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Barbara Basting
Der Algorithmus und ich

Der Post, den ich hiermit teile, hat mich leicht verstört: »Barbara ist Facebook vor 6 Jahren beigetreten«!

12 Feb 2011 — 12 Feb 2017

Barbara Basting, 24.03.2017

Kürzlich wollte Facebook mit mir feiern. Zu dem Zweck hat das Unternehmen mir einen Eintrag auf meine Pinwand gepostet, die eigentlich für andere gesperrt ist. Wegen der Trolle. Aber für die FB-Leute gilt die Sperrung offenbar nicht. Steht sicher im Kleingedruckten. Der Post, den ich hiermit teile, hat mich leicht verstört: »Barbara ist Facebook vor 6 Jahren beigetreten«! Auf dem größten der Buttons, die das zugehörige Bild zeigt, erkenne ich mein Profilbild. Ein Selfie, das ich vor einiger Zeit vor einer stark gewellten Alufolienwand in einer Ausstellung von Joëlle Turlinckx im Museum für Gegenwartskunst in Basel aufgenommen habe und auf dem ich aussehe wie eine ölige Farbschliere. Absurder Tarnungsversuch. Auf den kleineren erkenne ich die Selfies einiger meiner sogenannten Facebook-Freunde. Mitten in dem -Button-Salat ein Pfeil. Eine Animation zum Anklicken.

 

 

 

 

Ich möchte an dieser Stelle dringend davor warnen. Es ist oberpeinlich. Eine Verhöhnung. Zum Dank für die jahrelange Mitgliedschaft bei FB wird mir eine extrem anspruchslose Animation im Stil eines etwas dümmlichen Kinderbuchs geboten. Sie zeigt als erstes einen Ballon, der in einen blauen Himmel aufsteigt, mit einem Wow-Smiley. Unten dran hängt eine Karte mit meinem Vornamen. Es folgt der Text: Heute mag ein ganz normaler Tag sein. Und doch ist er etwas ganz Besonderes. Warum? Natürlich wegen dem -Facebook-Jubiläum. Seit dem 12. Februar 2011 bin ich demnach bei Facebook. Die Animation präsentiert mir als nächstes eine Flippermaschine, in der oben ein Kalenderblatt mit dem magischen Datum eingefüllt wird. Dann laufen Like-Love-Wut-Buttons wie Flipperkugeln durch die Maschine, und nebst ein paar Bildern aus meiner »Timeline« genannten Vergangenheit sondert die Flippermaschine einen altjüngferlichen Stoßseufzer ab: »Wie die Zeit vergeht!« Die fünf, sechs darauf folgenden Fotos hat die algorithmische Schöpfkelle rausgefischt.

Da mir mein Facebook-Jubiläum so plastisch vor Augen geführt wird, drängt sich mir der Vergleich mit Dienstjubiläen in meinem bisherigen Angestelltendasein auf. Der Weltenlauf bringt es mit sich, dass das Ausharren auf einer Stelle heute nicht mehr so großzügig honoriert wird wie früher. In aller Regel sollte man froh sein, wenn man bleiben darf oder es lang genug in einem Betrieb aushält. Dies insbesondere, wenn es nicht nur darum geht, den Lebensunterhalt zu sichern, sondern auch noch Sinn und, ganz altmodisch, Erfüllung in der Arbeit zu finden. Leider zeigt die Gratisarbeit für Facebook hier keinen überzeugenden Weg auf.

Immerhin bietet sie eine Gratifikation in Form von Likes und Gratis-Erinnerungen. Genauer gesagt, sind es algorithmisch generierte Zufalls- und Zwangserinnerungen. In einer klugen und ziemlich einleuchtenden Studie des Literaturwissenschaftlers und Social-Media-Experten Roberto Simanowski habe ich jüngst gelesen, dass sich diese Erinnerungen gerade wegen ihrer algorithmischen Zufälligkeit nie und nimmer zu einer echten, kohärenten Erzählung fügen werden, sondern uns immer nur mit der Illusion einer solchen ködern. Leider funktioniert dieser Bild-Köder bei mir prächtig, ich gebe es zu. Da Facebook es an der materiellen Gratifikation ebenso fehlen lässt wie an einer Entlöhnung, beschloss ich, mich fortan auch pekuniär am von mir mitverursachten Erfolg des Netzwerks als Werbeplattform zu beteiligen. Ich habe mir zu meinem Facebook-Dienstjubiläum eine Facebook-Aktie gekauft (Einstiegspreis: rund 133 Dollar). Nun wollen wir mal schauen, wie sich das Geschäft mit den Illusionen entwickelt.

 

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