Gesellschaft für Medienwissenschaft (Hg.)

Zeitschrift für Medienwissenschaft 6
Sozialtheorie und Medienforschung

264 Seiten, Broschur, 24 sw. Abb.

ISBN 978-3-03734-229-9
ISSN 1869-1722

€ 24,90 / CHF 37,50

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DOI 10.4472/9783037343157
ISBN 978-3-03734-315-9
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Sozialtheorie und Medienforschung

Seit geraumer Zeit ist eine innovative Wechselwirkung zwischen Sozialtheorie und Medienforschung zu beobachten, die aber in ihren Voraussetzungen und Konsequenzen ungeklärt geblieben ist. Die innovativsten Verbindungen entstanden dabei oft in Forschungsrichtungen, die ihre praxistheoretische Vorgehensweise fortlaufend begründen mussten: in der Mikro- und Sozialgeschichte der Geschichtswissenschaft, in der linguistischen Konversationsanalyse und Diskursanalyse (mitsamt ihren Workplace Studies), in der Ethnologie und der Europäischen Ethnologie, und last but not least in der Techniksoziologie der internationalen Science and Technology Studies mit ihren historischen und ethnographischen Varianten. Auf diesem Wege ist eine praxistheoretische Überschneidung zwischen Sozial- und Medientheorie (und zwischen Sozial- und Techniktheorie) entstanden, die den soziologischen Vorannahmen der internationalen Media Studies, aber auch einer mitunter übermächtigen kulturwissenschaftlichen Abwehr sozialtheoretischer Diskussionen entgegenläuft.

Redaktion: John Durham Peters, Erhard Schüttpelz

Mit einer Dokumentation zum kontroversen Habilitationsverfahren von Friedrich Kittler.

Pressestimmen

»Das hätte Friedrich Kittler gefallen: In der ›Zeitschrift für Medienwissenschaft‹ publizieren Claus Pias und Ute Holl jetzt Auszüge aus der legendären Habilitationsakte Kittlers. (...) Aus keinem der Gutachten wurde damals ein Beitrag zur Wissenschaft, erst jetzt sieht man, was damit verpasst wurde.« Jürgen Kaube, FAZ

Inhalt

Im Rahmen ihrer Einleitung in den Schwerpunkt skizzieren die Herausgeber Peters und Schüttpelz die gemeinsamen Verbindungen der fünf Beiträge im Lichte aktueller Entwicklungen in der Sozialtheorie, den Medienwissenschaften und den Sozialwissenschaften. Alle Beiträge verbindet wesentlich das Interesse an Medien als infrastrukturelle Leistungen, die in Verhandlung zwische sozialen Praktiken und institutionellen Anforderungen stattfinden. Die Herausgeber plädieren dafür, Sozialtheorie auf neue Weise in den Blick zu nehmen: als Quelle für die Re-Lektüre klassischer Ansätze in den Medienwissenschaften und als Bereich für emergierende Interessensgebiete.

Die Ära der Audiokassette gilt als Voraussetzung für das Aufkommen sozialer Tauschpraktiken, deren Potential in dem sich anschließenden digitalen Zeitalter für eine neue Medienumgebung bestimmend werden sollte. Durch diese Entwicklung wurden Kassetten zum zentralen Element einer anti-deterministischen, historische Gültigkeit beanspruchenden Darstellung der Entstehung digitaler Kultur. Mit der Betrachtung von Kassetten wird offenbar, was eine vernetzte digitale Kultur auszeichnet, ohne sich einer simplen Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen Technologie und Praxis zu verschreiben. Wenn die Kultur des Sharing zuerst mit analogen Kassetten entstanden ist, kann es sich dabei per se nicht einfach um ein Produkt der Digitalisierung handeln. Vielleicht war es ja sogar andersrum: Was wir für Beschreibungen digitaler Netzwerke halten, sind in Wirklichkeit historisch bedingte Zuschreibungen. Man könnte fast sagen: Wenn es wahr ist, was die Kassetten uns sagen, dann ist die digitale Kultur in einem wesentlichen Aspekt überhaupt nicht digital.

Lenkt man die Aufmerksamkeit auf die Labore der US-Industrieforschung als Emergenzraum neuer medialer Techniken, tritt das Patent als wirkungsmächtiger Akteur deutlich hervor. In seiner Erscheinung als Ready Made Patent hält es den laboratorischen Entstehungsort und die Organisation seines Produktionsprozesses geheim. Damit täuscht das Patent eine Transparenz vor, die der juristisch eingeforderten Offenheit erfinderischer Aktivitäten und imitierbarer Innovationen zuwiderläuft.

Die piratische Infrastruktur bedeutet einen Paradigmenwechsel für Wirtschaft und Kapital in Nigeria, denn durch sie dehnt sich die Logik der Privatisierung in alle Bereiche des Alltagslebens aus. Dies lässt sich am Eindrucksvollsten am phänomenalen Aufstieg der Videofilm-Industrie aufzeigen. In der genauen Betrachtung der materiellen Handhabung der Piraterie und deren gesellschaftlichen Auswirkungen wird deutlich, dass wir es bei der piratischen Infrastruktur mit einer einflussreichen medialen Macht zu tun haben, die neue Formen der Organisation von sinnlicher Wahrnehmung, Zeit, Raum und ökonomischen Netzwerken schafft.

Hartmut Winkler problematisierte in den 1990er Jahren eine theoriegeschichtliche Bifurkation der Medienwissenschaft: »technikzentrierte versus ›anthropologische‹« Medienforschungen. Mit den als »Akteur-Netzwerk-Theorie« bezeichneten Soziologien wurde indes ein heuristischer Werkzeugkasten entwickelt, mit dem sich diese Zweipoligkeit von vornherein unterlaufen lässt. Der Beitrag präsentiert die Medienethnographie eines empirischen Falles (IKT-Lokalisierung in Lahore/Pakistan), die sich aus dem Werkzeugkasten bedient, und es dadurch ermöglicht, unter Verzicht auf apriorische Postulate zentrale Einsichten der Medienwissenschaft präzisierend zu reformulieren.

Dieser Aufsatz zieht paradigmatische Parallelen in der Entwicklung von Ethnomethodologie und Medienwissenschaft, indem Harold Garfinkels theoretischer und praxeologischer Beitrag für die Erforschung sozialer Medien skizziert wird. Anhand der Analyse von Garfinkels »Sociological Theory of Information« wird demonstriert, in welcher Weise die notwendigerweise beschreibbaren und berechenbaren Eigenschaften sozialer Informationsobjekte auf die zentrale Bedeutung von »accounts« verweisen, durch die sich die Handlungsmacht kommunikativer Netze begründet. Soziale Medien unterscheiden sich demnach von allen anderen dokumentenbasierten Medien in erster Linie durch ihre gesteigerte »accountability«, auf deren struktureller Grundlage abschließend Soziotechniken abgeleitet werden, die kennzeichnend für das World Wide Web sind.

Dieses Insert enthält alle Gutachten zu Friedrich Kittlers Habilitationsschrift »Aufschreibesysteme 1800/1900«, ein unveröffentlichtes Vorwort Kittlers und eine editorische Notiz von Ute Holl und Claus Pias.

Der Artikel bringt die Geschichte der aktuell angesichts der prognostizierten Erwärmung des Weltklimas diskutierten technologischen Alternativen zur Vermeidung von Emissionen, das Climate Engineering, in Zusammenhang mit den medialen Praktiken der Modellierung, die die Klimaforschung seit der Mitte des 20. Jahrhunderts bestimmen. Laborexperimente sowie die frühen Computersimulationen des lokalen Wettergeschehens haben dabei zu Versuchen geführt, einzelne Wetterlagen technisch zu modifizieren und die Atmosphäre zunächst im Kontext militärischer Operationen, später vor allem wissenschaftlich zu explizieren. Seit den 1970er Jahren generierten die Simulationen globaler ökologischer Zusammenhänge nicht nur ein zunehmend verlässliches Wissen um den Klimawandel, sie legten auch technische Eingriffe zur Stabilisierung dieses Klimasystems nahe, die an den virtuellen Komponenten wie Strahlungsbilanzen und CO2-Management ansetzen. Es wird exemplarisch nachgezeichnet, wie in der Klimaforschung, jener paradigmatischen Symbiose aus Natur- und Technowissenschaften, die Natur der Atmosphäre durch die Verwendung der Begrifflichkeit aus Kybernetik und Ökonomie in ein technisch steuerbares environment transformiert wurde.

Dieser Aufsatz untersucht einige Aspekte des turns zu Objekten in der Welt der Computerprogrammierung. Er fragt, welche Macht rechnerischen Objekten zugeschrieben wird, welche Effekte dies mit sich bringt und – vielleicht noch wichtiger – wie diese Effekte entstehen. Beim Versuch, die technische Welt der Computerprogrammierung im breiteren Kontext der sich ändernden Machtstrukturen in gegenwärtigen Gesellschaften zu situieren, wird ein Verständnis von Programmierung als rekursiver Problemlösung aus und mit digitalen Materialien vorgeschlagen. Dieser Aufsatz versucht also das, was man die Territorialisierungsmacht rechnerischer Objekte nennen könnte, wahrnehmbar zu machen.

Dave Tompkins Buch How to wreck a nice beach: The Vocoder from World War II to Hip-Hop über Medien der Spracherkennung, Nachrichtendienste, Krieg und Popkultur ist weit mehr als eine Geschichte des Vocoders vom 2. Weltkrieg zum Hip-Hop, als die es angekündigt ist. In der Verschränkung von Popkultur und militärisch-industrieller Forschung vertauscht Tompkins die Position eines medientechnischen Apriori gegen Aliens, Formanten und Transformanden. Tompkins Buch, das selbst, wie der Titel ankündigt, alle Formen akustischer Spiele treibt und übertreibt, ist zugleich ein Roman der Erinnerung an Stimmen, die, aus dem Nichts oder dem All kommend, die Kinderohren der siebziger und achtziger Jahre mit den außerirdischen Aspirationen der Labore vernähten.

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Die Zeitschrift für Medienwissenschaft ist die erste deutschsprachige Publikation, die sich den vielfältigen Ausrichtungen der Medienwissenschaft widmet. Sie soll die medienwissenschaftliche Forschungstätigkeit in ihren aktuellen Bereichen abbilden und ein Forum für die methodischen und inhaltlichen Diskussionen, die in allen Bereichen der Medienwissenschaft stattfinden können, darstellen.

Die Zeitschrift möchte damit der Eigenart der Medienwissenschaft gerecht werden, deren Gegenstände sich oft abseits zentraler Paradigmen von den Rändern her entwickeln, bevor sie zu größeren Forschungsverbünden werden. Die Zeitschrift für Medienwissenschaft sucht vielfältige Anschlüsse und Querverbindungen zur internationalen Forschung ebenso wie sie genuine Ansätze der deutschen Medienwissenschaft bündelt und zur Diskussion stellt. Besondere Aufmerksamkeit gilt Forschungsthemen im Stadium der Konstituierung und Etablierung, die hier ein Forum erhalten sollen. Damit sollen kommende Forschungsfragen der Medien-wissenschaft sowie emergierende Problemfelder freigelegt, technische und ästhetische Entwicklungen auf ihre theoretischen und epistemologischen Fragen hin untersucht werden.

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