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Man kann sich nur auf ein Ideal ausrichten

Simone Weil

Theoretischer Entwurf einer freien Gesellschaft

Übersetzt von Thomas Laugstien

Aus: Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung, S. 65 – 94

Und doch kann nichts auf der Welt dem Menschen das Gefühl nehmen, dass er zur Freiheit geboren ist. Nie, was auch immer geschieht, kann er die Knechtschaft ertragen; denn er kann denken. Er hat nie aufgehört, von einer Freiheit ohne Grenzen zu träumen, ob in Form des vergangenen Glücks, das ihm zur Strafe genommen wurde, oder des zukünftigen Glücks, das ihm der Pakt mit einer geheimnisvollen Vorsehung verbürgen soll. Der von Marx vorgestellte Kommunismus ist die jüngste Form dieses Traums. Dieser Traum blieb immer vergeblich, wie alle Träume, oder wenn er ein Trost war, dann nur als ein Opium. Es ist an der Zeit, von der Freiheit nicht mehr zu träumen und den Entschluss zu fassen, die Freiheit zu denken.

Wir müssen versuchen, uns die vollkommene Freiheit klar vorzustellen, nicht in der Hoffnung, dorthin zu gelangen, aber in der Hoffnung, eine Freiheit zu erlangen, die weniger unvollkommen ist als unsere jetzige Situation; denn das Beste ist nur durch das Vollkommene denkbar. Man kann sich nur auf ein Ideal ausrichten. Das Ideal ist nicht minder unrealistisch wie der Traum, hat aber einen Bezug zur Realität; es gibt uns als Grenzwert die Möglichkeit, reale oder realistische Situationen je nach ihrem größeren oder geringeren Wert einzuordnen. Vollkommene Freiheit ist nicht nur als bloße Beseitigung jener Notwendigkeit zu begreifen, unter deren Zwängen wir permanent leiden; solange der Mensch lebt, solange er also ein winziges Element dieser unbarmherzigen Welt ist, wird der Zwang der Notwendigkeit nie auch nur ein Fünkchen nachlassen. Einen Zustand, der dem Menschen so viele Genüsse und so wenige Mühen bereitet, wie es ihm gefällt, kann es auf unserer Welt nicht geben, allenfalls als eine Fiktion. Die Natur kann zwar je nach dem Klima, vielleicht auch nach den Epochen milder oder strenger sein, aber auf das Wunder zu warten, durch das sie überall und ein für allemal milde wird, wäre ungefähr so sinnvoll wie einst die Hoffnungen auf das Millennium. Auch ist es bei näherer Betrachtung nicht angebracht, dieser Fiktion nachzutrauern. Wir müssen nur an die menschlichen Schwächen denken, um zu begreifen, dass ein Leben, aus dem sogar der Gedanke an Arbeit verschwunden wäre, den Leidenschaften und vielleicht sogar dem Wahnsinn verfällt. Ohne Disziplin kann es keine Selbstbeherrschung geben, und es gibt für den Menschen keinen anderen Ursprung der Disziplin als die Anstrengung, die durch äußere Hindernisse notwendig wird. Ein Volk von Müßiggängern könnte sich damit vergnügen, Hindernisse aufzustellen, sich der...

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Simone Weil

Simone Weil

wurde in Paris geboren. Nach ihrem Studium an der École normale supérieure arbeitete sie als Philosophielehrerin in der Provinz und war in der Gewerkschaft aktiv. 1936 engagierte sie sich auf Seiten der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg. Neben einer ständigen publizistischen Tätigkeit arbeitete sie als Fabrik- und Hilfsarbeiterin. 1942 gelangte Simone Weil auf der Flucht vor der Gestapo über Amerika nach London, wo sie als Redakteurin von »France libre« arbeitete und trotz ihres schlechten Gesundheitszustandes plante, sich als Krankenschwester an die Front versetzen zu lassen. Sie starb 1943 in London. In deutscher Sprache wurde ihr Werk verstreut veröffentlicht; die meisten Publikationen sind vergriffen.

»Jede Zeile Simone Weils lohnt die Lektüre.« Susan Sontag

Simone Weil: Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung

Vor dem Hintergrund einer Radikalisierung der politischen Systeme in Europa fragt Simone Weil 1934 nach den Ursachen des überall um sich greifenden Unbehagens. Warum leben wir in einer ungerechten Gesellschaft, in der der Einzelne nicht frei und zufrieden sein kann? Weil wir uns nach Simone Weil zu Instrumenten der von uns selbst produzierten Herrschaft machen. Aus einer marxismuskritischen Perspektive erforscht sie die Verbindung von wachsender Unterdrückung und wachsender wirtschaftlicher Prosperität. Welchen Preis zahlt das Kollektiv für den Glauben an ewiges Wachstum und immer weiter gesteigerte Produktivität? Den Preis der Freiheit und der Eigenverantwortung, sagt Weil, einen Preis, den zu bezahlen wir nicht bereit sein sollten.