend, bescheidener und konkreter gefragt: Was kann nach dem Sammelband kommen? Was wünschen wir uns von einem Sammelband? – Wir meinen, wir müssten uns daran erinnern, was uns an einer Sammlung fasziniert. Ohne zunächst sagen zu können, was dieses Faszinosum ausmacht, gilt es, den Sammelband in Hinblick auf die Kunst des Sammelns zu denken. Sammeln heißt in erster Linie, in einer schieren Anhäufung ein Gesetz, eine geheime Spur, einen noch zu entdeckenden Zusammenhang zu erkennen und – sammelnd – zu extrapolieren. Heißt, das Zufällige als etwas zu denken und zu spielen, das einem just in diesem Moment zufällt, also: im emphatischen Sinne begegnet, und der dabei sein schier Zufälliges in ein Zugefallenes verwandelt. Der Zufall des Zusammengewürfelten darf im sammelnden Band kein toter Moment bleiben, sondern gerade ihm muss jenes kreative Moment entspringen, das der künstlerischen Collage bzw. Montage (↑ Love) eigen ist. Damit greift das Sammeln immer schon auf Bestehendes zurück, entdeckt es neu, stellt es in neue Zusammenhänge. An dieser Stelle tritt der Sammelband, so wie wir ihn denken möchten, in ein Bezugsfeld zur Zitatsammlung oder zum Bildarchiv (zum Beispiel eines Jean Paul oder Gerhard Richter) und weiter – geordneter, überschaubarer – zur Anthologie.

Nach der Verabschiedung des Sammelbandes kündigt sich darum vielleicht ein Sammeln von Texten bereits an: als ein in Konstellation-Setzen und Weiterschreiben von Texten, die schon geschrieben worden sind und wieder neu gelesen werden möchten. In diesem Sinne könnte die Anthologie eine neue und kreative Rolle in den Geisteswissenschaften spielen, weil sie durch Prinzipien der Wiederholung, des Wiederlesens, des Zufälligen, des Umstellens, des Topologischen die Hoheit des ökonomisierten Wissens widerlegt. Und ganz nebenbei könnte diese Wissens- und Denkform Wissenschaftler vom Druck, ständig Neues zu publizieren, befreien und sie wieder stärker zum vertieften Studium dessen, was schon einmal gedacht worden ist und sich als maßgeblich und haltbar erwiesen hat, führen. Die Kunst der Wissenschaft würde sich maßgeblich erweisen in der kritischen Nachlese, in der Entdeckung von zu Unrecht vergessenen Texten, in der überraschenden Bezugsetzung von Texten, die sich in anderer Weise vielleicht nie begegnet wären, in deren Spannungsfeld sich jedoch Ungedachtes noch ereignen kann.

Anthologien schreiben sich dabei nicht einfach ins Ungewisse hinein. Sie unterliegen nicht der Kontingenz, sondern ordnen, sortieren, montieren ein bereits vorhandenes Wissen neu. In den Anthologien wird das Bestehende in überraschende Konstellationen gebracht, das heißt durch ein Verfahren der Montage werden neue Verbindungen geschaffen, wird in der Überschreitung Wissen übersetzt und übertragen. Auf diese Weise entstehen neue Räume des Wissens und des Denkens. Zwei kulturtheoretisch maßgebliche Werke, die in solcher Weise konstellierend und sammelnd verfahren, seien hier genannt: Benjamins Passagen-Werk und Warburgs Mnemosyne-Atlas. Auch wenn sie in jüngster Zeit von den Geisteswissenschaften stark rezipiert werden, bleibt ihre Geste, die zur organisierten Wissenschaft immer schon quer stand und immer noch quer steht, isoliert. Dabei eignet dem Verfahren, das beide Werke gleichermaßen auszeichnet, ein Potential, das auch gerade die Geisteswissenschaften im Sinne einer kritischen Gedächtnisarbeit sprunghaft vorantreiben könnte: ein Studium unterschiedlicher und doch aufeinander bezogener Wissensbereiche und der Versuch, im Sinne einer Archäologie der Moderne, der sich beide verschrieben haben (Benjamin im Zeichen der Passage, die sowohl urban als auch textlich immer schon Zonen des Übergangs bzw. Zwischenräume markiert; Warburg im Zeichen der Göttin des Gedächtnisses), heterogenes Material zu montieren: Das Passagen-Werk konfrontiert überraschend etwa Mode mit Literatur, stellt die Photographie neben die Sozialgeschichte, die Eisenbahn dem Jugendstil gegenüber; und Aby Warburg produziert mit seinen Bildertafeln flüchtige, weil affektive, auf kein Motiv reduzierbare Verbindungen von der Antike bis in die Gegenwart, indem er neben Reproduktionen von Kunstwerken aus Antike und Renaissance Werbeplakate, Briefmarken, Zeitungsausschnitte oder Pressefotos von Tagesereignissen setzt. In den Zwischenräumen – dies ist das Versprechen dieses Atlasses – scheint Ungelesenes, Ungedachtes, ja das Unbewusste der Geschichte auf, das zu denken, zu phantasieren und zu deuten gibt.

Solche Transversalen des Wissens, die weder chronologisch noch systematisch verlaufen, sondern zerschneiden, trennen, zerreißen, anstatt zu verbinden, zu vereinheitlichen oder zu beschwichtigen, könnten Anhaltspunkt für zukünftige Publikationen sein (↑ Machen). Deren radikale Heterogenität gilt es zu riskieren und auszuhalten. Denn in ihnen herrscht das Wagnis des Disparaten, das jeder geforderten Interdisziplinarität vorausgeht, weil es ein Denken in Disziplinen immer schon überschreitet. Damit der vorhandene Wissensraum dabei jedoch nicht bloß abgeschrieben wird, sondern neu montiert werden kann, sollte am Anfang eines solchen Bandes die Frage stehen: Welches ist der Einsatz dieses Bandes im Raum des Wissens/des Denkens? Und auch wenn wir es nicht sagen können oder auch: gerade dann, wenn wir es nicht sagen können, müssen wir darüber nachgedacht haben.

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Judith Kasper

arbeitet seit 2009 als Dozentin für italienische und französische Literaturwissenschaft an der Universität München. Zuvor war sie in verschiedenen wissenschaftlichen Funktionen in Paris, Verona, Bologna und Venedig tätig. Beteiligung am Forschungsprojekt »Der traumatisierte Raum. Topographie, Dissemination und Übertragung des Holocaust« an der Universität Potsdam.

Cornelia Wild

studierte Romanistik und Germanistik in Konstanz, Berlin und Lyon. 2006 wurde sie am Institut für Romanistik der LMU München promoviert und war im gleichen Jahr Projektleiterin am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. Seit 2006 ist sie außerdem Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Romanische Philologie der LMU München, seit März 2010 Stipendiatin im Förderkolleg der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Französische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Französische Klassik, Italienische Literatur des 13. und 14. Jahrhunderts, Poetologie, Epistemologie, Literaturtheorie.

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Unbedingte Universitäten (Hg.): Bologna-Bestiarium

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Bologna-Bestiarium

Broschur, 344 Seiten

PDF, 344 Seiten

»ECTS-Punkte«, »employability«, »Vorlesung« – diese und viele weitere Begriffe sind durch die Bologna-Reformen in Umlauf geraten oder neu bestimmt worden und haben dabei für Unruhe gesorgt. Die Universität ist dadurch nicht abgeschafft, aber dem Sprechen in ihr werden immer engere Grenzen gesetzt. Anfangs fremd und beunruhigend, fügen sich die Begrifflichkeiten inzwischen nicht nur in den alltäglichen Verwaltungsjargon, sondern auch in den universitären Diskurs überhaupt unproblematisch ein.

Das Bologna-Bestiarium versteht sich als ein sprechpolitischer Einschnitt, durch den diese Begriffe in die Krise gebracht und damit in ihrer Radikalität sichtbar gemacht werden sollen. In der Auseinandersetzung mit den scheinbar gezähmten Wortbestien setzen Student_innen, Dozent_innen, Professor_innen und Künstler_innen deren Wildheit wieder frei. Die Definitionsmacht wird an die Sprecher_innen in der Universität zurückgegeben und Wissenschaft als widerständig begriffen.

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