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DEPOSIZIONE E SEPOLTURA

Drei Stative mit Ringleuchte und Handy bilden einen Halbkreis, ein viertes Stativ liegt umgestürzt am Boden. Etwas entfernt ein schwarzer Kubus; an der Wand, in schwarzer Schrift: »MALEDETTI I VOSTRI OCCHI PERCHÉ VEDONO«. Schwarze Stromkabel bilden ein Gewirr, Steckerleisten, Kabelbinder, Taschenlampen, Nägel, Klebeband. Einige Steckdosen sind zugeklebt, wieviele verbleiben offen, welche sind belegt? Bilden die Steckleisten ein Kreuz, wozu dienen die Kabelbinder und Taschenlampen? Warum sind diese verbunden und abgeklebt? Die offensichtlich präzis gewählte Auslage fordert dazu auf, in der Installation eine zu entzifferende Anordnung zu erkennen, die mit dem Titel des Werks korrespondiert: Deposizione e Sepoltura. »Deposizione«, das kann bedeuten: »Kreuzabnahme«, aber auch »Niederlegung« (von Waffen etwa), »Absetzung« oder »Zeugenaussage«; »Sepoltura« meint sowohl den Vorgang wie den Ort einer »Grablegung«.

 

Drei in handelsüblichen Kits für Influencer-Selfievideos enthaltene grüne Tücher sind zu einem einzigen Stoff vernäht und verweisen auf die Technik des Greenscreening, mit der beliebig die Hintergründe von Videos entfernt und ausgetauscht werden können, wie auch auf das Leichentuch bei der Kreuzabnahme Christi. Die einzige in der Installation verwendete und wegen fehlenden Lichts fast grau erscheindende Farbe kann als Komplement zum menschlichen Inkarnat aufgefasst werden. Die Szene ist in ein unheimliches Halbdunkel gerückt, das nur vom Flackern der Iphone-Screens skandiert wird. Die dort aufleuchtenden Bilder scheinen aus der nahen Vergangenheit zu stammen, oder sind es Live-Bilder?

 

Der Bildraum in den schwarzen Lichtzelten bleibt den Blicken verborgen, auch wenn das Innere dieser in der Objektphotographie Verwendung findenden Kuben einer grösstmöglichen Helligkeit und Neutralität dient. Unersichtlich bleibt, was sich dort befindet. Als Black Boxes verbergen sie Teile der Installation, die nur imaginiert werden können. Kann der Gesamtzusammenhang Hinweise liefern? Lediglich die zulaufenden Kabel lassen erahnen, dass sich im Inneren vielleicht elektrische Lichtquellen oder elektronische Geräte befinden – vielleicht ist es aber auch schlicht leer.

Zuzana Cela

wurde 1996 in Tirana geboren. Nach einer von Migration und Nomadentum geprägten Kindheit und Jugend, die sie in Osteuropa, den USA, Südafrika und Frankreich ver­brachte, hat sie ihren Lebensmittelpunkt heute in Lecce (Apulien). Sie hat keine Kunstakademie besucht, ihre künstlerischen Ausdrucksmittel lediglich mit Hilfe ihrer Familie, von Freunden und einer »geradezu pathologischen Besessenheit für die Gewalt von Bildern« im Selbststudium entwickelt. Celas Arbeiten kreisen meist um christliche oder antike Sujets, die sie mittels unterschiedlichster Eingriffe an digitalen Bilddateien oder materiellen Reproduktionen rekontextualisiert. Nachdem in den letzten Jahren vor allem Bild-Text-Serien entstanden sind, vertieft und verfeinert sie ihre Praxis gegenwärtig mit den Mitteln der Installation. Elementare Szenen der Kunstgeschichte werden mit vor allem technischen objets trouvés rekonfiguriert, um, wie Cela sagt, eine »für die Kunst lebensgefährliche Kollision mit einer für unsere geschundenen Sinne unkenntlichen Gegenwart« herbeizuführen. Auch wenn die von Zuzana Cela aufgerufenen und transponierten Erzählungen ohne Kenntnis der kunsthistorischen Folien kaum entzifferbar sind, geht es ihr um alles andere als ein l’art pour l‘art. Ihre künstlerische Intention ist es vielmehr, »so etwas wie Entzugserscheinungen hervorzurufen, um unsere fast vollständig verwüsteten Empfindungsvermögen zu heilen und für die Zukunft davon zumindest Reste zu bewahren«.