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Jeder Showroom hat seine »Manager«.

Present.Perfect.
Ein Gespräch mit der Filmemacherin Shengze Zhu

Übersetzt von Sabine Schulz

Veröffentlicht am 04.12.2019

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Nach ihrem Regiedebut Out Of Focus (2014) und ihrem mehrfach ausgezeichneten Another Year (2016), einem 3-stündigen Film über 13 Abendessen einer migrantischen Arbeiterfamilie in China, hat die chinesische Dokumentarfilmerin und Mitgründerin der Produktionsfirma Burn The Film Shengze Zhu für ihren neuesten Film Present.Perfect. hunderte Stunden mit Menschen im Livestream verbracht, diese aufgenommen und daraus eine Narration in vier Kapiteln erschaffen, ohne dem gefilmten Material etwas hinzuzufügen. Die Protagonisten des Films erzählen von ihrem Alltag, chatten mit ihren Followern, zeigen ihr Leben: darunter eine Näherin, die in einer Textilfabrik Unterwäsche zusammennäht, ein Unfallopfer, dessen Gesicht bei einem Brand entstellt wurde, ein Dreißigjähriger, der immer noch aussieht wie ein 12-jähriger Junge. DIAPHANES spricht mit Shengze Zhu über die Entstehung ihres beim International Film Festival Rotterdam 2019 mit dem Tiger Award ausgezeichneten Films, über die Livestreaming-Industrie in China, über die Einsamkeit ihrer Protagonisten und über die sozialen Implikationen dieser in China boomenden Kommunikationsform.





Shengze, beschreiben Sie doch bitte kurz das Phänomen der Livestreaming-Sites in China. Wann hat das angefangen, wie verlief die Entwicklung? Und wie ist die gegenwärtige Situation?

Livestreaming ist ein relativ neues Medium. Noch 2010, 2011 gab es das in China fast gar nicht. Aber in den letzten paar Jahren ist es zu einer der profitabelsten Branchen überhaupt geworden. Nach dem Bericht einer staatlichen Agentur betrugen die Livestreaming-Umsätze in China im Jahr 2017 30,45 Milliarden Yuan (das sind etwa 4,76 Milliarden US-Dollar), und es gab mehr als 400 Millionen aktive Nutzer.

Das Jahr 2016 gilt allgemein als das Jahr Null für den Livestreaming-Hype. Einer unvollständigen Statistik zufolge bo- ten 2016 in China mehr als 300 Firmen Online-Livestream-Plattformen an. Zwar ist der Livestreaming-Sektor seither schwindelerregend schnell gewachsen, dabei sind aber auch Probleme wie das Streamen obszöner, gewalttätiger oder anderer unangemessener Inhalte zutage getreten. Außerdem hat es durch seine Möglichkeit zur Verbreitung anonymer, unregulierter oder usergenerierter Inhalte die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich gezogen. Ende 2016 trat eine Reihe von Regularien und Gesetzen in Kraft, die im Cyberspace für Ordnung sorgen und Netzsicherheitsstandards setzen sollten. Auch wenn Livestreamer ihre Online-Rolle selbst bestimmen können, sind sie nun verpflichtet, den Livestream-Account mit ihrem Klarnamen und ihrer Personalausweisnummer zu registrieren, und ihr Onlineverhalten unterliegt strengen Regeln.

Livestreaming zählt zu den populärsten sozialen Medien in China, und »Livestreamer« gilt inzwischen vielerorts als normaler Beruf. Zum einen hat es gewaltige Umsätze produziert und eine Menge Internetstars hervorgebracht, zum anderen stellt es beliebte Treffpunkte für Massen chinesischer »Netzbürger« bereit.


Wann und wie haben Sie davon erfahren? Und was hat Sie zu Ihrem neuen Film Present.Perfect. veranlasst?

Bevor ich mit den Arbeiten an dem Film begann, kannte ich mich mit Livestreaming nicht aus. Ich hatte noch nie eine Show auf einer Streamingplattform gesehen, höchstens hin und wieder einmal ein paar Clips in den Sozialen Medien, in denen irgendwelche Livestreamer extreme oder bizarre Dinge taten. Dann kam es im Herbst 2017 zu einem tragischen Unfall – ein junger Mann, Anfang zwanzig, der häufig Livestreams von den Dächern verschiedener Gebäude sendete, vollführte irgendwelche Stunts auf dem Dach eines Wolkenkratzers in Changsha und stürzte in den Tod. Dieser Vorfall weckte meine Neugierde. Ich wollte wissen, was es mit Livestreaming auf sich hat und warum die Leute dafür ihr Leben riskieren. Also fing ich an, mir Shows anzusehen. Schnell merkte ich, dass Livestreaming mir eine Welt eröffnete, die ich nicht kannte. Es ist eine Welt, die ausschließlich im Cyberspace existiert, die man nur über Computerbildschirme oder auf Smartphones sehen kann. Sie ist wild, sonderbar, ja grausam und doch kreativ, echt und voller Vitalität. Andererseits hat es mich schon immer interessiert, die Welt mit den Augen anderer zu betrachten. Ich will wissen, wie die Leute ihre Welt sehen, sie wahrnehmen. Wir sagen oft, in einem Dokumentarfilm geht es um die Wirklichkeit, aber ich glaube, Wirklichkeit hat nicht nur mit dem zu tun, was vor der Kamera passiert, sondern wichtiger noch ist, wer hinter der Kamera steht. Diese virtuelle Streamingwelt ist ganz genau so – sie entfaltet sich durch die Brillen unterschiedlichster Leute mit unterschiedlichsten Hintergründen. Deswegen ist der Film für mich auch absolut kein Found-Footage-Film, der aus vorgefundenem Material besteht, auch wenn das gesamte Material aus dem Internet kommt. Für mich ist es eher ein Film, den viele verschiedene Leute aus ganz China gedreht haben.


Wie viel Material gibt es und wie haben Sie den Prozess der Materialsammlung gehandhabt?

Auf meinen Festplatten liegen jetzt ungefähr 800 Stunden Filmmaterial, aber gesichtet habe ich tatsächlich deutlich mehr. Die Arbeit an dem Film hat ein ganzes Jahr beansprucht, und während dieses Jahres war ich aufmerksamer Follower einer Vielzahl von Livestreamern auf drei verschiedenen Plattformen. Ich war beinahe jeden Tag damit beschäftigt – wenn ich nicht gerade auf Reisen war, verbrachte ich acht bis zehn, manchmal auch 12 bis 15 Stunden damit, Streamingshows zu verfolgen und gelegentlich mit den sogenannten »Anchors« zu chatten. Ich lebte monatelang am Bildschirm.

Anfangs schaute ich die Shows nahezu wahllos. Ich wusste nicht, wem ich folgen sollte und was ich sehen wollte. Also schaute ich einfach viele verschiedene Shows und folgte Livestreamern, die mir sympathisch waren.

Es werden ein paar hundert Livestream-Kanäle gewesen sein, die ich abonnierte. Nach vier, fünf Monaten hatte ich ein genaueres Bild davon, was ich wollte und was mein Schwerpunkt sein würde. Zu der Zeit folgte ich immer noch ungefähr 70 bis 80 Leuten. Nach sieben oder acht Monaten schraubte ich ihre Zahl auf 20 bis 30 runter. Das war ein sehr zeitaufwendiger und kräftezehrender Prozess. Im Übrigen wird das, was gestreamt wird, ja nicht auf den Plattformen gespeichert – das heißt, wenn ich mal eine Show verpasste, würde ich es nie wieder zu sehen bekommen. Ich war in dieser Phase des Sammelns immer sehr nervös, weil ich immer Angst hatte, in dem ganzen flüchtigen Material etwas Interessantes zu verpassen. Ich hatte auch überlegt, ein paar Assistenten zur Materialsammlung anzuheuern, aber daraus wurde schließlich nichts: Erstens reichte unser Budget nicht dafür, aber wichtiger war vielleicht, dass ich selbst die Show ansehen musste, denn das war bereits der allererste Bearbeitungsschritt. Wessen Show ich gerade verfolgte, war bereits eine Auswahl, eine Entscheidung für etwas.


Was für Menschen sind es denn, allgemein gesagt, die Livestreaming betreiben?

Also, das kann wirklich jeder sein. Ich glaube nicht, dass es eine typische Kategorie oder Gruppe gibt, und ich finde auch nicht, dass wir Livestreamern irgendwelche Stempel aufdrücken sollten. Die Streaming-Community ist bunt gemischt. Bevor ich anfing, mir regelmäßig Shows anzusehen, habe ich mich das aber auch gefragt, und ich hatte eigentlich angenommen, dass die meisten Livestreamer noch sehr jung seien. Aber ich erkannte sehr schnell, dass das nicht stimmte. Es gibt Livestreamer aus allen Altersgruppen, sie haben die unterschiedlichsten Hintergründe und kommen aus ganz China: Menschen im Ruhestand, die gerne jemanden zum Reden hätten, reiche Teenies, die mit ihren Luxusautos protzen wollen, Bauern aus entlegenen Dörfern, die ihre Erzeugnisse verkaufen möchten, und viele mehr… ganz verschiedene Menschen, die sich nicht in Schubladen stecken lassen. Es kann wirklich jeder sein, Menschen wie Sie und ich.


Wie haben Sie beschlossen, wem Sie folgen wollen? Die Livestreamer, die Sie ausgewählt haben, befinden sich jeweils in einer schwierigen sozialen Lage. Können Sie beschreiben, nach welchem System sie bezahlt werden und wie viel Geld sie erhalten?

Das wichtigste Entscheidungskriterium, ob ich jemandem folgen will, ist die Persönlichkeit. Ich denke, ich folge Livestreamern mit einer starken Persönlichkeit – solchen, die dazu bereit sind, ihre persönlichen Geschichten mit anderen zu teilen, egal was diese davon halten; die im Umgang mit dem Publikum geradeheraus und freimütig sind, anstatt ihm Honig ums Maul zu schmieren, und die durchhalten, auch wenn es mal schwieriger wird. Die meisten Livestreamer in meinem Film sind gerade in einer Situation, die nicht perfekt, nicht ideal ist, aber ihre Grundstimmung ist durchweg positiv. Genau solche Menschen wollte ich den Leuten zeigen, wollte zeigen, wie sie sich über Wasser halten, einen Ausweg finden, anstatt zu zeigen, wie jämmerlich doch das Leben sein kann.

Ein anderes Kriterium war, wie ernst es ihnen damit war, sich über das Medium des Livestreamings mit anderen Menschen zu vernetzen. Die meisten Menschen haben ihre wirkliche Welt um sich herum, sie haben Freunde, mit denen sie abhängen, Menschen, mit denen sie reden können. Aber die Livestreamer in meinem Film haben niemanden zum Reden. Diejenigen, die Behinderungen haben, tun sich schwer mit persönlicher Interaktion. Dann gibt es andere, die Knochenarbeit leisten oder in irgendwelchen aussichtslosen Jobs festhängen, zum Beispiel die Näherin – sie muss 29 Tage im Monat in einer Fabrik auf dem Land arbeiten und hat zum Rest der Welt keinen Zugang. Das Livestreaming ist für diese Menschen zu einem integralen Bestandteil ihres Lebens geworden, und sie nutzen es, um sich mit anderen zu treffen, um mit Gleichgesinnten in Verbindung zu treten.

Ein weiteres Kriterium für mich war, inwieweit die Livestreamer während des Streamens sie selbst blieben, auch wenn sie vor der Kamera standen. Ich will den Fokus nicht auf diejenigen richten, die bloß ihre Zuschauer unterhalten wollen. Die Akteure in meinem Film sind mehr oder weniger bereit dazu, reale Aspekte ihres Lebens mit anderen zu teilen, mit Fremden, denen sie offline nie begegnen werden.

Was die Honorierung betrifft – abgesehen von Livekommentaren (auf Chinesisch nennt man sie »Kugeln«) können die Zuschauer den Livestreamern auch virtuelle Geschenke schicken, wenn sie ihre Shows sehen, zum Beispiel Raketen oder Flugzeuge. Und die Livestreamer können diese virtuellen Geschenke später in echtes Geld eintauschen. Berühmte Livestreamer oder »Internetstars« können durchaus in ein paar Monaten einige Millionen Chinesische Yuan verdienen.

Die meisten Livestreamer in meinem Film verdienen damit allerdings kein Geld. Es gibt einen oder zwei, die populär sind und viele Fans haben, die anderen haben damit nichts verdient. Als ich gerade an der Rohfassung arbeitete, hatten einige von ihnen schon aufgehört zu streamen, weil niemand mehr ihre Shows verfolgte.

Nachdem ich ein paar Monaten lang Shows geguckt hatte, war mir klar geworden, dass ich kein Interesse daran hatte, den Livestreaming-Hype zu untersuchen, es interessierte mich nicht, wie die Branche funktioniert und wie man Geld damit verdient. Was mich am meisten fasziniert, sind die digitalen Treffpunkte, die sich im Cyberspace bilden. Solche Treffs sind sehr, sehr wichtig für Menschen, die im realen Leben sozial eher nicht so aktiv sind. Sie sind auf der Suche nach Kameradschaft in der virtuellen Streaming-Community, auch wenn derartige Freundschaften nicht von langer Dauer sein mögen.


In welchem Ausmaß stellen die Menschen ihr Leben zur Schau?

Die meisten, die sich in der Livestream- Branche tummeln, produzieren Unterhaltungsshows, zum Beispiel Jugendliche, die streamen, wie sie Videospiele spielen, oder Mädchen, wie sie vor der Kamera singen, tanzen oder schlicht etwas essen. Sie werden von professionellen Agenten und Firmen geschult, und sie wissen, wie man performt und Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dann gibt es aber auch noch jene relativ kleine Anzahl Menschen, die reale Aspekte ihres Lebens mit anderen teilen möchten. Auch sie performen, aber dabei sind sie immer noch sie selbst. Bis zu welchem Maß diese Livestreamer ihr Leben teilen möchten, kommt ganz auf die jeweilige Person an, denke ich. Manche teilen ihre privaten Angelegenheiten sehr bereitwillig, und es macht ihnen nichts aus, über ihren persönlichen Werdegang zu sprechen, während andere da zögerlicher sind. Manche sind sehr gesprächig und stürzen sich begeistert in den Austausch mit den Zuschauern, die ihre Live-Kommentare abgeben, andere dagegen filmen sich schweigend dabei, wie sie ihre Alltagsroutinen erledigen, ob sie nun in der Fabrik oder auf der Baustelle arbeiten, nach Feierabend Lebensmittel einkaufen gehen usw. Man findet auch Menschen, die ihr Privatleben mit anderen teilen, sie streamen aus ihren Schlafzimmern oder stellen dem Publikum ihr(e) Kind(er) und andere Familienangehörige vor. Zwar benutzen die Livestreamer Internet-Pseudonyme, aber manche scheren sich nicht darum, ihre reale Identität im Netz zu maskieren. Sie würden ihre innersten Gedanken gern mit anderen teilen. Ich aber bin der Überzeugung, dass alle Livestreamer ihrem Wesen nach Performer sind. Sie wissen, dass sie vor ihrer eigenen Kamera stehen und performen, und sie entscheiden sich ganz bewusst für ihre Online-Rolle.


Wir würden Sie ihr Verhältnis zu denen beschreiben, die Sie für den Film ausgewählt haben? Haben Sie mit ihnen gechattet (oder tun es noch), oder waren Sie vielleicht sogar im persönlichen Kontakt mit Menschen, die Sie über ihre Livestreams »kennengelernt« haben?

Natürlich habe ich mit ihnen gechattet, schließlich war ich neugierig auf sie und wollte mehr über sie wissen. Und manche von ihnen waren ebenfalls neugierig, wer ich war und was das für ein Film werden sollte, also stellten sie mir Fragen. Ich habe mich dann nur entschieden, unseren Austausch nicht in den Film aufzunehmen. Ich denke, unser Verhältnis ist recht speziell: Auch wenn wir uns nie persönlich begegnet sind, haben wir doch hunderte von Stunden zusammen im Internet verbracht. Ich weiß bestens Bescheid über ihren Alltag, kenne ihre Lieblingsspeisen, weiß, welche Musik sie am liebsten hören und vieles mehr. Und von manchen kenne ich die echten Namen und sie meinen. Das Wichtigste ist: Auch wenn die Showrooms virtuell sind, die gemeinsamen Emotionen und Erfahrungen sind real.

Und doch frage ich mich manchmal: Kenne ich die Person wirklich, die ich in den letzten Monaten jeden Tag auf dem Bildschirm gesehen habe? Auch wenn wir online eine Menge Zeit miteinander verbracht haben und ich viel über diese oder jene Person weiß, wo er oder sie sich aufhält, woher sie kommt, womit er sein Geld verdient, wie es bei ihnen zuhause aussieht, wann sie aufstehen und schlafen gehen, und so weiter… aber wirklich kennen? Und außerdem, wenn eine/r den Streaming-Account löscht, würde er oder sie einfach verschwinden. Kurz, es ist eine sehr spezielle Beziehung: sie ist intim, sie ist persönlich, doch fragil.


Welche Formen sozialer Interaktion zwischen den Livestreamern und ihren Followern konnten Sie beobachten? Sie chatten, sie folgen, sie geben Spenden; was gibt es noch?

Zuallererst sind das keine Spenden. Ein virtuelles Geschenk zu verschicken, hat meiner Ansicht nach eher etwas von einer »Auszeichnung« – die Zuschauer schicken Geschenke, um Livestreamer zu honorieren, um ihnen zu zeigen, dass sie sie mögen und unterstützen wollen.

Gerade weil Livestreaming Inhalte in Echtzeit und unmittelbare Interaktion schafft, hat es populäre Treffpunkte ermöglicht, wo Massen chinesischer Netzbürger chatten und einander kennenlernen können. In dieser virtuellen Gemeinschaft sind physische Distanz und Zeitunterschiede nicht mehr von Belang, weil man augenblicklich miterleben kann, was andere gerade erleben, egal wo und in welcher Zeitzone man sich befindet. Beim Verfolgen der Show kann man sehr stark das Gefühl haben, an eben diesem Ort, zu eben der Zeit, bei ihnen dort zu »sein«. Ein solches »Miteinander« mag virtuell sein, doch die Erfahrung ist derart real! Ich bin der Meinung, dass Livestreaming eine neue Form der Intimität innerhalb dieser digital vernetzten Welt fördert.


Was macht Ihrer Ansicht nach den Unterschied aus, wenn man persönliche Geschichten via Livestream erzählt? Inwiefern beeinflusst die Technik die Art und Weise, wie die Menschen sich ausdrücken?

Livestreaming stellt uns ein einfaches und praktisches Verfahren zur Verfügung, uns mit anderen in Verbindung zu setzen. Menschen, die sich in der realen Welt nie begegnen würden, sind nun über virtuelle Showrooms miteinander vernetzt und interagieren in Echtzeit miteinander, und man hat die Möglichkeit, unmittelbar zu erleben, was andere gerade erleben. Solche digitalen Treffs sind unwahrscheinlich wichtig für diejenigen, die sozialen Anschluss suchen, sich im realen Leben außerhalb des Internets aber isoliert fühlen. Manche haben Angst vor persönlicher Kommunikation, andere stecken in miserablen Jobs fest und haben nur äußerst beschränkten Zugang zum Rest der Welt. Über das Livestreaming aber finden sie endlich einen Weg hinein, und sie können sich ihren Platz schaffen. Das Livestreaming und diese Art von virtueller Interaktion sind zum integralen Bestandteil ihres Lebens geworden.

Manche von ihnen sagen in ihrer Show dass es für sie angenehmer ist, zu einem Bildschirm zu sprechen anstatt von Angesicht zu Angesicht. Ich glaube, der Bildschirm schützt sie in gewisser Weise. Das trifft besonders auf diejenigen zu, die aufgrund einer Behinderung oder ihrer Identität Schwierigkeiten mit persönlichen Begegnungen haben. Mithilfe von Livestreaming haben sie eine Community gefunden, und sie haben endlich das Gefühl, gesehen zu werden.


Können Sie etwas darüber sagen, welche politischen Implikationen derartige Formen persönlichen Ausdrucks haben? In Ihrem Film wird auf vielerlei Ebenen Kritik an der gesellschaftlichen Situation deutlich. Wie wird das reguliert? Da alles live passiert, muss die Zensur andere Wege beschreiten.

Ich glaube nicht, dass es bei dieser Form des persönlichen Ausdrucks irgendwelche politischen Implikationen gibt. Die Livestreamer haben keinen politischen Anspruch, keinerlei politische Agenda, die sie vorantreiben möchten. Sie nutzen dieses Medium nicht, um irgendwelche gesellschaftlichen Probleme zu kritisieren. Sie versuchen nur, ihr persönliches Erleben und ihre Geschichte mit anderen zu teilen. Manche von ihnen scheuen sich nicht, reale Aspekte ihres Lebens zu zeigen, auch wenn sie sich in unschönen oder schwierigen Situationen befinden. Sie versuchen einfach, ihren Alltag zu teilen, und eben dadurch bringen sie Alltagsfragen auf den Bildschirm, von denen manche eben die sogenannten »gesellschaftlichen Probleme« sind. Ich denke aber, wir sollten nicht überinterpretieren, was die Livestreamer getan oder gesagt haben.

Zur Frage nach der Regulierung von Livestreaming-Content: Jeder Showroom hat seine »Manager«. Der Livestreamer kann ein paar seiner Zuschauer oder Fans zu Managern ernennen, und auch die Plattform kann Manager beauftragen. Der Manager überwacht die Aktivitäten, die online gesendet werden, und den Inhalt der Shows. Zudem gibt es eine Reihe von Richtlinien und Regeln. Manche davon entsprechen dem gesunden Menschenverstand, also keine Pornographie, keine Gewalt. Aber die Grauzonen unterliegen immer schärferer Kontrolle: Beispielsweise sind Darbietungen von Frauen, die lasziv in eine Banane beißen, seit Ende 2016 untersagt. Diese Regeln werden fortwährend aktualisiert und überarbeitet. Livestreamer sind zudem sehr gut darüber informiert, was sie während des Livestreamings tun dürfen und was nicht. Wenn sie Regeln verletzten, würde die Show augenblicklich unterbrochen, und sie erhielten Verwarnungen und Sanktionen; manchmal kann ein Account auch dauerhaft abgeschaltet werden.


In manchen Ausschnitten werden »Trolle« erwähnt und die Echtheit anwesender Personen in Frage gestellt; können Sie uns sagen, was Sie darüber wissen?

Ich bin tatsächlich nicht vielen Trollen begegnet, während ich das Material für den Film zusammenstellte. Viele Livestreamer versuchen, sie einfach zu ignorieren. Sie sagen, wenn man einmal antwortet, hören die Trolle nicht auf, herumzustreiten, zu stören, einen zu provozieren, also ist es am besten, so zu tun, als seien sie nicht da. Ich finde diese Haltung wirklich mutig und stark. Ein solches Störfeuer verursacht extremen Stress und Beklemmung, aber die Livestreamer scheinen zu wissen, wie damit umzugehen ist.

Meiner Ansicht nach ist Gewalt im Internet ein echtes Problem – die Tatsache, dass sie sich im virtuellen Raum abspielt, macht sie nicht weniger real. Sie ist eine wachsende Bedrohung, und man findet sie ohne weiteres an vielen verschiedenen Orten im Netz – nicht nur beim Livestreaming, auch auf Facebook und Twitter – sie ist fast überall im Cyberspace. Und sie richtet genau so großen Schaden an wie jede andere Art von physischer Gewalt. Das ist ein ernstes Problem, das noch viel zu wenig Aufmerksamkeit erfährt.


Eine Frage zum Bearbeitungsprozess. Wie lief die Kommunikation zwischen Ihnen und den Menschen ab, die sie für die Filmausschnitte ausgewählt hatten? Wussten Sie über Ihr Projekt Bescheid, und haben sie sich den Film später angesehen?

Als ich eine Rohfassung hatte, fing ich an, Kontakt zu den Livestreamern aufzunehmen, die ich im Film drinhaben wollte. Manche waren sehr offen für das, was ich tue, und stellten keine Fragen; andere wollten mehr wissen und fragten, worum es in dem Film gehe und was die Geschichte sei; und manche wollten, dass ich ihnen den Ausschnitt zuschicke, den ich im Film verwenden wollte, also tat ich das. Ich hoffe, dass wir es schaffen, dass der Film bald einmal in China gezeigt werden kann, damit sie den Film im Kino sehen können. Das könnte ein wenig schwierig werden, denn sie leben in sehr unterschiedlichen Teilen Chinas.


Indem Sie das Material für Ihren Film aufgenommen, ausgewählt und geschnitten haben, erstellten Sie eine neue, zusätzliche Erzählung. Wie haben Sie das gemacht? Und wie würden Sie Ihre eigene Rolle dabei beschreiben?

Die größte Herausforderung bei diesem Film war die Montage Zu Beginn hatte ich noch keine klare Vorstellung davon, wie der Film aussehen würde, und ich war offen für verschiedene Möglichkeiten. Zwei Entscheidungen standen jedoch bereits: erstens, ich wollte keine professionelle Kameraperson für die Aufnahmen einsetzen, und zweitens, ich wollte im Film keinen Schwerpunkt auf eine Einzelperson oder eine bestimmte Gruppe von Menschen setzen. Eben aus dem Grund, weil Livestreaming eine Welle ist, die Millionen chinesischer Netzbürger erfasst hat und sich durch die Perspektiven unterschiedlichster Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen aus ganz China entfaltet; die Livestreamer sind mit Feuer und Flamme dabei, ihr Leben zu filmen, und als ich ihren Shows zuschaute, erblickte ich lebendige Persönlichkeiten. Ich wollte ein Gruppenporträt machen, und die Leben der Akteure sollten sich durch ihre jeweiligen Blickwinkel entfalten.

Ich verbrachte dann eine Menge Zeit damit, mir Shows anzusehen. Ich begegnete vielen interessanten Leuten, und das Medium selbst und das Gemeinschaftsgefühl, das sich in dieser virtuellen Community bildet, zogen mich mehr und mehr in ihren Bann. Ich fand es außerdem sehr interessant, diesen Menschen bei ihrem ganz profanen, alltäglichen Leben zuzusehen und zu sehen, wie das Profane manchmal wunderschön und voller Geheimnisse erscheint. Der Schwerpunkt des Films bildete sich also allmählich heraus.

Die Filmerzählung entwickelt sich aus der Gegenüberstellung diverser live gestreamter Momente; die Erlebnisse verschiedener Individuen, die einander nie persönlich begegnet sind, treten miteinander ins Gespräch. Ich versuchte, die Erzählung so locker und so offen wie möglich zu halten. Ich wollte dem Film keine Handlung verpassen, ich wollte keine Montage einsetzen, um Dramatik einzubringen. Ich bin mehr daran interessiert, dem Publikum eine Erfahrung zu verschaffen, als irgendeine Geschichte zu erzählen. Ich finde es großartig, wenn die Leute einen Film ganz unterschiedlich interpretieren und wahrnehmen, wenn ein Film nicht allen dieselbe Antwort gibt oder dieselbe Vorstellung vermittelt. Filmemachen ist für mich eine Art, mit der Welt zu interagieren. Was ich in einem Film präsentiere, ist immer meine Sicht auf die Menschen, Ereignisse, Orte, denen ich begegnet bin. Und diese Begegnungen haben ihrerseits Auswirkungen auf mich selbst, auf meine Perspektive.


Warum Present.Perfect?

Erstens ist »present perfect«, das Perfekt oder die vollendete Gegenwart, eine grammatikalische Zeit, die eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart anzeigt. Dieses Verhältnis ist für das Kino etwas ganz Wesentliches. Mich fasziniert die Vorstellung, mit meinen Filmen ein Gefühl von liveness, von Echtzeitgeschehen zu erzeugen, vor allem, wenn ich mich dabei der Dauer und langer Einstellungen bediene. Doch sobald die Aufnahme abgeschlossen ist, wird das Material zu etwas, das bereits geschehen ist, es ist nicht mehr die Gegenwart.

Livestreaming vermittelt ein starkes Gefühl, in der Gegenwart zu sein. Was dieses Medium erzeugt, sind Inhalte in Echtzeit und unmittelbare Interaktion. Aus diesem Grund habe ich das Material nicht als vorgefundenes behandelt, während ich diesen Film machte, denn ich war ja nicht mit einem Archiv konfrontiert, sondern mit Geschehnissen in Echtzeit. Wenn der Film allerdings fertig ist und endlich auf der großen Leinwand gezeigt wird, wird dieses gestreamte Material nicht länger bloß gestreamtes Material sein. Es wird zu dem, was gewesen ist, und Bestandteil unserer Erinnerungen.

Was »perfect« angeht, das ist in China gerade Internet-Slang. Ohne dass sich dabei seine Bedeutung verändert hätte. Es wird im Sinne von »großartig«, »toll« eingesetzt, aber auf Chinesisch würden wir in dem Zusammenhang normalerweise nicht »perfekt« sagen. Dann wurde es im Internet sehr populär, als eine bekannte Fernsehmoderatorin es in ihrer Talkshow verwendete. Deswegen sagt der Straßentänzer nach seiner Show immer »Perfekt. Danke«. Auch wenn die Livestreamer aus meinem Film sich in Situationen befinden, die nicht perfekt sind, versuchen sie doch, mit den Schwierigkeiten fertigzuwerden, und sie bemühen sich, ein besseres Leben zu haben. Die Gegenwart ist perfekt, solange du das Unperfekte annimmst.

Der Titel der Videoinstallation, What Has Been Will Be, What Will Be Has Been. (Was gewesen ist wird sein, was sein wird wird gewesen sein), des Schwesterprojekts von Present.Perfect., ist ein Zusatz. Was gewesen ist, könnte nicht immer so sein, oder umgekehrt. Während Kino und Livestreaming die Zeitlichkeit hervorheben, ist das Leben selbst wie ein ständig dahinfließender Fluss, und die Wirklichkeit ist niemals statisch.

Das Kino ist von Natur aus ein Zeit-Bild. Man kann problemlos einen Film ohne Darsteller, Musik oder Dialog erzählen, aber einen Film zu entwickeln, ohne eine Vorstellung vom zeitlichen Ablauf der Aufnahmen und des Films selbst, ist nicht denkbar. Für mich geht es im Kino mehr um die Zeit und den Raum, die durch Bild und Ton aufgebaut werden, nicht so sehr um Geschichten.

Im Film gibt es immer vielfache zeitliche Schichtungen: die Zeit, innerhalb der die Handlungen und Ereignisse stattfinden, das heißt, die Zeit, in der Bild und Ton aufgenommen werden, ob es jetzt Spiel- oder ein Dokumentarfilm ist; die Zeit, die der Filmemacher im Film gestalten möchte – diese Zeit ist am dehnbarsten, da ein Film zu jeder beliebigen Zeit spielen kann, ob 100 vor Christus oder im Jahr 2199, und sie kann verdichtet, in die Länge gezogen, gekrümmt sein, ganz nach Belieben des Regisseurs.

Und was mich immer interessiert, ist die Zeitdauer. Bei der Erforschung der Zeit in Present.Perfect. geht es nicht nur um die komplizierte Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch um Dauer. Das ist einer der Gründe, weshalb ich beim Schnitt des Materials sehr zurückhaltend war. Genauso war es auch bei meinem vorigen Film, Another Year, in dem ich lange Einstellungen einsetzte, um die Abendessen einer drei Generationen umfassenden chinesischen Familie zu dokumentieren. Ich finde, dass lange Einstellungen und die Dauer es zulassen, dass das Leben sich in seinem eigenen Rhythmus entfaltet, ohne allzu viel unterbrochen zu werden, und auf diese Weise tritt mit dem Verstreichen der Zeit die Poesie des Profanen, des Gewöhnlichen zutage.


Folgen Sie immer noch Leuten, denen Sie online begegnet sind?

Ja, manchen folgen ich immer noch und ich schaue auch gelegentlich ihre Shows, einfach weil ich neugierig bin, wie es ihnen so geht. Nach all der Zeit, die ich online mit ihnen verbracht habe, sind sie fast zu einer Routine in meinem Leben geworden.


Können Sie bereits neue Formen der Kommunikation erkennen, die irgendwann einmal an die Stelle von Livestreaming rücken werden?

Es gibt immer noch sehr viele Menschen, die livestreamen, aber es ist schon eine neue Art Medium aufgetaucht, die unter den Netzbürgern sehr populär geworden ist. Die am meisten verbreitete derartige Plattform (oder App) heißt »抖音« oder TikTok. Das sind ganz kurze mobile Videos. Mit diesem Dienst können die Menschen ihr Leben oder alles, was sie sonst noch teilen möchten, ganz einfach filmen und die editierten Videos online stellen. Manche der gezeigten Personen in meinem Film sind schon auf diese neue Kommunikationsform umgestiegen.






Present.Perfect. (Wan mei xian zai shi)
Regie: Shengze Zhu
USA, Hong Kong 2019; 124 min
Originalsprache: Mandarin
Genre: Dokumentarfilm

Winner Tiger Competition – IFF Rotterdam
Puma Award Special Mention – FICUNAM
Young Jury Award Special Mention – Cinéma du Réel
Universities Award – IndieLisboa

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