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A Questionnaire: Tom Kummer

Tom Kummer, 29.06.2017

 

Was war heute Ihr erster Gedanke?
Aufstehen? Oder liegenbleiben? Wahnsinn oder Genie? An was will ich überhaupt noch glauben? Brauchen wir Glauben? Und wieso sehe ich in Bern nie tote Vögel auf der Straße? In Los Angeles war das anders. Da gab es Road Kill überall!

 

Are you serious?
Very serious … to the point that people think I am lying or making fun of them.

 

Los Angeles oder Berlin?
Ich liebe L.A., weil die Stadtwüste und ihre Menschen immer noch so teuflisch schwierig zu »lesen« sind. Berlin ist mir zu soft geworden. Vielleicht fehlen dort die wirklich kranken Köpfe.

 

John McEnroe or Martina Navratilova?
Borg was my guy. But then I realized that McEnroe was the smart one. And Borgʼs image of the iceman
was just a sign of dullness. That was very disappointing. When I was 16, I thought Navratilova really looked hot. But I was afraid to tell that to anyone.

 

A question to which “yes” is always your answer?
Want to play some basketball, one-on-one?

 

Fahren oder Schwimmen?
Fahren. Der Blick durch die Windschutzscheibe bedeutet Kino, ein Raum, in dem fantastische Ideen zu Realitäten werden. Mit Nina hatte ich immer die schönsten Gespräche beim Fahren. Es floss einfach so aus uns heraus, und es gab kein Entkommen im Wagen.

 

What is the problem with solutions?
Everybody seems to be happy with solutions. Not me. I love chaos. My belief system tells me: only conflicts, disfunctionality, troublemakers like me, scandals, and more drive us forward, create progress …

 

Was macht Sie verrückt?
Stress. Zeitdruck. Arbeiten.

 

Blind or deaf?
Deaf … but nothing against blindness!

 

Welche Götter?
Film-Regisseure waren für mich Götter. Jedenfalls jene Autorenfilmer, wie man sie damals noch nannte, die an einer neuen Filmsprache arbeiteten.

 

Is it true?
No idea.

 

Wann werden Sie rot?
Wenn ich gelobt werde, für gute Eigenschaften, die ich eigentlich auf gar keinen Fall preisgeben wollte.

 

Your favorite image?
That scene in Stranger than Paradise by Jim Jarmusch when John Lurie and his friends stand at an empty beach, all is grey around them, and they reach a point of existential boredom. I like that human condition, and I think the deeper you can sink into nothingness the deeper you can dig into great ideas …

 

Vor was fürchten Sie sich?
Abgründe. Ich habe schreckliche Höhenangst. Dabei bin ich ein waghalsiger Skifahrer. Sobald ich auf
Ski stehe, bin ich mutig und wage mich an die brutalsten Steilhänge. Aber ich kann nicht von Hochhäusern runterschauen.

 

Please complete the following sentence:
As he looked at her…
… she hesitated for a moment. But it was crystal clear that they belonged together … forever.
 

Where is your center of gravity?
Kreativität.

 

Wer schützt Sie vor sich selbst?
Manchmal Freunde. Aber in erster Linie das zweite »Ich«, das man sich erhalten hat.

 

What does “home” mean?
Eine Wüste.

 

In die Zukunft schauend, was sehen Sie?
Mehr Autoverfolgungsfahrten. Mehr Selbsthilfegruppen für UFO-Entführungsopfer.
Eine Ehrenmedaille für meine literarischen Leistungen als Pionier im Zeitalter der alternativen Fakten.
Noch mehr Menschen, die in der Porno-Industrie arbeiten. Mehr streunende Tiere auf deutschen Straßen.

 

Remembering, what do you hear?
Beach Boys, Pet Sounds.
Die Stimme meines Vaters, der mir erklärt hat, dass man sich nicht neu erfinden könne. Niemals.
Man bleibe immer derjenige, als der man geboren wurde. Und wer was anderes erzählt, lügt.

 

Apfel oder Zitrone?
Pink Lady.

 

What should happen after death?
I want to be pulled into a vortex of colored light, as astronaut Dave Bowman is in 2001 – A Space Odyssey. And then race across vast distances of space, viewing bizarre cosmological phenomena and strange landscapes of unusual colors. Thatʼs what I expect from life after death.

 

Hunter S. Thompson oder Tom Wolfe?
Beide haben mich vergiftet. Ich kam in den 80er Jahren von den beiden nicht mehr los.
Diese Idee, so zu schreiben, dass es aussieht wie Journalismus, aber etwas ganz anderes ist. Von Thompson konnte man mehr über die »Selbstinszenierung« lernen, von Wolfe die sprachlichen Kapriolen.

 

What’s wrong with reality?
Nothing wrong with reality. People believe what
they want to believe. It’s how reality is represented by people or media, the sell-out of reality that has existed for decades in our media that fascinates me. How Hollywood sells reality, sells stars in the media, how politicians are created. How journalism pretends that it cannot be bought. That it holds the key to reality and truth. I say: Wahrheit ist käuflich. I was always more interested in hyperreality, that condition in which what is real and what is fiction are seamlessly blended together so there is no clear distinction between where one ends and the other begins.

 

Rot oder blau?
Rot.

 

A poem or song you won’t forget?
The Clash / “Rebel Waltz”: I slept and I dreamed of a time long ago I saw an army of rebels, dancing on air
I dreamed as I slept, I could see the campfires,
A song of the battle, that was born in the flames,
And the rebels were waltzing on air.

 

Was langweilt Sie?
Flughafen-Lounges. Abfertigungshallen. Warten auf den Abflug.

 

Your remedy for gloom?
Brainstorming. Running.Planning a new book or art piece.

 

Was möchten Sie nicht noch einmal essen?
Ich entdeckte Insekten als Delikatesse schon vor Jahren im mexikanischen Bundesland Chiapas.

 

How to deal with neutrality?
What is neutral about neutrality? The Swiss are bullshitting themselves and their sense of neutrality! There can be no politics without vision, no philosophy without commitment. Neutrality, if taken seriously, will destroy the most distinctive feature of politics. It’s an absurd search for a value-free politics. His philosophy is superficial, just another political slogan. And the Swiss are so proud of it. But they live in a Disney World, a honey pot. Nothing is real about this place. But it is bloody convenient to live here, I must say!


Wald oder Wiese?
Wüste.

 

Your favorite geometric form?
I enjoy the magic triangle. Specially in a love affaire …

 

Nan Goldin oder Larry Clark?
I prefer Nan Goldin. I was there when she arrived in Berlin in 1985 and shot her most important book
The Ballad of Sexual Dependency in which two pictures of me are printed. But I always had my doubts about how photographers operate to create “their realities”. I think Larry Clark was even worse when it came to exploiting the objects of desire. In the case of Clark it was mostly teenagers that he lured into believing he was going to make them superstars—as long as they take drugs and fuck in front of his camera.

 

Your favorite star in real life?
I don’t care about stars anymore …

 

And in fiction?
Im Kino: Travis Bickle in »Taxi Driver«,
»Nina & Tom« in der Literatur.

 

Wie sterben?
Wie Nina. Das Hirn mit Morphium benebelt. Durch die Jalousie ist ein blutroter Streifen am Horizont zu erkennen. Irgendjemand schiebt eine Hand zwischen meine Beine.

 

Welches Buch lesen Sie gerade?
»Acid«, herausgegeben von Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla.

 

Please complete the following sentence:
As she looked at him…
… he stared back in disbelief. He knew immediately: she is out of his league.

 

Geld oder ein guter Ruf?
Die Frage stellt sich mir nicht. Ich habe Geld… und einen besonderen Ruf: das Resultat harter Arbeit.

 

Your favorite question?
Pamela Anderson, you embody every materialistic zeitgeist. Reality loses itself in simulation, and the cult of the body is the most consistent reaction to that. Have you found the meaning of life in this?

 

 

 

Photos: © Rudolf Steiner, Haus am Gern

 

 

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Rudolf Steiner, Pleasant Valley

Fatal Conjunctions

Alles hängt mit allem zusammen, sagt Lenin, wie auch die Gurus von der Finanz, und je mehr alles aus dem Leim geht, ­desto besser läuft es, sagt Deleuze, wie nach ihm die Gewinnler der »Krise«. Es sind viele Striche, die das große Bild machen, ­Knoten, aus denen man Netze knüpft, Gleich­setzungen, die Ausschlüsse begründen und in Ordnungen zwingen: kleine ­Wörter, die den Unterschied machen. An den ­Gelenken artikuliert sich Gestalt und die Richtung der Bewegung, an den Bändern und ­Bindungen hält oder zerreißt das Gemeinsame, Kollektive, jedes Reden vom »wir«.

Kommunismus als »freie Assoziierung freier Individuen«? Jetzt, da die Einzelnen – ein bewegliches Heer von Chiffren, Bildern, Daten, Relationen, technologisch gesammelt, ideologisch gefiltert, übertragen und lesbar gemacht – den Staaten und corporations als identifizier- und kontrollierbar erscheinen? Die Individuen sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, würde Nietzsche sagen.

Fatal Conjunctions – Fatale Verbindungen: Lose Versuche. In und mit Leerstellen assoziieren. Kleine Einschnitte ins Große und Ganze setzen. Den Fluchtlinien bis über die Grenzen folgen. »An die Welt glauben.« Vom double bind zu den missing links. Ein unscheinbares Gleiten und Auseinanderlaufen, nomadische Bewusstseine, im Plural, und im Zweifel neben der Spur. Was aber ließe sich damit verbinden?

Ein Abgesang. Tod in Venedig, reenacted

Barbara Basting, 07.07.2017

Sehr geehrter Präsident der Biennale von Venedig, sehr geehrter Paolo Baratta,

 

selten habe ich die Biennale so unzufrieden und müde verlassen wie dieses Jahr. Nein, es lag nicht an den unzähligen Kilometern, die ich wie jedes Mal zurückgelegt habe, um Giardini, Arsenale, Corderie zu sehen. Es lag an der Kunst, die ich auf diesen Kilometern zu sehen bekommen habe.
»Viva arte viva« — schon das Motto der Hauptausstellung der diesjährigen Biennale hätte mich eigentlich misstrauisch machen müssen. Nicht dass irgendjemand auf diese Motti noch besonders viel geben würde; sie haben sich schon bei den letzten Ausgaben oft als recht hohl entpuppt. Aber nach dem Besuch der Schau ist nun vollends klar: »Viva arte viva« kaschiert mit seiner klappernden ­Albernheit einen Kollaps. Es ist die Implosion der Idee eines irgendwie sinnvollen Überblicks zur zeitgenössischen Kunst. Ein Abgesang. Tod in Venedig, reenacted.
Dabei ist es ja keinesfalls so, dass die gezeigte Kunst, oder besser gesagt, einzelne Werke, nicht mehr zu uns sprechen würden oder uns nichts mehr zu sagen hätten. Nur will es der Hauptschau partout nicht mehr gelingen, das herzustellen, was doch einmal die Idee war: als Ergänzung zur notwendigerweise chaotischen Vielfalt der Länderpavillons ein irgendwie schlüssiges Bild der Kunst der Gegenwart zu zeichnen, bei dem das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Vielleicht hat niemand diesen Kollaps besser geahnt als Harald ­Szeemann mit seiner letzten Ausgabe von 2001, für die er die Leit­idee (oder war es eine Leitschnapsidee?) »Plateau de l‘humanité« (wahlweise zu übersetzen mit »Plateau der Menschheit« oder »der Menschlichkeit«) gewählt hatte. Die Ausstellungsarchitektur versinnbildlichte dieses menschliche Plateau mit einer schiefen Ebene im Hauptpavillon. Ausgerechnet. War das visionär gemeint oder gar ironisch? Was ist seither nicht alles ins Rutschen gekommen!
Der Kollaps, die Implosion der Biennale vor unser aller Augen hat aber nicht nur mit der dieses Mal besonders schlechten Hauptschau zu tun, sondern ist auch eine Folge ihrer Expansion und Explosion vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten. Genauer gesagt: einer flächenmäßigen Überdehnung sowie einer Explosion der Besucherzahlen nebst der internationalen Aufmerksamkeit. All das können Sie als Präsident natürlich als Erfolg verbuchen. Als die Art von Erfolg jedenfalls, wie ihn zahlenfixierte Politiker und die meisten Geldgeber lieben, auf die die Biennale angewiesen ist. Nicht nur dieser Erfolg macht Sie zu einem geschätzten Kulturimpresario. Sie haben enorm viel geleistet, zum Beispiel die Biennale in den Jahren Berlusconis vor der völligen Verramschung bewahrt. Aber Ihr Erfolg hat auch einen Preis. Er besteht in Kompromissen aller Art, beispielsweise gegenüber den Galerien, ohne die die Biennale finanziell nicht zu stemmen wäre. Jedenfalls nicht so, wie sie jetzt ist.
Und nun verstellt dieser Erfolg wohl definitiv den Blick dafür, dass der Riesenkahn Kunstbiennale dringend eine Rundumerneuerung bräuchte. Er verhindert auch einen Befreiungsschlag. Denn wäre es zum Beispiel nicht endlich an der Zeit, sich zu verabschieden von einem gewichtigen Teil der Biennale-Erbmasse, der unseligen und immer unmöglicheren Verklammerung von Länder-, Völker-, Leistungs- und Trendschau? Wie wäre es mit dem offensiven Eingeständnis, dass die Epoche der notdürftig zusammengeklempnerten Kunst-Erzählungen à la »Viva Arte Viva« ihrem Ende zuneigt, weil selbst die mittelprächtigsten Kunstwerke derlei nicht verdient haben?

Wäre es nicht auch angesagt, wieder echte Fragen an die Kunst heranzutragen, nicht nur rhetorisch polierte Motti über sie zu stülpen? Fragen, die gerne auch wehtun dürfen, weil das, was heute rundherum in der Welt passiert, eine Kunst, die vor allem der Ablenkung und Beschwichtigung dient, ziemlich brutal entwertet. Fragen etwa nach aktuellen Varianten der Zensur und der Vereinnahmung von Kunst. Oder Fragen nach dem Zustand der Fundamente des heutigen Kunstbetriebs, die in der frühen Moderne gelegt wurden und heute ebenfalls als komplett sanierungsbedürftig erscheinen. Die Architekturbiennale von Rem...

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Ein Abgesang. Tod in Venedig, reenacted
Von Barbara Basting

07.07.2017