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Mike Wilson

Rockabilly

Veröffentlicht am 02.11.2016

Rockabilly fing an zu graben, spät in einer Frühlingsnacht, mit einer rostigen Schaufel, im Hintergarten seines Hauses. Alles hatte einige Stunden vorher begonnen, es dämmerte, die Fenster in der Nachbarschaft erhellten sich nach und nach und das Rot am Horizont zerfloss. In einigen Häusern flackerten Fernseher, in anderen versammelten sich die Familien um den Abendtisch. Rockabilly hatte weder Familie noch Fernseher, er kniete im Wohnzimmer im Schein einer schwachen Glühbirne auf einem Haufen alter Zeitungen, seine ölverschmierten Finger nahmen ein Getriebe auseinander, das er vom Autofriedhof mitgebracht hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, seine Hand hinterließ einen schwarzen Fleck. Zufrieden ging er ins Bad, um sich zu waschen. Während er die Arme einseifte und vergeblich versuchte, den Schmutz aus der Haut zu entfernen, fiel etwas vom Himmel. Zunächst vernahm er einen schrillen Pfiff, dann einen harten Schlag aufs Dach, einen Blitz und einen dumpfen Knall im Hintergarten. Rockabilly stürzte aus dem Bad. Der Giebel brannte und die Dachrinne flatterte lose. Ohne in Panik zu geraten, holte Rockabilly den Feuerlöscher aus der Küche und erstickte das Feuer. Als der Rauch sich gelichtet hatte, begutachtete Rockabilly den Schaden. Am Dach zeugte neben einem verkohlten Halbkreis einzig ein münzgroßes Loch von dem Einschlag. Durch das Loch sah er einen Stern funkeln. Rockabilly stellte den Feuerlöscher ab und besah den Hintergarten. Er kratzte sich am Kinn und betrachtete seine kleine häusliche Apokalypse. Ein glühender Dunstschleier ruhte auf dem Gras, das Erdreich war aufgeplatzt und Pflanzenfetzen waren über den Garten verteilt. Er ging einige Schritte in die Mitte der Furche, dem Treiben einer Rauchschwade folgend. Seine Schritte wühlten den Nebel auf und gaben kurze Blicke auf das Verborgene am Boden frei. Er schritt vorsichtig voran, bis er auf einen Riss stieß. Er beugte sich und konnte die nebeligen Umrisse eines kleinen Kraters ausmachen, in den der Nebeldunst sank. Einige Minuten blieb er stehen, ohne zu wissen, was er tun sollte. Er dachte, es empfehle sich wohl, jemanden zu verständigen, die Feuerwehr, die Polizei, wen auch immer, verwarf aber letztlich den Gedanken. Er war vorbestraft und daher besser damit beraten nicht aufzufallen. Außerdem glaubte er, die Sache im Griff zu haben. Das Feuer war gelöscht, das Dach sah aus, als würde es halten, und der Garten ... wer zur Hölle scherte sich um den Garten. Kurzum, er war erschöpft, die Nacht davor hatte er kaum geschlafen, und er wollte sich auf keinen Fall...

In einer Vorstadtsiedlung in Amerika schlägt ein Meteorit im Hintergarten des Schrottbastlers und Kleinkriminellen Rockabilly ein. Mitten in der Nacht macht dieser sich daran, den Gegenstand auszugraben, unter dem neugierigen Blick der jungen Nachbarin Suicide Girl, die ihn nicht zum ersten Mal beobachtet und deren Mode sich schon seit einiger Zeit nach dem Pin-up-Tattoo auf Rockabillys Rücken richtet. Während Suicide Girl am Fenster steht, beginnt ihre rechte Brust anzuschwellen und Milch zu geben…

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Mike Wilson

Mike Wilson

geboren in St. Louis, Missouri, ist ein argentinisch-amerikanischer Schriftsteller. Er lehrt Literatur und Philosophie an der Universidad Católica in Santiago de Chile und ist Autor diverser Bücher.
Mike Wilson: Rockabilly
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