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»Was, zum Teufel, ist das für ein Land…«

Gustave de Beaumont

Die Amerikareise

Aus: Fünfzehn Tage in der Wildnis, S. 93 – 104

Dieser Text entstammt dem zweiten Kapitel der »Notice«, die Gustave de Beaumont, der Freund und Reisegefährte Tocquevilles, der ersten Ausgabe der nach­gelassenen Werke Tocquevilles (Correspondance et œuvres posthumes d’Alexis de Tocqueville, Paris, 1860) als Vorwort vorangestellt hatte. Ein Jahr nach dem Tod des Autors erinnert sich Beaumont an die Umstände der Expedition, die die beiden Männer nach Saginaw führte. Er erwähnt darin auch den voranstehenden kurzen Bericht von einer Exkursion, die die beiden Reisenden ein paar Tage vor ihrem Aufbruch nach Buffalo unternahmen, der aber nicht in Fünfzehn Tage in der Wildnis enthalten ist, den Text Am Oneida-See.


Vielleicht war die Begutachtung der amerikanischen Gefängnisse für die beiden Reisenden mehr Vorwand als Anlass ihres Unternehmens, aber wir können versichern, dass sie, wäre sie dessen alleiniger Zweck gewesen, mit nicht geringerem Ernst betrieben worden wäre. 


Kaum in New York angekommen (am 10. Mai 1831), widmeten sie sich sofort ihrer offiziellen Mission. Sing Sing und Auburn im Staat New York, Wethersfield in Connecticut, Walnut-Street und Cherry Hill in Pennsylvania, alle die Einrichtungen, die nach diesen Orten benannt sind, sowie eine Menge anderer, die in den Annalen des Strafvollzugs weniger prominent sind, wurden nacheinander zum Gegenstand gewissenhaftester Untersuchung. Ein einziges Beispiel gibt bereits eine Vorstellung davon, welche Bedeutung sie dieser Arbeit beimaßen, und wirft zudem ein bemerkenswertes Licht auf eine der Fähigkeiten Alexis de Tocquevilles, nämlich sein Gedächtnis. 


Als sie in Philadelphia vor dem berühmten Gefängnis von Cherry Hill standen, wo das System der absoluten, Tag und Nacht dauernden Isolation in Kraft war, glaubten sie, man müsse, wenn man sich über die Wirkungen dieses Regimes unterrichten wollte, nicht nur den physischen, sondern auch und vor allem den moralischen Zustand der Häftlinge berücksichtigen. Der Vermerk des Direktors lautete jedes Mal günstig: tadelloses Betragen, hervorragendes Betragen; aber die französischen Kommissare konnten sich nicht enthalten zu fragen, welchen Verstoß gegen die Disziplin ein Gefangener, der ohne jeden Kontakt mit seinesgleichen allein in seine vier Wände verbannt ist, wohl begehen könnte. Sie ersuchten um Erlaubnis, die Häftlinge einzeln zu besuchen und sich ohne die Anwesenheit irgendeines Gefängnisangestellten mit ihnen zu unterhalten, in der Hoffnung, auf diese Weise von den Gefangenen in ihre geheimen Gefühle eingeweiht zu werden und bis zum Grund ihres Herzens vorzudringen. Als die Erlaubnis bewilligt war, nahm Alexis de Tocqueville diese delikate Arbeit ohne jede Hilfe seines Begleiters auf sich, der wie er selbst der Meinung war, dass, was man einem anvertraut, man nicht unbedingt...

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Alexis de Tocqueville: Fünfzehn Tage in der Wildnis

Alexis de Tocqueville

Fünfzehn Tage in der Wildnis

Übersetzt von Heinz Jatho

Mit einem Nachwort von Robin Celikates

Broschur, 112 Seiten

Inkl. Mit einem Text von Gustave de Beaumont

ePub

Während seiner großen Nordamerikareise, die eigentlich den Beobachtungen des amerikanischen Rechtssystems gewidmet war und der wir letztendlich auch sein Hauptwerk »Die Demokratie in Amerika« verdanken, begab sich Alexis de Tocqueville für zwei Wochen auf Abwege. Auf der Suche nach der Wildnis und den Ureinwohnern des Kontinents durchreist er den Bundesstaat New York, überquert den Eriesee und findet schließlich fast unberührte Täler im Distrikt Michigan. Der Bericht seiner Eindrücke und Begegnungen zeichnet ein unmittelbares Bild von der Verheerung und Erschließung, der Zerstörung und Zivilisierung des Kontinents und seiner Bevölkerung.