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Es gibt kein absolutes Besonderes.

Milo Rau, Rolf Bossart

Über Realismus

Veröffentlicht am 04.07.2017

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Rolf Bossart: Unter einem bestimmten Blickwinkel kann man alle deine bisherigen Projekte als Entfaltung und Realisierung eines neuen Realismus bezeichnen. Lässt sich der Punkt, wo plötzlich das Alte mit dem Potential zur Transformation in etwas Neues auftritt, bestimmen?


Milo Rau: Ein paar Monate vor seinem Tod führte ich eine Folge von Gesprächen mit dem Philosophen und Medientheoretiker Friedrich Kittler, der sich in seinen kulturtechnischen Forschungen intensiv mit verschiedenen Aufschreibesystemen von Literatur bis Computerprogrammen beschäftigt hat. Eines davon, in dem es um die Macht der Bilder in der rumänischen Revolution ging, ist in dem Band Die letzten Tage der ­Ceausescus abgedruckt. Ein anderes konnte von Kittler nicht mehr autorisiert werden. Es ging darin um das Verhältnis zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen nach Hegel. Warum aber Hegel? Kittlers wichtigste Bücher sind aggressiv undialektisch, Kittler war der Ent-Hegelianisierer der deutschen Philosophie. Aber wie gemäß einem Marx-Zitat »alle Staatsformen zu ihrer Wahrheit die Demokratie haben«, pflegte Kittler zur Überprüfung seiner Technik-Philosophie ab und zu den Sänger des Weltgeistes zu befragen. ­Hegels Definition des Besonderen gegenüber dem Allgemeinen ist für eine Realismustheorie folgenreich: Das Besondere ist nicht – wie hundert Jahre nach Hegel die formalen Logiker glauben würden – im Allgemeinen ­enthalten. Das Besondere ist jener Ort, in dem sich das Allgemeine realisiert. Und als materialistisch aufgeklärter Idealist könnte man sogar sagen: Es gibt kein Allgemeines jenseits seiner Realisierung. »Das Interessante an Hegels Defini­tion ist aber«, sagt Kittler an einer Stelle, »die objektive Qualität, die er dem ­Besonderen ­zuspricht. Anders ausgedrückt gibt es nach Hegel kein absolutes Besonderes.« Mit einer Art Schock erkannte ich erst später, dass dieser Satz, der mir zuerst im ­Gespräch überhaupt nicht aufgefallen war, für meine Arbeit eine Art Dogma darstellte: Es gibt kein absolutes Besonderes.


Rolf Bossart: Was sind deine konkreten Schlüsse daraus?


Milo Rau: Diese von Kittler transportierte ­Hegelsche Erkenntnis, dass es kein absolutes ­Besonderes gibt, heißt eigentlich, dass die ganze Theorie des subjektiven Erzählens, des subjektiven ­Erlebens, von dem die Performance ausgeht, keine reale Basis hat, weil es das solitäre Subjektive so nicht gibt. Der Mensch ist immer bereits aufgehoben oder eingeordnet in Kollektiven. Und das ist das, was zählt. In dem Moment, wo er ins Öffentliche oder auf eine Bühne tritt, spricht er nicht mehr für sich allein, auch da, wo er scheinbar nur von sich erzählt. Es gibt natürlich die subjektive Vereinzelung als Autismus oder als Solipsismus, aber das sind keine Formen, die im Theater irgendeine Bedeutung haben.


Rolf...

Im Grunde genommen müsste man ein neues Systemprogramm aufstellen für die jetzige Zeit. Wenn man historisch denkt, ist es klar, dass Kant und nach ihm die ganzen ­Romantiker nicht einfach herbeitrippeln können, wenn nicht vorher die ganze Dekonstruktion der Aufklärung stattgefunden hätte. ­Dieselben Ideen können, wenn sie beispielsweise präpostmodern geäußert werden, reiner Retrokitsch sein oder sie können jenes Neue sein, das das Alte, dem sie entstammen, selbst einmal war. Erst dann nämlich, wenn die Dekonstruktion an ihr Ende gekommen ist, lässt sich sagen: Okay, das war alles richtig und notwendig, aber trotzdem! Und für das Trotzdem, für diesen Klartext, jenseits aller ­erkenntnistheoretischen Bedenken, ist jetzt die Zeit.

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Rolf Bossart

studierte Theologie und Geschichte in Fribourg, Berlin und Luzern und promovierte über »Die theologische Lesbarkeit von Literatur. Studien zu einer verdrängten Hermeneutik«. Er ist Dozent für Religionswissenschaften und Psychologie und publiziert in verschiedenen Zeitschriften.
Rolf Bossart, Milo Rau: Wiederholung und Ekstase
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Milo Rau

Milo Rau

studierte in Paris, Berlin und Zürich, u. a. bei Pierre Bourdieu und Tzvetan Todorov. Seit 2002 veröffentlichte er über 50 Theaterstücke, Filme, Bücher und Aktionen. Milo Rau wurde zuletzt mit der Saarbrücker Poetikdozentur für ­Dramatik 2017 und dem 3sat-Preis 2017 geehrt. Ab der Saison 2018/19 übernimmt er die Intendanz des Nationaltheater Gent.
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