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China frisst Menschen

China frisst Menschen

Damian Christinger, 11.04.2017

Richard Huelsenbeck, Mitbegründer und Drummer des Dadaismus in Zürich, kehrte in den 1920er Jahren den Querelen der künstlerischen Avantgarden den Rücken, um als Schiffsarzt anzuheuern und die Welt zu bereisen. China war für ihn eine Offenbarung. »China frisst Menschen« ist ein erstaunlicher Roman, wider seine Zeit geschrieben, in der im Westlichen Mainstream von der »Gelben Gefahr« die Rede ist. Huelsenbecks aufklärerischer Roman, verortet China als Spielball der Westlichen Mächte, als einen gnadenlosen Ort zwischen den Imperien, in dem das gesamte Personal des Buches, ob Deutscher oder Chinese, am Schluss scheitert und von der Geschichte verspiessen wird. Das Fazit des Buches ist so einfach wie nüchtern – Huelsenbeck beschreibt den Hafen von Shanghai so: »Auf den Bänken träumen mit hochgezogenen Knien einige Bettler, Strandläufer, Chinesen und Europäer. Der Hunger hat die Unterschiede der Rassen ausgelöscht.«

 

Richard Huelsenbeck: China frisst Menschen
Orell Füssli Verlag: Zürich/Leipzig, 1930
Erstausgabe, 352 Seiten

The Transversal Shelf of Printed Books in Times of Accelerated Opaque Media

Als eminente Medien der Langsamkeit erscheinen gedruckte Bücher manchen heute als Plunder, anderen als Treibgut des Geistes, das zu finden und aufzulesen nicht nur die Regale füllt. Als veritable Träger von Latenz halten sie die Möglichkeit bereit, quer zum Zeitgeist und unbeobachtet aufzuspüren, was in unerreichter Gegenwart oder längst vergangenen Zukünften Sinne und Gedanken in Erregung versetzt. Die besten Stücke leuchten von weit her wie an den Ufern der Zeiten gestrandete Flaschenpost. DIAPHANES sucht nach lärmenden Zeitkapseln, raren Bijous, unverzichtbarem Sperrgut aller Epochen, Sprachen und Genres.