Nutzerkonto

»Der beste Reporter, der je für den New Yorker schrieb«

Die Mohawks aus dem Caughnawaga-Reservat am Sankt-Lorenz-Strom in Quebec sind die wohl ungebundensten Indianer Nordamerikas. Sie sind gemischter Abstammung und werden meist Caughnawagas genannt; früher hießen sie auch christliche oder betende Indianer. Die Caughnawagas zählen etwa dreitausend Mitglieder, von denen mindestens sechshundertfünfzig mehr Zeit in Städten der Vereinigten Staaten verbringen als in ihrem Reservat. Manche von ihnen schweifen umher wie Zigeuner. Es ist nicht unüblich, dass eine Familie ihr Haus absperrt, den Schlüssel bei einem Nachbarn hinterlegt, ins Auto steigt und dann mehrere Jahre weg ist. Caughnawaga-Gemeinden gibt es in Brooklyn, Buffalo und Detroit. Die größte ist jene in Brooklyn, die in den späten zwanziger Jahren in dem Viertel North Gowanus entstand. Zu dieser Gemeinde zählen etwa vierhundert Männer, Frauen und Kinder, die Tendenz ist steigend, und sie scheint Bestand zu haben. Einige Familien haben sich Häuser gekauft. Der Pastor einer Brooklyner Kirche, der Cuyler Presbyterian Church, hat den Mohawk-Dialekt der irokesischen Sprache gelernt und hält darin einmal im Monat eine Messe; zudem hat die Kirche einen Caughnawaga zum Diakon gewählt. Es gab im Viertel auch schon Eheschließungen zwischen Caughnawagas und anderen Bevölkerungsgruppen. Anfangs war es für Caughnawaga-Frauen schwierig, eine bestimmte Sorte Maismehl (Quaker White Enriched and Degerminated) zu finden, das sie für die Zubereitung des indianischen Brots ka-na-ta-rok bevorzugen, doch jetzt führen es alle Lebensmittelgeschäfte in North Gowanus, selbst kleine italienische Läden. Nevins Bar & Grill ist zum Stammlokal der Caughnawagas geworden und heißt im Viertel Indianertreff. An Wochenenden sind dort zwei Drittel der Gäste Caughnawagas, und für sie führt man ein Ale und zwei andere Biere aus Montreal. Unter den Mitgliedern des Stammes geht das Wort, Brooklyn sei das Geschäftsviertel von Caughnawaga.


Das Caughnawaga-Reservat befindet sich am Südufer des Sankt-­Lorenz-Stroms, etwas oberhalb der Lachine-Stromschnellen. Von Montreal aus, das am nördlichen Flussufer liegt, sind es rund fünfzehn Kilometer stromaufwärts. Mit dem Bus vom Dominion Square im Zentrum Montreals braucht man ungefähr eine halbe Stunde dorthin. Es ist ein kleines Reservat, dessen halbmondförmiges Gebiet aus Ackerland, Schwemmland und Buschwald besteht. Es erstreckt sich auf einer Länge von etwa zwölf Kilometern den Fluss entlang und misst an der breitesten Stelle knapp sechs Kilometer. Etwa in der Mitte des Reservats steht ein langgezogenes Dorf, das ebenfalls Caughnawaga heißt. Nur wenige Caughnawagas sind Bauern. Die meisten haben ihr Ackerland an Frankokanadier verpachtet und leben im Dorf; das umliegende Land nennen sie »Busch«. Die Fernverkehrsstraße von Montreal nach Malone, jenseits der Grenze im Bundesstaat New York gelegen, führt durch das Dorf Caughnawaga und ist dort die Hauptstraße. An ihr entlang reihen sich etwa fünfzig herkömmliche Wohnhäuser, eine Zweigstelle des kanadischen Amts für Indianerangelegenheiten, die protestantische Kirche der United Church of Canada, die protestantische Schule und mehrere von Indianern geführte Lebensmittelgeschäfte und Tankstellen. Die Geschäfte dienen den alten Männern des Städtchens auch als Treffpunkt. Dort hat man mehrere Stühle, Kisten und Nagelfässer zusammengeschoben, auf denen die Männer tagsüber sitzen, rauchen und Karten spielen oder Schokoriegel essen und hin und wieder etwas vor sich hinmurmeln, meist auf Mohawk. In den Vorgärten einiger Häuser stehen wackelige Buden, in denen Souvenirs feilgeboten werden – indianische Kinderpuppen, Körbe aus Mariengras, mit Glasperlen besetzte Handtaschen, Gürtel und Armbänder sowie Nadelkissen, auf denen mit Perlen »Mother Dear«, »Home Sweet Home«, »I Love You« und Ähnliches gestickt ist. In einem Vorgarten steht zwischen zwei Totempfählen ein riesiges Tipi aus Ulmenrinde, an dem ein Schild mit folgender Aufschrift hängt: »Stopp! Kommen Sie zum Pow-Wow. Häuptling Weißer Adler. Medizinmann. Herbages Indiens.« Außer zu feierlichen Anlässen und bei Vorführungen, wenn mit Fransen und Perlen besetzte Hirschhäute und Federschmuck nach der Art der Prärieindianer getragen werden, ziehen sich die Caughnawagas an wie alle anderen Kanadier, und ohne die Souvenirbuden in den Vorgärten würde den meisten Autofahrern nicht auffallen, dass sie durch ein Indianerdorf fahren. Nur ein kleiner Teil der Caughnawagas sieht so aus, wie man sich Indianer vorstellt; sie haben hohe Wangenknochen und Adlernasen, traurig blickende, kluge, dunkelbraune Augen, glattes, pechschwarzes Haar, eine kupferfarben schimmernde Haut und ihr Gang ist ebenso schön, aufrecht und stolz wie der von Zigeunern. Bei der Mehrzahl der Caughnawagas hat sich das indianische Erbe jedoch mit weißem Blut vermischt. Manche tragen schwache, aber erkennbar indianische Züge, andere sehen nur indianisch aus, wenn man in ihren Gesichtern nach den entsprechenden Merkmalen sucht, und wieder andere haben rein gar nichts Indianisches an sich. Im Körperbau herrschen zwei Typen vor: der eine, etwas häufigere Typus ist stämmig und untersetzt und hat ein rundes Gesicht, der andere ist schlank und knochig und hat einen länglichen Schädel. Einige jüngere Caughnawagas haben sich in der Schule mit indianischer Geschichte befasst und missbilligen die Souvenirbuden in den Vorgärten und insbesondere das Tipi von Häuptling Weißer Adler. Sie sind der Ansicht, dass sie Besuchern einen völlig falschen ersten Eindruck von den Caughnawagas vermitteln. Vor allem lebten die alten Mohawks nicht in Tipis, sondern in aus Baumstämmen und Rinde gebauten Gemeinschaftshäusern, den sogenannten Langhäusern, und sie schnitzten keine Totempfähle. Außerdem haben die Caughnawagas seit 1890 keine Häuptlinge mehr, es sei denn solche, die sich selbst dazu ernannt haben. Obwohl jeder Caughnawaga auch einen indianischen Namen hat, von denen manche blumiger sind als Weißer Adler, verwenden ihn nur die wenigsten außerhalb des Familienkreises; wer es dennoch tut, nennt ihn ausnahmslos in Verbindung mit einem weißen Vornamen, etwa John Goodleaf, Tom Tworivers und Dominick Twoax. Die Caughnawagas haben schon vor langer Zeit festgestellt, dass Weiße dazu neigen, sich über indianische Namen zu amüsieren, egal ob man sie übersetzt oder nicht. Im Umgang mit Weißen verwenden daher fünfundneunzig Prozent von ihnen weiße Namen, und das halten sie oft schon seit Generationen so. Die meisten sind normale englische, schottische, irische oder französische Namen, von denen einige auf Mischehen aus der Pionierzeit zurückzuführen sind. Die ältesten und größten Caughnawaga-Familien heißen Jacobs, Williams, Rice, McComber, Tarbell, Stacey, Diabo (ursprünglich D’Ailleboust), Montour, De Lisle, Beauvais und Lahache. Die am weitesten verbreiteten Vornamen sind Joe, John und Angus sowie Mary, Annie und Josie.


Links und rechts der Hauptstraße breitet sich ein Gewirr kleiner Gassen aus, die zum Teil nur aus gestampfter Erde bestehen, zum Teil aber auch gekiest oder geteert sind. In diesen Gassen sind die Gebäude wesentlich älter als an der Hauptstraße und reichen von der einfachen Blockhütte bis zum großen Natursteinhaus mit offenem Anbau. Bisweilen leben drei oder sogar vier Generationen einer Familie unter einem Dach. In den Gärten stehen Apfelbäume und Ahorn, es liegen Haufen mit Autoschrott herum, und oft finden sich dort auch weitere Gebäude oder Hütten, meistens eine Garage, ein Abtritt, ein Hühnerschlag und ein Stall. Große Familien halten sich ein, zwei Kühe und einen alten Gaul; die Frankokanadier, die im Reservat Ackerland pachten, verkaufen all ihre abgehalfterten Pferde an die Bewohner Caughnawagas. Die Gebäude im Dorf sind an das Elektrizitätsnetz angeschlossen, und beinahe jede Familie besitzt ein Radio, manche auch ein Telefon. Allerdings gibt es keine moderne Wasserversorgung. Das Wasser zum Trinken und Kochen muss von öffentlichen Brunnen geholt werden, die hier und da in den Straßen zu sehen sind – es sind jene altertümlichen umfriedeten Brunnen mit langem Pumpschwengel. Das Bade- und Waschwasser wird mit Pferdewagen in Fässern vom Fluss heraufgekarrt. Dieselben Wagen werden für den Transport von Feuerholz verwendet und auch die Kinder fahren damit. Beinahe jeden Morgen werden die Kühe und Pferde auf nicht eingezäunte Weiden am Dorfrand getrieben. Manche von ihnen trotten untertags ins Dorf zurück und laufen dort frei herum.


Die Gasse, die parallel zum Fluss verläuft, ist am belebtesten. Dort befinden sich das Postamt des Reservats, die katholische Kirche und die katholischen Schulen, das Gemeindehaus Kateri Hall und ein kleines katholisches Krankenhaus. Das Postamt ist im vorderen Teil des Hauses von Frank McDonald Jacobs, dem Stammesoberhaupt, untergebracht. Eine seiner Töchter steht dem Postamt vor. Die Kirche St. Francis Xavier ist das größte Gebäude in Caughnawaga. Sie ist einhundert Jahre alt und besteht aus behauenem Naturstein in allen Silber- und Grautönen, und über dem Kreuz auf ihrem Turm ragt ein vergoldeter Wetterhahn. Es ist eine jesuitische Missionskirche, in der die Messe aufgrund eines alten Privilegs in Mohawk gelesen wird. Im Sommer kommen regelmäßig Touristenbusse aus Montreal dorthin, und ein Scholastiker führt die Besucher durch St. Francis Xavier und zeigt ihnen den Kirchenschmuck, darunter die wertvollen Reliquien der indianischen Jungfrau Kateri Tekakwitha, der Lilie der Mohawks, die 1680 in Caughnawaga starb. Ihre verblichenen Gebeine liegen auf einem moiréseidenen Kissen unter Glas. Kranke und Sieche pilgern zur Kirche und beten vor dem Reliquienschrein. Ein von der Kirche herausgegebenes Heftchen berichtet, dass viele Leiden und Krankheiten, auch Krebserkrankungen, durch Kateris Fürbitte geheilt worden seien. Kateri wird wegen der strengen Buße verehrt, die sie sich selbst auferlegte; Missionare, die sie kannten, berichten in ihren Schriften, dass sie eiserne Ketten trug, sich auf Dornen bettete, sich geißelte, bis sie blutete, in eiskaltem Wasser schwamm, barfuß durch den Schnee lief und beinahe ohne Unterlass fastete.


Auf einem Hügel im Südteil des Städtchens liegen zwei von Unkraut überwucherte Friedhöfe. Der bei weitem größere ist der katholische, auf dem anderen liegen Protestanten und Heiden. Früher waren alle Caughnawagas Katholiken. Seit Anfang der zwanziger Jahre jedoch konvertieren jedes Jahr einige zu einem anderen Glauben. Einer amtlichen kanadischen Erhebung zufolge sind heute 2.682 Caughnawagas katholisch, 251 gehören verschiedenen protestantischen Konfessionen an und 77 sind heidnisch. Die sogenannten Heiden – sie mögen diese Bezeichnung nicht und ziehen Menschen des Langhauses vor – gehören einer indianischen Religion namens Alter Weg oder Offenbarung des Handsome Lake an. Ihr Verkünder Handsome Lake war ein Seneca, der nach langjähriger Trunksucht 1799 ein Offenbarungserlebnis hatte, bei dem die Himmelsgeister zu ihm sprachen. Danach änderte er sein Leben und zog fünfzehn Jahre als Wanderprediger durch die Indianerdörfer im Staat New York. In seinen Predigten wiederholte er die Geschichten, Warnungen und Vorschriften, die ihm die Geister enthüllt hätten. Viele Predigten sind mündlich überliefert und bilden das Evangelium der Religion; einige wenige Männer aus jeder Generation, die Hüter der guten Botschaft heißen, lernen sie auswendig. Die Vorschriften sind einfach gehalten. Folgendes kurzes Beispiel stammt aus einem Abschnitt über elterliche Sünden: »Oft erzürnen sich Eltern im Beisein des Kindes und geraten in Streit. Das Kind hört sie und hört ihre wütenden Worte. Es fühlt sich verlassen und verloren. Es sieht kein zukünftiges Glück für sich. Darin liegt eine große Sünde.« Im neunzehnten Jahrhundert verbreitete sich die Religion von Handsome Lake in allen Irokesen-Reservaten der Vereinigten Staaten und Kanadas, außer in Caughnawaga. Nach Caughnawaga kam sie erst nach dem Ersten Weltkrieg und wird dort seit 1927 trotz des Widerstands von Katholiken und Protestanten offen praktiziert. Die Anhänger von Handsome Lake halten ihre Versammlungen in Zeremonialgebäuden ab, die sie Langhäuser nennen. Das Langhaus von Caughnawaga steht auf einem Hügel. Es ähnelt einer Landschule. Es ist ein schlichtes, von einem Stacheldrahtzaun umgebenes Holzhaus mit einem einzigen offenen Raum. Mehrmals im Jahr versammelt sich die Langhausgemeinde und feiert Dankesfeste, deren Termine sich an den Mondphasen, dem Steigen des Safts im Süßahorn oder dem Reifen von Obst und Gemüse orientieren; dazu zählen ein Mittwinterfest, ein Ahorndankfest, ein Erdbeerfest und ein Stangenbohnenfest. Bei diesen Feiern werden Häufchen von heiligen Tabakblättern verbrannt, man isst Maissuppe, jeder bekennt die eigenen Verfehlungen vor den anderen und man tanzt und singt zur Musik von Rasseln und Trommeln. Der Tabakrauch soll zu den Himmelsgeistern aufsteigen. Der heilige Tabak wird nicht im Laden gekauft. Es ist eine sehr scharfe Tabaksorte, die unter dem Namen Red Rose bekannt ist und in Teilen der Vereinigten Staaten und Kanadas wild wächst. Die Menschen des Langhauses ziehen ihn in Gärten aus den Samen der Wildpflanze und trocknen die Blätter in der Sonne. Als Rasseln dienen Kürbisse oder mit Maiskörnern gefüllte Panzer von Schnappschildkröten, und die Trommeln bestehen aus Holzeimern für Scheunenfarbe, über die ungegerbte Felle oder alte Reifenschläuche gespannt sind. Die Katholiken und Protestanten klagen, dass nach einer Langhausfeier das ganze Reservat mehrere Tage schlechte Laune hat. 


Die Caughnawagas waren einer der ersten Indianerstämme, der in einem Reservat lebte. Ihre Geschichte beginnt in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, als französische Jesuitenmissionare zwischen fünfzig und hundert Irokesen-Familien in mehreren Langhausdörfern im Norden und Westen des heutigen Staates New York bekehrten und dazu veranlassten, nach Quebec zu ziehen und sich in einem Außenposten der Mission niederzulassen. Dieser Außenposten lag am Sankt-Lorenz-Strom, etwas unterhalb der Lachine-Stromschnellen. Die Konvertiten trafen 1668 dort ein. Unter ihnen waren Vertreter aller Stämme der irokesischen Liga – Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneca. Außerdem gehörten ihnen gefangene Huronen, Erie und Ottawa an, die von den Irokesen aufgenommen worden waren und nun mit ihnen in den Langhausdörfern lebten. Die Mohawk waren dabei deutlich in der Überzahl, und so wurden Mohawk-Bräuche und ihre Sprache allmählich von der ganzen Gruppe übernommen. 1676 verließen sie in Begleitung zweier Jesuiten die Missionsstation, zogen flussaufwärts bis unterhalb der Stromschnellen und gründeten ein Dorf, das sie ka-na-wá-ke nannten, was auf Mohawk »An den Wasserwirbeln« heißt; Caughnawaga ist eine spätere Schreibweise. Dreimal verlegten sie das Dorf, stets um ein paar Kilometer flussaufwärts. Mit jedem Umzug wuchs auch ihr Gebiet. Der letzte Umzug auf den gegenwärtigen Standort erfolgte 1719. Das Land der Caughnawaga war bis 1830 Missionsgebiet. In jenem Jahr kamen weite Teile unter die Kontrolle der kanadischen Regierung, die das Gebiet in ein steuerbefreites Reservat umwandelte und jeder Familie ein Stück Land zuwies, während ein als Gemeindeland ausgewiesener Teil abgetrennt und zur Nutzung für spätere Generationen zurückbehalten wurde. Im Laufe der Jahre wurden die Zuteilungen des Gemeindelandes immer kleiner; heute sind nur noch knapp zweihundert Hektar übrig, und aktuellen Bestimmungen zufolge können einem männlichen Stammesangehörigen nach Voll­endung des achtzehnten Lebensjahrs etwa eintausend Quadratmeter zugeteilt werden, wenn dieser sich verpflichtet, darauf zu bauen. Ein Caughnawaga darf sein Land beliebig verpachten, aber nur an Stammesangehörige verkaufen oder verschenken. Anders als viele Reservatindianer hatten die Caughnawagas bei sie betreffenden Fragen seit jeher beträchtliches Mitbestimmungsrecht, das sie zunächst durch ihre Häuptlinge ausübten, die als Vertreter mehrerer Familien bei der örtlichen Zweigstelle des Amtes für Indianerangelegenheiten Wünsche und Klagen vorbringen konnten, und später durch einen gemeinschaftlich bestimmten Stammesrat. Dieser Rat hat zwölf Mitglieder, tritt einmal im Monat im Gemeindehaus zusammen und behandelt Fragen wie die Zuteilung von Gemeindeland, die Armenfürsorge oder die Instandhaltung von Straßen und Brunnen. Seine Entscheidungen werden von der Zweigstelle des Amts für Indianerangelegenheiten automatisch umgesetzt, sobald die Regierung in Ottawa sie genehmigt hat.


In den Anfangsjahren von Caughnawaga hielten die Männer noch an ihrer alten irokesischen Lebensweise fest. Die Jesuiten gaben sich zwar redlich Mühe, Bauern aus ihnen zu machen, aber vergebens. Im Sommer, als die Frauen die Felder bestellten, gingen sie fischen. Im Herbst und Winter zogen sie gemeinsam in die Wälder Quebecs zur Jagd und kehrten hin und wieder mit Kanuladungen von geräucherten Hirsch-, Elch- oder Bärenfleisch ins Dorf zurück. Um 1700 jedoch gingen einige junge Männer, die zur ersten Generation der in Caughnawaga Geborenen gehörten, nach Montreal, um im französischen Pelzhandel zu arbeiten. Sie wurden Kanuführer in den großen Kanuflotten, die die abgelegenen Handelsposten entlang des Sankt-Lorenz-Stroms und seiner Zuflüsse mit Waren versorgten und von dort Felle zurückbrachten. Diese Arbeit gefiel ihnen – sie war schwer, aber auch aufregend –, und sie warben weitere an. Bald danach arbeitete fast jeder junge Caughnawaga auf einem Frachtkanu, sobald er nur kräftig genug war, also meist ab einem Alter von siebzehn Jahren. Dies blieb beinahe fünfzig Jahre so, doch als in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts der Pelzhandel in Niederkanada immer weiter abnahm, mussten sich die Caughnawaga-Männer nach einer anderen Betätigung umsehen. Einige wurden Holzflößer und brachten es wegen der Geschicklichkeit, mit der sie riesige Eichen- und Kiefernflöße durch die Lachine-Stromschnellen manövrierten, flussauf, flussab zu Berühmtheit. Einige brachen mit den indianischen Gewohnheiten und wurden Bauern, andere fertigten Mokassins und Schneeschuhe an, die sie in Montreal an Zwischenhändler verkauften. Wieder andere, die noch die alten Mohawk-Tänze beherrschten, gingen in die Vereinigten Staaten und schlossen sich Wanderzirkussen an; Caughnawagas waren unter den ersten Zirkus­indianern. Einige wenige legten sich Pferdegespanne zu, mit denen sie im Sommer in Neu-England von Farm zu Farm fuhren und mit Arzneien hausierten, die von alten Indianerinnen aus Kräutern, Wurzeln und Samen zusammengebraut wurden – mit Stärkungs- oder Abführmitteln, Salben und Mitteln gegen Frauenleiden. Etliche befiel jedoch Schwermut, und sie lungerten antriebslos in Montreal herum, schlugen sich mit Gelegenheitsarbeiten durch und tranken billigen Branntwein.


1886 änderte sich das Leben in Caughnawaga schlagartig. Im Frühling jenes Jahres begann die Dominion Bridge Company (D.B.C.) im Auftrag der Canadian Pacific Railroad mit dem Bau einer Auslegerbrücke über den Sankt-Lorenz-Strom, die vom frankokanadischen Dorf Lachine am Nordufer bis an den Dorfrand von Caughnawaga am Südufer führte. Die D.B.C. ist das größte Stahl- und Eisenbauunternehmen Kanadas und kommt an Bedeutung der Bethlehem Steel Corporation in den Vereinigten Staaten gleich. Für die Genehmigung, das Brückenwiderlager auf dem Gebiet des Reservats bauen zu dürfen, versprachen Canadian Pacific Railroad und D.B.C., dass sie wann immer möglich Caughnawagas an den Arbeiten beteiligen würden. 


»Aus unseren Unterlagen zu diesem Bau geht hervor, dass wir die Indianer als Tagelöhner zum Entladen des Baumaterials einsetzen wollten«, schrieb ein Vertreter der D.B.C. kürzlich in einem Brief. »Damit waren sie jedoch nicht zufrieden und kamen bei jeder sich bietenden Gelegenheit an die im Bau befindliche Brücke. Es war unmöglich, sie davon abzuhalten. Mit Fortschreiten der Arbeiten wurde immer deutlicher, dass die Indianer seltsamerweise keine Höhenangst kannten. Wenn man auch nur einen Moment lang nicht aufpasste, kletterten sie die Stützkonstruktion hinauf und turnten da so selbstverständlich herum wie unsere erfahrensten Stahlbauer, und die sind in der Mehrzahl ehemalige Matrosen von Segelschiffen und das Arbeiten in großen Höhen gewohnt. Diese Indianer kletterten wie die Gämsen. Sie liefen über die schmalsten Stahlträger hoch über dem Fluss, der an dieser Stelle wirklich reißend ist und von oben alles andere als einladend aussieht. Aber für sie schien das nicht viel anders zu sein als ein Spaziergang auf dem Boden. Auch der Lärm beim Nieten schien ihnen nichts auszumachen, dabei zerrt der einem ganz schön an den Nerven und verursacht bei Neulingen oft Schwindel und Übelkeit. Sie waren sogar richtig begierig darauf und lagen unseren Vorarbeitern ständig in den Ohren mit der Bitte, es ausprobieren zu dürfen. Das Nieten ist übrigens die gefährlichste und bestbezahlte Arbeit beim Stahlbau. Nur selten bewirbt sich jemand dafür, und noch seltener sind Leute, die es gut beherrschen, so dass wir in Jahren, in denen es der Baubranche gut geht, gar nicht genug von ihnen haben. Daher dachten wir, es wäre für alle Beteiligten von Vorteil, wenn die Indianer es mal versuchten, und wir wählten ein paar aus und lernten sie an; es stellte sich heraus, dass sie mit den Nietwerkzeugen im Nu so geschickt umgingen, als hätten sie nie was anderes gemacht. Mit anderen Worten, sie waren wie für den Brückenbau geboren. Wir haben keine Aufzeichnungen darüber, wie viele wir beim Bau dieser Brücke ausgebildet haben. Aber im Unternehmen bilden wir für gewöhnlich zwölf aus, so viele wie man für drei Niettrupps benötigt.«


Beim Bau von Stahlkonstruktionen, seien es Brücken oder Hochhäuser, lassen sich die Arbeiter in drei Hauptgruppen unterteilen – in Hebetrupps, Montagetrupps und Niettrupps. Der Stahl wird in fertigen, zu Säulen, Trägern und Profilen vorkonfektionierten Bauteilen auf die Baustelle geliefert; Säulen sind vertikale Bauteile, Träger und Profile horizontale. Jedes Bauteil verfügt an zwei oder mehr Stellen über Bohrungen zur Aufnahme der Bolzen und Niete und ist mit Kreide oder Farbe markiert, um anzuzeigen, an welcher Stelle es in dem Bauwerk einzusetzen ist. Die Männer der Hebetrupps schaffen die Teile mit einer Winde oder einem Kran in die Höhe, bringen sie an ihre Position und verbinden sie, indem sie in ein paar Bohrlöcher Bolzen stecken; diese Bolzen sind nur provisorisch. Dann kommen die Montagetrupps, bei denen man Ausrichter und Bolzensetzer unterscheidet. Die Ausrichter verbinden die Bauteile mit Spannseilen und Spannschlössern und richten sie im erforderlichen Winkel aus; die Bolzensetzer bringen weitere provisorische Bolzen an. Schließlich sind die Niettrupps an der Reihe; ein Hebe- und ein Montagetrupp können mehrere Niettrupps auf Trab halten. Ein Niettrupp besteht aus vier Arbeitern – einem Nietwärmer, einem Einstecker, einem Gegenhalter und einem Nietsetzer. Der Nietwärmer legt mehrere Holzplanken über ein Paar Stahlträger und baut so eine Arbeitsbühne für seine tragbare, mit Kohle befeuerte Esse, in der er den Niet erwärmt. Die anderen drei Männer hängen mit einem Seil ein Brettergerüst an das Bauteil, an dem sie arbeiten. Für gewöhnlich besteht das Gerüst aus sechs, ungefähr fünf mal dreißig Zentimeter starken Kanthölzern zu beiden Seiten des Bauteils und bietet gerade genug Platz zum Arbeiten; ein falscher Schritt und das war’s. Die drei Männer steigen mit ihren Werkzeugen zum Gerüst hinunter und nehmen dort ihre Positionen ein; meist stehen Einstecker und Gegenhalter auf einer Seite des Gerüsts, und der Nietsetzer steht oder kniet auf der anderen. Der Nietwärmer auf seiner Arbeitsbühne nimmt mit einer Zange einen rot glühenden Niet aus dem Kohlenfeuer und wirft ihn dem Einstecker zu, der ihn mit einer Blechdose fängt. Zu dem Zeitpunkt hat der Niet mit seinem halbrunden Nietkopf und dem länglichen Nietschaft die Form eines Pilzes. Inzwischen hat der Gegenhalter einen provisorischen Bolzen entfernt, der zwei Stahlteile verbindet, und so ein Bohrloch wieder freigelegt. Der Einstecker nimmt den Niet mit seiner Zange aus der Blechdose und drückt ihn tief in das Loch, bis der Nietkopf auf dem Stahl aufliegt und der Schaft auf der anderen Seite, also beim Nietsetzer, herausschaut. Jetzt tritt der Einstecker ein Stückchen zur Seite. Der Gegenhalter setzt ein Werkzeug, eben den Gegenhalter, auf den Nietkopf und drückt es darauf, so dass der Niet fixiert ist. Als Nächstes legt der Nietsetzer den Döpper seines Druckluftniethammers auf den herausstehenden Nietschaft, der noch rot glüht und somit formbar ist, schaltet den Hammer an und formt den Schaft zu einem Schließkopf um. Diese Prozedur wird so oft wiederholt, bis jedes von dem Gerüst aus erreichbare Loch vernietet ist. Dann wird das Gerüst versetzt. Die Arbeitsbühne des Nietwärmers bleibt an einer Stelle, bis alle Arbeiten in einem Umkreis von zehn bis zwölf Metern erledigt sind, in dem sich die Niete zuwerfen lassen. Die Männer auf dem Gerüst kennen die Handgriffe der anderen sehr genau und können sie übernehmen; speziell die Tätigkeit des Nietsetzers ist sehr anstrengend und zermürbend, und so tauschen die anderen zwischendurch mit ihm. Ehe der Druckluftniethammer erfunden war, musste der Nietsetzer zwei Werkzeuge benutzen, einen Kopfsetzer und einen Eisenhammer, er steckte den Kopfsetzer über den rot glühenden Nietschaft und schlug mit dem Hammer so lange darauf, bis er den Schaft zu einem Schließkopf geformt hatte. 


Nach der Brücke für die Canadian Pacific Railway begann die D.B.C. den Bau einer Klappbrücke, die heute Soo Bridge genannt wird; sie überquert zwei Kanäle und einen Fluss und verbindet die Zwillingsstädte Sault Ste. Marie, Ontario, und Sault Ste. Marie, Michigan. Die Bauarbeiten dauerten zwei Jahre. Mr. Jacobs, das Oberhaupt des Stammes, sagt, dass die Caughnawaga-Niettrupps von der Arbeit an der Canadian Pacific direkt zur Baustelle an der Soo Bridge weiterzogen und jeder Trupp einen zusätzlichen Lehrling mitnahm. Mr. Jacobs ist bereits über achtzig. Als junger Mann arbeitete er in einem Niettrupp; später war er Handlungsreisender für einen Lebensmittelgroßhändler in Montreal, Schullehrer im Reservat und Vorkämpfer für die Schulpflicht unter Indianern. »Die Indianer haben die Soo Bridge zu ihrer Ausbildungsstätte gemacht«, sagt er. »Sie haben es so eingerichtet, dass ein Lehrling ins Reservat zurückkehrte, sobald er ausgelernt hatte, und ein anderer für ihn herkam. Nach einer Weile gab es genug Männer für einen weiteren indianischen Niettrupp. Als man den besetzte, wurden alle Trupps neu zusammengestellt. Männer bestehender Trupps schlossen sich einem neuen an und eben erst ausgebildete Burschen kamen zu einem erfahrenen Trupp, so dass sich alte und junge die Waage hielten.« Auf diese Weise wurde das Wissen auch während der nächsten Aufträge weitergegeben, und 1907 waren mehr als siebzig Caughnawagas im Brückenbau ausgebildet. Als beim Bau der Quebec Bridge, die den Sankt-Lorenz-Strom etwa fünfzehn Kilometer nördlich von Quebec City quert, am 29. August 1907 ein Teil der Brücke einstürzte, kamen sechsundneunzig Menschen ums Leben, darunter fünfunddreißig Caughnawagas. Innerhalb des Stammes wird der Vorfall stets nur »das Unglück« genannt.


»Die Leute dachten, dass die Indianer nach dem Unglück dem Stahlbau für immer den Rücken kehren würden«, sagt Mr. Jacobs. »Doch das Gegenteil trat ein, er wurde nur noch interessanter. Sie waren sehr stolz, eine so gefährliche Tätigkeit auszuüben. Bis dahin hatten es die meisten nicht für gefährlicher als das Flößen von Holz gehalten. Doch jetzt wurden die Stahlbauer zu den am meisten geachteten Männern im Reservat. Einst hatten die kleinen Buben in Caughnawaga die Männer bewundert, die im Sommer mit den Zirkussen durch die Vereinigten Staaten zogen, wo sie Kriegstänze aufführten und Kriegsgeschrei ausstießen, und die dann, wenn sie im Winter wieder im Reservat waren, sich in den Hütten verkrochen, am Ofen saßen, Whiskey tranken und mit ihren Erlebnissen prahlten. Das wollten die Buben auch machen, oder vielleicht Holz flößen. Nach dem Unglück änderte sich das, und alle wollten in den Stahlbau. Für die Frauen war das Unglück ein schrecklicher Verlust. Als Erstes sammelten sie Geld für ein lebensgroßes Kruzifix, das über dem Hauptaltar von St. Francis Xavier angebracht wurde. Damit zeigten sie ihre christliche Demut. Als Nächstes aber nahmen sie sich die Männer vor und zwangen sie, kleinere Gruppen zu bilden und sich zu verteilen. Das heißt, sie erlaubten den Bautrupps nicht, gemeinsam an einer Brücke zu arbeiten, da ein weiteres Unglück die Hälfte aller Frauen im Reservat auf einen Schlag zu Witwen gemacht hätte. Fortan sollten einige Trupps an dieser Brücke arbeiten, andere an jener Brücke. Bald darauf gab es nicht mehr genug Stellen im Brückenbau, und die Trupps arbeiteten an allen Arten von Stahlbauten – an Fabriken, Bürogebäuden, Warenhäusern, Krankenhäusern, Wohnblöcken, Schulen, Brauereien, Destillen, Kraftwerken, Hafenanlagen, Bahnhöfen, Fördertürmen, einfach alles. In wenigen Jahren bauten Indianer an jeder Stahlkonstruktion von nennenswerter Größe in Kanada mit. Schließlich gab es in Kanada nicht mehr genug zu tun, und die Caughnawagas gingen über die Grenze. Zunächst fanden sie Anstellungen in Buffalo, Cleveland und Detroit.


1915 oder 1916 kam mit John Diabo ein Brückenbauer der Caughnawaga auch nach New York City und wurde für den Bau der Hell Gate Bridge eingestellt. Er war dort etwas Besonderes und erhielt den Spitznamen Indian Joe; zwei alte Vorarbeiter können sich noch an ihn erinnern. Nachdem er einige Monate in einem irischen Niettrupp gearbeitet hatte, stießen noch drei Caughnawagas hinzu und bildeten mit ihm einen eigenen Trupp. Sie hatten nur wenige Wochen zusammengearbeitet, als Diabo neben das Gerüst trat, in den Fluss stürzte und ertrank. Er war eigentlich sehr geschickt und sein Fehltritt war sonderbar; vor nicht allzu langer Zeit meinte ein Caughnawaga bei einem Erklärungsversuch: »Es muss wohl in einem Augenblick passiert sein, an dem sein Geist nicht bei ihm war.« Die anderen Caughnawagas brachten seinen Leichnam in das Reservat und kehrten nicht zurück. Soweit sich die älteren Männer des Stammes erinnern, hat bis in die zwanziger Jahre kein Caughnawaga wieder in New York gearbeitet. Vom Bauboom angelockt, kamen 1926 jedoch drei oder vier Caughnawaga-Trupps in die Stadt. Die Alten berichten, dass sie am Bau des Fred F. French Building, des Graybar Building und des One Fifth Avenue mitwirkten. 1928 zogen drei zusätzliche Trupps in die Stadt, die zunächst an der George Washington Bridge mitarbeiteten. Als die größte Stahl­konstruktion der dreißiger Jahre, das Rockefeller Center, errichtet wurde, kamen wenigstens sieben weitere Caughnawaga-Trupps nach New York. Bei ihrer Ankunft meldeten sich diese Männer alle beim Brooklyner Ortsverband der International Association of Bridge, Structural, and Ornamental Iron Workers, der mit der American Federation of Labor verbundenen Gewerkschaft für Stahlbau. Warum sie nach Brooklyn gingen und nicht nach Manhattan, scheint keiner mehr zu wissen. Die Gewerkschaftszentrale des Ortsverbands Brooklyn liegt an der Atlantic Avenue zwischen Times Plaza und Third Avenue, und die Caughnawagas suchten sich Zimmer in einem Wohnheim oder einer der billigen Pensionen in North Gowanus, einem Viertel, das sich über mehrere Blocks südlich des Gewerkschaftshauses an der Atlantic Avenue erstreckt. In den frühen dreißiger Jahren begannen sie, ihre Familien nachzuholen und in Wohnblocks in der Gegend zu ziehen. Auch während des Krieges kamen Caughnawagas hierher. Obwohl sich alle in North Gowanus niederließen, meldeten sie sich überwiegend im Ortsverband Manhattan. 


Gegenwärtig sind dreiundachtzig Caughnawagas im Ortsverband Brooklyn gemeldet, zweiundvierzig in dem Manhattans. Nicht einmal ein Drittel von ihnen arbeitet dauerhaft in der Stadt. Die Mehrzahl der Männer hat ihre Familie in North Gowanus, doch bis auf gelegentliche Aufträge hier verbringen sie viel Zeit in anderen Städten. Dabei ziehen sie – meist in Automobilen – durchs Land und suchen nach eiligen Jobs, die unbegrenzt Überstunden bei doppeltem Lohn verheißen; in New York City fahren die Stahlbaufirmen so wenig Sonderschichten wie möglich. Es kommt durchaus vor, dass ein einziger Trupp innerhalb eines Jahres in fünf, sechs weit voneinander entfernten Städten arbeitet. Zwischen den Aufträgen kehren sie hin und wieder zu ihren ­Familien nach Brooklyn zurück. Nach längeren Jobs holen sie ihre Familien manchmal auch ab, um mit ihnen Urlaub im Reservat zu machen; einige tun das jeden Sommer. Wenige Männer nehmen ihre Familien mit auf die Fahrt zu ihren Aufträgen und schicken sie dann mit dem Bus oder Zug zurück nach Brooklyn. Einige Vorarbeiter, die schon jahrelang mit den Caughnawagas zusammengearbeitet haben, glauben, dass ihnen dieses Umherziehen im Blut liegt, dass sie nicht anders können und die Suche nach mehr Überstunden nur eine Ausrede ist. Ein alter Vorarbeiter der American Bridge Company berichtet, dass Caughnawagas schon Anstellungen verlassen haben, die mehr Sonderschichten boten, als sie hätten bewältigen können. Wenn der Gedanke ans Weiterziehen sich in ihren Köpfen festsetzt, erzählt er, werden sie unberechenbar: »Die Baustelle ist in Ordnung, alles läuft prima. Gute Arbeitsbedingungen. Viele Überstunden. Eine nette Stadt. Doch dann tauchen Gerüchte auf über einen ach so tollen großen Auftrag in einer anderen Stadt, vielleicht sogar mehr als tausend Kilometer entfernt. So eine Nachricht bringt immer viel Gerede und Unruhe und spricht sich rasend schnell herum, aber die Indianer brauchen gar nicht miteinander zu reden, die wissen sowieso, was ihre Brüder denken. Ein paar Tage lang sind sie angespannt und nervös. Ihre Augen funkeln. Sie haben den Ruf gehört. Und plötzlich geben sie ihre Werkzeuge zurück und ziehen ab. Sie halten es keinen Augenblick länger aus. Sie gehen in der Mittagspause, mitten in der Woche. Manchmal warten sie nicht mal, bis sie ihren Lohn bekommen. Den nimmt ein anderer ihrer Trupps in Empfang und schickt ihn hinterher, sobald eine Postkarte eintrudelt, auf der steht, wo sie jetzt sind und wohin das Geld geschickt werden soll.« George C. Lane, bei der Bethlehem Steel Company zuständiger Bauleiter für das Gebiet New York, bemerkte einmal, dass ein umherziehender Caughnawaga-Trupp so unvorhersehbar ist wie ein Schwarm Spatzen. »Im Sommer 1936«, erzählt Mr. Lane, »hatten wir gerade einen Auftrag in New York abgeschlossen und wollten schon am nächsten Tag einen neuen beginnen, nur ein paar Blocks vom alten entfernt. Da habe ich mit eigenen Ohren gehört, wie ein Vorarbeiter die Indianer bekniet hat, auch bei dem neuen Bau dabei zu sein. Aber sie hatten von einem Auftrag in Hartford gehört und wollten dorthin. Der Vorarbeiter sagte, dass die Bezahlung dieselbe war und sie dort auch nicht mehr Überstunden machen könnten, dass ihre Familien hier lebten und sie außerdem Reisekosten hätten und sich in Hartford nach einer Bleibe umsehen müssten – aber nein, es musste Hartford sein und nichts anderes. Ein Jahr danach traf er dieselben Männer auf einer Baustelle in Newark und fragte einen von ihnen, wie Hartford für sie gelaufen wäre. Der antwortete ihm, dass sie gar nicht nach Hartford gefahren wären. ›Wir waren in Kalifornien‹, meinte er. ›Wir sind rüber nach San Francisco gefahren und haben an der Golden Gate Bridge mitgebaut.‹«


In New York City arbeiten die Caughnawagas zumeist für die großen Unternehmen – für Bethlehem Steel, American Bridge, die Lehigh Structural Steel Company und die Harris Structural Steel Company. Zu den Bauten in der Stadt und im Umland, an denen sie in nennenswertem Umfang beteiligt waren, gehören das R.C.A. Building, das Cities Service Building, das Empire State Building, das Daily News Building, das Chanin Building, das Bank of Manhattan Company Building, das City Bank Farmers Trust Building, die George Washington Bridge, die Bayonne Bridge, die Passaic River Bridge, die Triborough Bridge, die Henry Hudson Bridge, die Little Hell Gate Bridge, die Bronx-Whit­stone Bridge, die Marine Parkway Bridge, der Pulaski Skyway, der West Side Highway, das Waldorf-Astoria, London Terrace und das Knickerbocker Village.


North Gowanus ist ein verschlafenes und ein wenig heruntergekommenes altes Viertel zwischen dem Gowanus-Kanal und dem Geschäftszentrum Borough Hall. Es gibt hier ein paar Fabriken, Bekohlungsanlagen für die Eisenbahn und Schrottplätze, doch vor allem ist es ein Wohnviertel, in dem Häuschen und Wohnblöcke aus Sand- oder Backstein überwiegen. Alle Caughnawagas leben in einem Gebiet von zehn Straßenzügen zwischen der Court Street im Westen, der Schermerhorn Street im Norden, der Fourth Avenue im Westen und der Warren Street im Süden. Sie wohnen in den besten Häusern der besten Straßen. Für gewöhnlich sind die Caughnawaga-Frauen gute Hausfrauen und halten ihre Wohnungen sehr sauber. Die meisten schmücken ein Kaminsims oder eine Wand mit Erbstücken aus dem Reservat – mit einer Trommel, ein paar Rasseln, einer Maske oder einer hölzernen Kindertrage. Abgesehen davon gleichen ihre Wohnungen denen ihrer weißen Nachbarn. Eine Familie besteht in der Regel aus Ehemann und Ehefrau, mehreren Kindern und einer oder zwei weiblichen Verwandten. Nach dem Abschluss der Reservatschule kommen viele Caughnawaga-Mädchen nach North Gowanus, um dort in einer Fabrik zu arbeiten. Einige arbeiten in einem Stanzwerk im Viertel, der Fred Goat Company, andere in der Gem Safety Razor Corporation, deren Produktionsstätte in fußläufiger Entfernung ist. Eine ganze Reihe dieser jungen Frauen haben Weiße geheiratet, manche haben sogar alle Brücken zu ihrem Stamm und dem Reservat abgebrochen. In den letzten zehn Jahren haben Caughnawaga-Frauen Ehen mit Filipinos, Deutschen, Italienern, Juden, Norwegern und Puertoricanern geschlossen. Viele Familien in North Gowanus erhalten häufig längere Besuche von Verwandten; wenn in einer Familie ein Kind geboren wird, kommt beinahe immer eine Großmutter oder Tante aus dem Reservat zu ihrer Unterstützung. Caughnawagas dürfen die Grenze ungehindert passieren. Allerdings müssen sie als Beleg, dass sie dem Stamm angehören, stets eine Karte mit Lichtbild mit sich führen. Diese Karten werden vom Amt für Indianerangelegenheiten ausgegeben; die Caughnawagas nennen sie ihren Pass. Mehr als die Hälfte der Caughnawaga-Hausfrauen bastelt in freien Stunden Souvenirs. Davon machen sie sehr viele. Sie spezialisieren sich auf Puppen, Handtaschen und Gürtel, die sie mit bunten Perlen verzieren; als Motive variieren sie alte irokesische Embleme wie das Himmelsgewölbe, die Nachtsonne, die Tagsonne, die Farnspitze, den immer wachsenden Baum, die Weltschildkröte und das Ratsfeuer. Jeden Herbst nehmen einige der am deutlichsten wie Indianer aussehenden Männer eine etwa einmonatige Auszeit vom Stahlbau, packen die Souvenirs in ihre Autos und verkaufen sie auf großen und kleinen Jahrmärkten und Rummelplätzen in New York, Connecticut, New Jersey und Pennsylvania. Bei diesen Fahrten tragen die Männer Hirschlederkleidung und Federschmuck und schlafen in Leinwand-Tipis, die sie auf den Festplätzen errichten. Um Besucher anzulocken, stoßen sie hin und wieder laute Schreie aus und führen Teile des Duelltanzes, des Taubentanzes, des Falschgesichtertanzes und anderer halbvergessener Mohawk-Tänze auf. Das Material für die Souvenirs beziehen die Frauen von der Plume Trading & Sales Company in der Lexington Avenue Nr. 155 in Manhattan, die Perlen, Hirschhäute, künstliche Adlerfedern und Ähnliches an indianische Handwerker in den gesamten Vereinigten Staaten und Kanada verkauft. In North Gowanus leben ungefähr fünfzig Caughnawaga-Kinder im Schulalter. Zwei Drittel von ihnen gehen in die staatliche Schule in der Pacific Street, die anderen besuchen kirchliche Schulen – die von St. Paul, St. Agnes und St. Charles Borromeo. Wie alle Kinder im Viertel lesen junge Caughnawagas Comics, hören beim Hausaufgabenmachen Radio, gehen gerne ins Kino und spielen Stickball; die Lehrer sagen, sie unterscheiden sich von den anderen nur darin, dass sie zurückhaltender und höflicher sind. Darüber hinaus sind sie ungewöhnlich geschickt; im Alter von drei Jahren können die meisten schon ihre Schuhe binden. Erwachsene Caughnawagas sind mehrsprachig; alle beherrschen Mohawk und Englisch und alle sprechen und verstehen zumindest einige Brocken Französisch. In Familien, in denen beide Elternteile Caughnawagas sind, wird fast ausschließlich Mohawk gesprochen. In Familien, in denen die Mutter keine Indianerin ist und der Vater viel auswärts arbeitet, was immer häufiger der Fall ist, lernen die Kinder bisweilen die Sprache nicht mehr, was sehr bedauert wird. 


Die Caughnawagas sind regelmäßige Kirchgänger. Die Katholiken unter ihnen besuchen überwiegend die St. Paul’s Church an der Ecke Court und Congress Street, die meisten Protestanten die Cuyler Presbyterian Church in der Pacific Street. Deren Pastor, Dr. David Munroe Cory, hat vielfältige Interessen. Er ist Ringer und zudem Vizepräsident der Iceberg Athletic Group, eines Vereins, dessen Mitglieder den ganzen Winter über vor Coney Island im Meer schwimmen. Einmal hat er für die Sozialisten bei der Wahl zum Brooklyner Stadtbezirkspräsidenten kandidiert. Schließlich ist Dr. Cory ein ausgewiesener Kenner von Faustus Socinus, dem italienischen Theologen des sechzehnten Jahrhunderts, und er lernt zu seinem Vergnügen Fremdsprachen, von denen er acht spricht, darunter Hebräisch, Griechisch und Gälisch. Die ersten Caughnawagas kamen Mitte der dreißiger Jahre in die Cuyler Presbyterian Church, und Dr. Cory beschloss daraufhin, Mohawk zu lernen, um herauszufinden, ob er dadurch nicht noch mehr von ihnen für die Kirche gewinnen könnte. Zwar spricht er die Sprache noch nicht fließend, aber die Caughnawagas sagen, dass er Mohawk besser beherrscht als andere Weiße – meist Anthropologen und Priester –, die sich damit befasst haben. An jedem ersten Sonntagabend im Monat hält er nach der englischen Messe einen Gottesdienst in Mohawk, der in der Regel von zwanzig bis dreißig Caughnawagas besucht wird. Fünfundzwanzig sind zu den Presbyterianern übergetreten. Michael Diabo, ein pensionierter Nietsetzer, wurde kürzlich zum Diakon gewählt. Steven M. Schmidt, ein Austro-Amerikaner, der mit der Caughnawaga Mrs. Josephine Skye Schmidt verheiratet ist, ist ein Ältester. Mr. Schmidt arbeitet in der Schadensabteilung einer Versicherungsgesellschaft. Unter der Anleitung von Dr. Cory haben zwei Caughnawaga-Frauen, Mrs. Schmidt und Mrs. Margaret Lahache, einige Kirchenlieder ins Mohawk übersetzt und ein Gesangbuch zusammengestellt, The Caughnawaga Hymnal, das in der Cuyler Presbyterian Church und in der protestantischen Kirche des Reservats verwendet wird. Dr. Cory selbst hat das Lukas-Evangelium ins Mohawk übersetzt. Er ist von ruhigem und ernstem Wesen, seine Predigten sind frei von Frömmelei, er begreift intuitiv, welche Gesprächsthemen bei den Indianern Tabus berühren, und er ist der einzige Weiße, der von allen Caughnawagas in North Gowanus gemocht und geachtet wird. Auch solche, die nicht seiner Glaubensrichtung angehören – darunter sogar einige Katholiken und Menschen vom Langhaus –, suchen seinen Rat. 


In Kneipen, bei Hochzeiten oder bei Begräbnisfeiern tauen die Caughnawagas gelegentlich etwas auf und werden gesprächig. Für gewöhnlich sind sie jedoch verschlossen und reden nicht viel. Lediglich ein einziger Caughnawaga in North Gowanus steht im Ruf, redselig zu sein. Er ist vierundfünfzig Jahre alt und heißt mit weißem Namen Orvis Diabo, auf Indianisch O-ron-ia-ke-te oder »Der den Himmel trägt«. Mr. Diabo ist gedrungen und massig und hat ein Doppelkinn. In seinem runden, dunklen, fast piratenhaft anmutenden Gesicht funkeln kleine scharfe Augen. Anders als die meisten Caughnawagas leugnet oder verschweigt er den Anteil weißen Blutes nicht, der in seinen Adern fließt. »Meine Mutter war halb Schottin, halb Indianerin«, sagt er, »und meine Großmutter väterlicherseits war schottisch-irischer Herkunft. Ich weiß nicht mehr genau wo, aber irgendwo in meinem Stammbaum turnen auch noch ein französischer Einwanderer und ein reiner Ire rum. Wenn man mein Blut nimmt und es abseiht, würde man weiß Gott was darin finden.« Er wurde katholisch getauft, trat als junger Mann jedoch zur presbyterianischen Kirche über und bezeichnet sich jetzt »als eine Art Freigeist«. Im Alter von neunzehn Jahren begann Mr. Diabo in einem Niettrupp zu arbeiten und hat vor eineinhalb Jahren damit aufgehört. Er hat es aufgegeben, weil er Arthritis bekam. Er war Nietwärmer und hat in siebzehn Bundesstaaten beim Bau von Brücken und Hochhäusern mitgearbeitet. »Ich habe Millionen Niete zum Glühen gebracht«, sagt er. »Wenn man von den Männern spricht, die dieses Land aufgebaut haben, dann meint man solche wie mich.« Mr. Diabo besitzt ein Haus und etwa dreizehn Hektar Ackerland im Reservat. Er hat das Land geerbt und verpachtet es an einen Frankokanadier. Kurz nachdem er die Arbeit aufgegeben hatte, ging seine Frau, die mit Unterbrechungen zwanzig Jahre in North Gowanus gelebt, sich aber nie heimisch gefühlt hatte, zurück ins Reservat. Sie wollte, dass er mitkam, doch er zog es vor, noch eine Weile zu bleiben, und nahm sich ein Zimmer in der Wohnung eines Vetters. »Ich mag New York«, meint er. »Die Leute hier sind sehr hektisch und die Luft ist dreckig, aber mir gefällt’s.« Mr. Diabo liest viel. Vor einigen Jahren sah er in einer Zeitschrift eine Anzeige der Haldeman-Julius Company, eines Verlagsversandhandels in Girard, Kansas, der mehr als achtzehnhundert Taschenbuchtitel im Angebot hat, die überwiegend Religion, Gesundheit, Sexualität, Geschichte und populärwissenschaftliche Themen behandeln. Die Bücher heißen Little Blue Books und kosten zehn Cent das Stück. »Ich habe mir für einen Dollar Little Blue Books bestellt«, erzählt Mr. Diabo, »und die haben mir die Augen geöffnet, wie wenig ich von der Welt wusste. Wie ungebildet und abergläubisch ich war. Dass ich von nichts und niemandem eine Ahnung hatte. Inzwischen lese ich sehr viel. Ich hab Dutzende Little Blue Books gelesen, und jetzt weiß ich viel mehr als die meisten Leute, die ich kenne. Eigentlich bin ich ein gebildeter Mensch.« Fünf Little Blue Books sind Mr. Diabos Lieblingsbücher: Irrtümer der Bibel von Clarence Darrow; Sieben untreue US-Präsidenten von Joseph McCabe; Seltsame Tatsachen über untergegangene Kulturen von Charles J. Finger; Warum ich vor dem Tod keine Angst habe von E. Haldeman-Julius und Gibt es in unserer Zivilisation zu viel Sex? von Theodore Dreiser. Er trägt sie ständig mit sich herum und liest immer wieder darin. Mr. Diabo schläft bis Mittag. Dann schlurft er auf einen Stock gestützt in eine Kneipe in der Nachbarschaft, Nevins Bar & Grill in der Nevins Street Nr. 75, und nimmt dort an einem der Tische Platz. Wenn sich jemand zu ihm setzt und zuhört, kommt er ins Reden. Wenn nicht, liest er in einem seiner Little Blue Books. Das Nevins ist ein Treffpunkt für die Caughnawagas in North Gowanus. Männer, die gerade in New York arbeiten, schauen auf dem Nachhauseweg öfter mal auf ein Stündchen vorbei. Am Wochenende kommen sie gemeinsam mit ihren Frauen, trinken Ale aus Montreal und sehen fern. Wenn Trupps von ihren auswärtigen Aufträgen zurückkehren, veranstalten sie dort ihre Besäufnisse. Stirbt ein Caughnawaga-Stahlbauer bei einem Arbeitsunfall, wird im Nevins für seine Familie gesammelt; dabei kommen selten weniger als zweihundert Dollar zusammen. Im Rahmen des Spiegels hinter dem Tresen stecken mehrere Dankesbriefe von Witwen. Das Nevins ist eine kleine, schlichte und gemütliche Kneipe und eine der ältesten in Brooklyn. Eröffnet wurde es 1888, als North Gowanus noch mehrheitlich von Iren bewohnt war, unter dem Namen Connelly’s Abbey. Irische Gäste nennen es bisweilen immer noch Abbey. Heute wird das Nevins von Artie Rose und Bunny Davis betrieben. Davis ist mit einer ­Caughnawaga verheiratet, einer geborenen Mavis Rice.


Eines Nachmittags vor ein paar Wochen saß ich mit Mr. Diabo zusammen an einem Tisch im Nevins. Er trinkt fast immer Bier. An jenem Tag trank er jedoch Gin.


»Ich bin ziemlich niedergeschlagen«, sagte er. »Ich muss zurück ins Reservat. Mir fallen keine Ausreden mehr ein, ich kann es nicht länger aufschieben. Heute habe ich einen wütenden Brief von meiner Frau bekommen. ›Ich habe die Nase voll, dauernd bitten und betteln zu müssen, damit du heimkommst‹, schreibt sie. ›Von mir aus kannst du in Brooklyn bleiben, bis dir hier was festwächst.‹ Nur hab ich leider keine Lust hinzufahren. Das heißt, einerseits hab ich keine Lust, andererseits schon. Mal sehen, vielleicht kann ich Ihnen das erklären. Ein Indianer, der zum ersten Mal sein Reservat verlässt und als Stahlbauer in den Vereinigten Staaten arbeitet, vergeht fast vor Heimweh. Wenn er nicht gerade tausend Kilometer von Zuhause entfernt ist, wird er nach jedem Auftrag zurückfahren. Arbeitet er in New York, fährt er sogar jedes Wochenende hoch, obwohl die Fahrt zwölf Stunden dauert. Schließlich heiratet er, holt seine Frau zu sich nach Brooklyn und gründet eine Familie und dann ist er nicht mehr so oft oben. Na ja, wahrscheinlich fährt er mit Frau und Kindern in den Sommerferien hin, aber er bleibt nicht da. Nach drei, vier Tagen langweilt er sich im Reservat und er macht sich auf den Weg zurück in die Staaten. Er gewöhnt sich an das Leben hier. So gehen die Jahre ins Land. Irgendwann kommt er in das Alter, in dem ich heute bin – bei manchen passiert das ein paar Jahre früher, bei anderen etwas später –, und er stellt fest, dass er ein bisschen zu steif geworden ist, um auf einem nackten Stahlträger in hundert Metern Höhe herumzuspazieren. Entweder merkt er es selber, oder einem Vorarbeiter fällt auf, dass er etwas unsicher auf den Beinen geworden ist, und dann nimmt er ihn beiseite und bringt es ihm vorsichtig bei. Also gibt er das Stahlbauerdasein auf, packt seine Siebensachen, holt die Ersparnisse, die er im Laufe der Jahre beiseite gelegt hat, von der Bank oder Sparkasse und kehrt für immer in das Reservat zurück. Das ist wirklich schwer für ihn. Er ist ein aufregendes Leben gewohnt, und im Reservat ist es sehr, sehr langweilig; die größte Abwechslung dort sind Beerdigungen. Immer war er von Auftrag zu Auftrag unterwegs, und im Reservat fühlt er sich wie eingesperrt. Bislang hat er sich regelmäßig ein Bierchen oder einen Whiskey gegönnt, aber im Reservat ist der Verkauf von Alkohol verboten; also muss er sich am anderen Flussufer in einer kanadischen Stadt eine Flasche kaufen und sie wie ein Schulbub reinschmuggeln, und das passt ihm ganz und gar nicht.


Außerdem gibt es kaum was, womit er sich die Zeit vertreiben kann. Er kann sich an den Straßenrand setzen und den Autos beim Vorbeifahren zuschauen, oder er hockt am Fluss, hält eine Angel ins Wasser und schaut den Schiffen zu; ansonsten wäre da noch im Garten Unkraut jäten, in die Kirche gehen oder sich mit den anderen ehemaligen Bauarbeitern im Dorfladen treffen und Karten spielen und palavern. Das wär auch schon alles. Man sollte denken, diese alten Kerle würden über die Städte reden, in denen sie gearbeitet haben, die tollen Besäufnisse, die sie veranstaltet haben, die Mädchen, die mit dem Bautross übers Land zogen, oder über die Hochhäuser und Brücken, die sie gebaut haben – aber nichts dergleichen. Nachdem sie fünf, sechs oder sieben Jahre im Reservat herumgesessen haben, scheinen sie von ihren Stahlbautagen nichts mehr wissen zu wollen. Einige von ihnen sind überhaupt nur noch Indianer und sprechen nicht mal mehr Englisch; sie tun sogar, als könnten sie es gar nicht. Manche werden richtige alte Griesgrame, die bloß Gift und Galle spucken. Wenn sie überhaupt den Mund aufmachen, dann schimpfen sie. Am liebsten reden sie noch über Zank in der Familie. Im Reservat gibt’s Familien, die haben sich vor Generationen verkracht und bis heute nicht versöhnt; vielleicht fing’s mit einem Streit um ein Stück Land an, vielleicht mit einer Mischehe oder damit, dass eine Frau einer anderen vorwarf, sie hätte sich mit ihrem Mann auf dem Friedhof in die Büsche geschlagen. Sogar hier in Brooklyn leben Indianer, die nicht mit jemandem im selben Bautrupp arbeiten wollen, weil zwischen ihren Familien böses Blut herrscht; und ihre Frauen behandeln einander wie Luft, wenn sie sich auf der Atlantic Avenue begegnen. Die alten Männer vergnügen sich damit, so einen Kram aufzuwärmen und an Kleinigkeiten ihr gutes Gedächtnis zu beweisen. Außerdem reden sie liebend gern über Religion. Über eine wundersame Genesung, von der sie gehört haben, etwas, das der Priester gesagt hat – da können sie wochenlang drauf rumreiten. Das sind allesamt Freizeitprediger. Denen spukt ständig was Religiöses im Kopf herum.


Und natürlich geht es dauernd um das Reservat. Das letzte Mal, als ich oben war, setzte ich mich zu den Kameraden in einen Laden und wollte ihnen erzählen, worüber ich gelesen hatte und was ich sehr interessant fand – Mongolenflecke. Das sind dunkelblaue Hautflecke, die vor allem Japaner und Mongolen auf dem Rücken kriegen. Ab und zu wird auch ein reinblütiger amerikanischer Indianer damit geboren. Aber die alten Männer wollten nichts von Mongolenflecken wissen. Die diskutierten lieber über Straßennamen. Die Elektrizitätsgesellschaft, die Caughnawaga mit Strom versorgt, wollte, dass die Indianer den Straßen und Gassen im Dorf Namen geben. Die Ableser verwechseln sie nämlich immer, und die Gesellschaft hat angeboten, unentgeltlich Straßenschilder aufzustellen und die Häuser zu nummerieren. Die alten Männer wollten aber keine Straßenschilder und machten ein Riesentrara darum. Das wäre unindianisch. Und dann kriegten sie sich über die Vor- und Nachteile einer modernen Wasserversorgung in die Haare. Darüber kommen sie zu überhaupt keinem Ende. Manche sind dafür, die meisten lehnen sie aber grundsätzlich ab. Die möchten am liebsten einen Gaul beim Zügel nehmen, der eigentlich schon sein Gnadenbrot verdient hätte, und das Wasser in Fässern vom Fluss hochkarren. Angeblich ist das indianischer. Der Logik eines Indianers kann man manchmal wirklich nicht folgen. So ist elektrisches Licht für sie in Ordnung, sie kaufen sich die größten gebrauchten Schlitten, die sie auftreiben können, das Radio wird nur dann abgestellt, wenn die Röhren ausgetauscht werden müssen, und Kinderwagen für fünfundsiebzig Dollar und Särge für vierhundert Dollar sind ebenfalls in Ordnung – aber Straßennamen und Wasserhähne? Gott behüte! Das geht zu weit.


Andererseits gibt es auch Dinge, auf die ich mich freue. Ich freu mich zum Beispiel, mal wieder richtiges indianisches Essen zu bekommen. So was wie o-nen-sto oder Maissuppe. Das ist das Nationalgericht der Mohawks. Einige Frauen bereiten es auch hier in Brooklyn zu, aber sie nehmen dieses fertige Maismehl dafür. Die alten Frauen im Reservat machen es richtig, auf die mühevolle Mohawk-Art wie vor fünfhundert Jahren. Sie lösen die Maiskörner vom Kolben und kochen sie zusammen mit einer Handvoll Ahornasche in einem Topf. Die Lauge in der Asche löst die Spelze der Maiskörner ab und die Körner quellen auf und werden richtig dick. Danach wird die Lauge ausgewaschen. Als Nächstes kommen rote Bohnen dazu. Und schließlich geben sie noch einen Schweinskopf in den Topf; früher nahm man dazu den Kopf eines Bären. Dann wird das Ganze so lange gekocht, bis es zäher Brei ist. Wie gut das riecht, wenn die Suppe vor sich hin köchelt. Selbst wenn einem die Lunge rasselt und man kurz vorm letzten Atemzug steht – beim kleinsten Hauch, den man davon schnuppert, kommen auf der Stelle alle Lebensgeister zurück. Ich freue mich auch schon auf den Geschmack von Indianerbrot, das ebenfalls mit solchem Mais gemacht wird. Hier unten verwenden die Frauen auch dafür nur dieses fertige Maismehl. Indianerbrot wird gekocht, es hat die Form eines Hamburgers und ist mit Kidney-Bohnen durchsetzt. Sonntags essen wir im Reservat traditionell Steak zum Frühstück, egal ob wir uns das leisten können oder nicht, und den Steaksaft gießen wir über das Indianerbrot. 


Und auf noch etwas freue ich mich: Wenn es irgendwie geht, möchte ich eine Feier der Menschen vom Langhaus besuchen. Selbst wenn ich mich ihnen dazu anschließen muss. Bei meinem letzten Besuch oben wurde eines Abends eine Feier abgehalten. Da habe ich beschlossen, mich auf den katholischen Friedhof neben dem Langhaus im Dickicht zu verstecken und mir ihre Musik anzuhören. Ich schlich also durch Disteln, Gestrüpp und hohes Gras dorthin und setze mich auf den flachen Stein auf dem Grab eines Onkels von mir, Miles Diabo, der in der Miller Brothers 101 Ranch Wild West Show auftrat und 1916 in Wheeling in Virginia an einer Lungenentzündung starb. Onkel Miles war einer der letzten Caughnawaga, der beim Zirkus war. Auf dem Friedhof liegen auch meine Mutter und mein Vater, Nazareth Diabo, aber den habe ich kaum gekannt. Alle nannten ihn nur Nazzry. Er war einer der ersten Mohawks im Stahlbau. Er war nur ganz selten zu Hause und kam bei dem Unglück ums Leben – damals, als die Quebec Bridge einstürzte. Auf dem Friedhof sind hunderte Stahlbauer begraben. Von denen, die bei der Arbeit verunglückten, hat keiner einen Grabstein; auf ihren Gräbern stehen Kreuze aus Stahlträgern. Es gibt dort einen richtigen Wald aus Stahlkreuzen. Ich saß also auf Onkel Miles’ Stein und dachte so übers Leben nach, als die Menschen vom Langhaus zu singen und tanzen und trommeln anfingen. Sie sangen alte Mohawk-Lieder. Ich konnte Männer-, Frauen- und Kinderstimmen ausmachen. Gesungen hört sich die Mohawk-Sprache sehr schön an. So schön, dass es einem den Atem verschlägt. Ich zitterte, so sehr berührte mich der Gesang, und musste tief durchatmen, um mich wieder zu beruhigen. Ich war sehr, sehr traurig, und zugleich verspürte ich in meinem Herzen tiefen Frieden. Ich dachte, ich wäre ganz allein auf dem Friedhof, doch dann tauchte in der Dunkelheit ein alter Bauarbeiter auf, mit dem ich noch am Nachmittag gesprochen hatte, einer der Griesgrame, ein alter Mann, der gegen alles Neue im Reservat ist, ganz egal was, und zwar mit der Begründung, dass es unindianisch ist – dies ist unindianisch und das ist unindianisch. Der sagte zu mir: ›Du bist nicht allein. Schau mal da rüber.‹ Ich blickte in die Richtung, in die er deutete, und sah ein weißes Hemd im Gebüsch. Dann sagte er: ›Und sieh dahin‹, und ich entdeckte eine in der Dunkelheit glimmende Zigarette. ›Das Gebüsch ist voll von Katholiken und Protestanten‹, meinte er. ›Immer wenn eine Langhausfeier stattfindet, schleichen sie hierher und hören dem Gesang zu. Es zieht sie an wie Motten das Licht.‹ Ich sagte: ›Die Langhausmusik ist aber auch wunderbar, oder?‹ Er entgegnete, das müsse sie auch, schließlich sei es alte indianische Musik. Darauf bemerkte ich, dass mir die Langhausreligion auch gefiele. ›Eines schönen Tages‹, sagte ich, ›trete ich vielleicht zu ihr über.‹ Ich fragte ihn, wie er dazu stünde. Er sagte, er sei Katholik und dass so was für ihn nicht in Frage käme. ›Wenn ich mich den Langhausleuten anschließe‹, meinte er, ›werde ich exkommuniziert und könnte dann nicht in geweihter Erde bestattet werden, sondern müsste in der Hölle schmoren.‹ Ich sagte zu ihm: ›Die Hölle ist aber unindianisch.‹ Das war natürlich genau das Falsche. Jedenfalls gab er keine Antwort. Er saß ein Weilchen neben mir – ich glaube, er dachte drüber nach – und dann erhob er sich und ging weg.«


(1949)


  • New journalism
  • USA
  • Reportagen
  • New York
  • 20. Jahrhundert

Meine Sprache
Deutsch

Aktuell ausgewählte Inhalte
Deutsch, Englisch, Französisch

Joseph Mitchell

Joseph Mitchell

wurde in Iona (North Carolina) geboren. Im Alter von 21 Jahren kam er einen Tag nach dem Börsenkrach 1929 nach New York und begann seine journalistische Laufbahn als Kriminalreporter bei verschiedenen Tageszeitungen. Er gilt als Mitbegründer des New Journalism. Als Chefreporter des New Yorker wurde er zur lebenden Legende. Nach seiner Reportage »Joe Gould’s Secret« (1964) veröffentlichte er bis zu seinem Tod keine Zeile mehr, suchte jedoch täglich sein Büro auf.

Weitere Texte von Joseph Mitchell bei DIAPHANES
Joseph Mitchell: McSorley’s Wonderful Saloon

Joseph Mitchell

McSorley’s Wonderful Saloon
New Yorker Geschichten

Übersetzt von Sven Koch und Andrea Stumpf

Gebunden, 416 Seiten

Ein Besuch auf einer Schildkrötenfarm, die einen Großteil des nordamerikanischen Bedarfs an Schildkrötenfleisch deckt; das Porträt einer seit 1854 bestehenden New Yorker Kneipe; ­schwindelfreie Indianer im Stahlhochbau; findige Nichtstuer, hochbegabte Kinder, Muschelfischer und bärtige Damen; eine Schilderung der Institution »Beefsteak«, einem Begängnis, bei dem es ums Vertilgen ungeheurer Mengen Fleisch geht; der fundamentalistische Straßenprediger, der das Telefon für seine Zwecke entdeckt hat, oder Captain Charleys Museum für intel­ligente Menschen: Joseph Mitchells Geschichten, Porträts, Reportagen und Erzählungen sind längst Klassiker amerikanischer Literatur.
 
Mitchell ist ein begnadeter Zuhörer, der vor allem die von ihm Porträtierten selbst zu Wort kommen lässt. In seinen »teilnehmenden Beobachtungen« verbindet sich Sachlichkeit mit literarischer Anschaulichkeit der Beschreibung, subjektivem Humor und scharfer Beobachtungsgabe. Immer wieder zieht es ihn zu den Käuzen, Exoten und Exzentrikern seiner Stadt. Mit Hingabe widmet er sich aussterbenden Milieus, Phänomenen, die alsbald der Vergangenheit angehören werden, und immer wieder dem pulsierenden Leben der Hafenstadt New York.

Joseph Mitchells legendäre Reportagen gehören zur Ge­schichte New Yorks, sie lesen sich wie Bohrungen in einer heute verschütteteten Zeitschicht jener Stadt, die mehr als alle anderen die Moderne verkörpert. Die hier versammelten Geschichten sind in den Jahren 1938 bis 1955 im Magazin New Yorker erschienen. Für das deutsche Publikum weitgehend Neuland, eröffnen sie dem Leser ungeahnte, beglückende literarische Entdeckungen.